kurz angerissen*
Feldwege und Wiesen, durch die stürmisch der Wind bläst. Dann ein junger Kerl (Jean-Pierre Lemaire) mit schelmischem Blick und wirrem Blondschopf, der ruhelos die Landschaft durchzieht, bevor er sich mit einer Frau anlegt, die vom gleichen Schlag zu sein scheint wie er. Ihr kommen bald zwei Verbündete zur Hilfe, er bleibt alleine zurück und muss sich ins offene Land zurückziehen.
„Fascination“ beginnt wie ein typischer Outlaw-Western, der mitten in der Prärie das Schicksal einer Gruppe Gesetzloser verfolgt. „Herrin der toten Stadt“ mit Gregory Peck soll Jean Rollin als Inspiration gedient haben; nur, dass bei Rollin eben keine Prärien durchstreift werden, sondern französisches Hinterland; und dass anstatt einer Geisterstadt natürlich ein verlassenes Chateau als Rückzugsort wartet.
Spätestens hier wird die Realität wieder von der typisch Rollin'schen, assoziativen Traumlogik eingeholt. Gerade noch sind alle Gedanken des Gauners bei so etwas Profanem wie seiner Beute, da trifft er in dem auf unheimliche Weise stillen Anwesen auf zwei junge Frauen, die sich als Zimmermädchen vorstellig machen. Im Affekt reagiert er seinem Naturell gemäß und nimmt die Beiden als Geiseln, doch die reagieren nicht verängstigt, sondern amüsiert...
Allerdings schickt Rollin schon im Prolog einen Vorboten des Surrealismus voraus, indem er eine Adlige im weißen Gewand ein Schlachthaus besuchen und dort ein Kristallglas voller Blut trinken lässt (für diese Szene wiederum wird J.F. Gueldrys Gemälde „Die Bluttrinker“ verantwortlich gemacht). Dabei entgeht einem nicht die aus heftigen Kontrasten bestehende, dennoch auf seltsame Art unterschwellige Erotik, mit der auch Walerian Borowczyk seine Werke ausstattete. Doch erst wenn Franca Maï und Brigitte Lahaie die Szenerie betreten, sind wir endgültig in die Gedankenwelt des Regisseurs eingedrungen, die nach einem Geflecht symbolischer Verknüpfungen ausgerichtet sind, welche man kaum sinnvoll bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen kann.
Besser genießt man die Arrangements, die Rollin in so vielen seiner Werke wie aus dem Unterbewusstsein heraus gelingen. Die unter ihrem schwarzen Cape nackte Lahaie, die auf der Brücke vor dem Schloss ihre Sense schwingt, ist so ein unvergesslicher Augenblick im Schaffen dieses hoffnungslosen Romantikers, der wieder Sehnsüchte und Ängste in einem großen Topf verrührt und mit latenten Spuren des Vampirfilms versetzt, sich sogar in ihren Klischees suhlt, ohne jemals auch nur einen Reißzahn zeigen zu müssen. Das Wesen des Vampirs liegt für ihn eben tief unter der Haut des Raubtiers; es wabert im ständigen Wandel wie der Fluss der Gezeiten. Vielleicht lässt sich damit der auffällig inszenierte Wechsel vom Tag zur Nacht deuten, der „Fascination“ seine besonders im letzten Akt unwirkliche Stimmung verleiht; oder das Spiel, das die beiden Furien mit dem Eindringling und auch miteinander treiben.
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