Review

Annette Bening spielt eine einsame Pflegerin, die bei ihrer mittlerweile sehr gebrechlichen Mutter lebt und wenig Kontakt zu sonstigen Mitmenschen hat. Ihre Verbitterung resultiert aus einer Entscheidung, die sie als Teenager traf, damals gab sie nämlich ungewollt schwanger ihre Tochter zur Adoption frei, die sie daher noch nicht kennen gelernt hat. Ihre mittlerweile erwachsene Tochter, gespielt von Naomi Watts, ist eine erfolgreiche Anwältin, die Probleme damit hat sich zu binden, oder sesshaft zu werden und gänzlich ohne Familienwunsch dem Gipfel der Karriereleiter entgegenstrebt. Währenddessen versucht ein Pärchen, das keine Kinder bekommen kann, eines zu adoptieren.

Mit "Nine Lives" und "Passengers" hat Rodrigo Garcia bereits zwei ruhige Dramen inszeniert, darunter mit "Nine Lives" bereits ein Episodendrama und dass sieht man der routinierten Machart von "Mütter und Töchter" auch an.

"Mütter und Töchter" ist ein fesselndes Drama geworden, auch ohne in überzogene Emotionalisierungen und Dramatisierungen abzudriften, ohne altbekannte Hollywood-Muster zu variieren. Vielmehr ist es ein Drama der interessanten und vielschichtigen Charaktere, deren Weg Garcia ruhig, emotional und unaufgeregt erzählt. Ohne erzählerische Ungeduld, ohne weitere Wendungen schon anzudeuten, ohne wichtige Aspekte seines Episodendramas an den Rand zu stellen, kommt das Geschehen somit voran und unterhält durchweg auf relativ hohem Niveau. Mit diesem gemächlichem Tempo, das jedoch nur selten zu Langeweile führt und den ruhigen, einfühlsamen Klängen im Hintergrund, sowie der ebenso ruhigen Kameraarbeit, entsteht so ein Drama, bei dem der Fokus einzig und allein auf den Charakteren und ihren Entwicklungen ruht, die wiederum angesichts der emotionalen Atmosphäre durchweg mitzureißen vermögen.

Die Mütter, um die der Film sich im Wesentlichen dreht, sind sehr gut, realistisch und vielschichtig charakterisiert. Da ist zum einen die Pflegerin, die niemanden wirklich an sich heranlässt und über die Ungewissheit, die ihre Tochter, die sie einst weggab, betrifft, verbittert ist. Dies gilt auch für ihren neuen Arbeitskollegen, der eigentlich nett und offen auf sie zugeht. Erst mit dem Tod ihrer Mutter und ihrer neuen Beziehung ändert sich ihre Einstellung zu dem, was sie damals getan hat, ihre Scharm, ihre Furcht vor einem Treffen mit der weggegebenen Tochter vermindern sich. Dieser Wandel ist dabei sehr feinfühlig und glaubwürdig dargestellt, was auch auf die grandiose Annette Bening zurückzuführen ist. Bening, die schon in "American Beauty" und zuletzt in "The Kids are all right" beweisen konnte, dass sie eine erstklassige Charakterdarstellerin ist, spielt ihre Rolle durchweg authentisch und wird ihrem Charakter mit allen Facetten gerecht.

Auch die Charakterisierung der scheinbar selbstbewussten, erfolgreichen und glücklichen Anwältin gelingt gut. Sie wuchs bei Adoptiveltern auf, zu denen sie eigentlich nie eine echte Bindung hatte, weswegen sie nun selbst Bindungsschwierigkeiten hat, keine Beziehung, nicht einmal einen festen Wohnort, sie wechselt dabei den Arbeitsplatz genauso schnