Review

Normalerweise läuft das so mit den modernen Komödien, die auf ein junges Publikum ausgerichtet sind: man entscheidet sich, wie geschmacklos es werden soll, berechnet dann den nötigen Fremdschämanteil und castet dann die schrägen, nerdigen oder natürlich unattraktiven Typen für all die schönen peinlichen Szenen, die von der Reststory wegen kreativer Einfallslosigkeit ablenken sollen.
Jared Hess, der sich vermutlich für den unabhängigsten Independantfilmer halten dürfte, verfolgte mit seinem Film einen anderen Ansatz: er sollte praktisch nur aus Abstrusitäten, Deformationen und scheinbaren Geschmacklosigkeiten neben der erwartbaren Spur handeln, aber anders als etwa John Waters, der schocken und abstoßen wollte, ging er das Thema von einer anderen Seite an: er behandelte diese schräge Scheinwelt so, als sei sie das Normalste von der Welt.
Leider hieß dieser Film "Napoleon Dynamite" und nicht "Gentlemen Broncos", denn mit dem Letztgenannten wiederholt er nur die von ihm bereits erprobten Mechanismen, nachdem ihm der Einsatz in der Traumfabrik mittels des mißlungenen "Nacho Libre" nicht so besonders bekommen war.

Daß ein Blitz selten zweimal an derselben Stelle einschlägt, beweist schon ein Blick aufs Einspielergebnis, doch sagt das ja wenig über die tatsächliche Qualität hinter der Absicht des Filmemachers aus und falls sie nicht in den Genuß von "Napoleon Dynamite" gekommen sind (was wahrscheinlich ist, wenn sie so etwas "Verachtenswertes" wie ein normal interessierter Zuschauer sind), dann funktioniert auch "Broncos" wie eine flotte Runde durch den Wäschetrockner bei 90 Grad.

Die Story, wenn wir denn darauf fokussieren wollen, handelt simpel die Geschichte eines sehr schüchternen jungen Mannes ab, der gern SF-Geschichten schreibt und dessen Story von einem namhaften Autor des gleichen Genres geklaut wird. Bis er das aber bemerkt, gibt Benjamin die Rechte aber auch noch den Leuten, die Freunden in seinem Leben am nächsten kommen, einem Mädchen und einem abgehobenen Jungfilmer mit enormem Billigoutput.

Der Plot spielt natürlich nur die zweite bis fünfte Geige hier, wirkliches Interesse scheint bei Hess nicht vorzuliegen, viel lieber sieht er seinen skurilen, kaputten, dämlichen, häßlichen, entstellten, nerdigen, schrägen und meist untalentierten Figuren dabei zu, wie sie all diese Defizite tapfer ignorieren, indem sie einfach leben, wie sie es gewohnt sind.
Für Benjamin heißt das, mit seiner Mutter allein zu leben, geschmacklose Nachthemden zu verkaufen, während seine Mutter noch geschmacklosere entwirft und ihre abstrusen Popcornkreationen zu verkosten, die überall im Haus und auch sonstwo verteilt wurden.
Seine Freundin ist ein dominant-exzentrisches Biest, die nicht einmal wahrnimmt, wie sie andere ausnimmt und Hector Jiminez (den man ggf. noch aus "Nacho Libre" als Jack Blacks spargelartigen Ringpartner kennt) spielt den Kreativling mit Kamera und ohne Talent mit wunderbar gestelztem Tuckenverve und einer Kiefermimik, die kleinen Kindern Angst machen dürfte. Dazu kommt dann noch ein an selige Mantazeiten gemahnender "Guarding Angel", der aber ebenso doof wie langsam wie ungeschickt ist; eine hippiegebürtige Übergewichtsmom (Jennifer Coolidge aka "Stiflers Mom" aus "American Pie"), diverse grotesk aussehende Jugendliche in allen möglichen Situationen und Jemaine Clement als der SF-Autor Chevalier, der irgendwo zwischen vergeistigt, grenzdebil, arrogant und bekifft zu schweben scheint. Daneben existieren noch normale Menschen und sogar eine echte Realität, allerdings zeigt die sich nur vereinzelt in einigen Sequenzen, was aber nicht stört, sondern maximal irritiert (der Film ist so angelegt, daß man sich zunächst in den 70ern wähnt, um dann eines Besseren belehrt zu werden).

Den Fremdschämhumor kriegt man so auf neue Art und Weise geliefert, denn anders als mit Ansage in den üblichen Komödien, ist hier alles möglich, weil das "Nerdland" ist; ein Land, wo alles halb vertraut und total anders funktioniert. Dabei nimmt Hess seine Figuren stets ernst und liebevoll in Schutz, egal wie seltsam sie sein mögen - sogar der ekle Chevalier ist so ein Faszinosum.
Die Folge ist für den Zuschauer ständige Irritation, unvermittelt fragt man sich ständig, was denn nun noch passieren kann, um das gerade Gesehene noch zu toppen und wenn man sich gerade entschlossen hat, diese unzugängliche Parallelwelt zu meiden, muß man dann doch wieder lachen.

Dafür sorgen einige wirklich extram bizarre Einfälle, wie die Popcornkreationen, eine schmierige Handmassage, pointiert-abstruse Namensdiskussionen, eine Würgeschlange mit Spontandurchfall und nicht zuletzt das SF-Werk, um das es eigentlich geht und das uns in zwei Fassungen ausschnittweise vorgeführt wird und in dem Sam Rockwell den Weltraumkämpfer Bronco (als Vaterersatz für Benjamin) gibt, dem die Hefelords seinen Hoden geklaut haben (nein, das macht keinen gesteigerten Sinn!). Eine muntere Reminiszenz an fanverschworene Franchises wie "Star Wars", bietet Hess hier Zentauren, Luchse und vor allem fliegende Überwachungshirsche mit Extrembewaffnung auf, während Chevaliers parallele Vision genauso beknackt, aber dafür noch sinnbefreiter daherschwebt.
Angereichert mit etwas Grossout (speziell der Schlangenkot, eine Knutscherei nach just erfolgtem Erbrechen und ein Hirschabschuß mittels hefeinduziertem Fontänengereihere (ja, ich weiß wie das klingt...)), outet sich Hess auch weiterhin als Meister des schlechten Geschmacks.

Fragt man sich natürlich, wohin man damit will, bleibt relative Leere, diese Geschichte wird um ihrer selbst Willen und wegen der Details erzählt, der Plot an sich wirkt mit seinem Happy End genauso bemüht auf den Punkt gebracht, wie die Figur des Benjamin eigentlich zu normal-brav oder motivationslos in einer Story bleibt, die in 90 Minuten Lauflänge immer wieder in sich zurück oder gänzlich ins Leere läuft, Gags und roter Faden inclusive.
Das ist ein bißchen schade, denn ein Hauch mehr Struktur oder etwas mehr erzählerische Basis hätten der kompletten Schöpfung etwas von der Beliebigkeit genommen, die sie eigentlich aufgrund der wahnsinnigen Einfärbung eben nicht haben sollte. Das Interesse wird allein aus der Skurilität des Geschehens geboren, wobei die Szenen entweder funktionieren oder eben nicht, aber das bleibt wiederum total dem Zufall "Zuschauer" überlassen. Damit umgeht Hess das Problem des ähnlich gelagerten Films "Eagle vs. Shark", der schlichtweg zu bemüht versucht, besonders "anders" und "sperrig" zu wirken und daher total gewollt erscheint, während hier eine bunte Tüte auf den Tisch gestellt wird, bei der sich jeder nach seinem Gusto bedienen muß, selbst wenn er gerade Lust auf Pizza hat.

Alles in allem sicherlich der hoffnungsvoll letzte Versuch von Hess, seinen kreativen Erfolgen treu zu bleiben, denn noch repetitiver darf er nicht werden, da er zwar (wie weilend Kevin Smith) sein eigenes Universum als Chance und Gefängnis erschaffen hat, in diesem aber anders als Smith kaum etwas zu erzählen hat und seien es nur so banale Sachen wie eine mißlungene Lebensplanung oder eine im Herzen konventionelle Liebesgeschichte. "Independant Filmmaking" für wahr - aber von ein paar Sachen ist man dann doch bei Filmen abhängig, damit sie im Kopf, Herz oder im Magen Wurzeln schlagen. Für das streckenweise beachtliche Pandaemonium: 6/10!

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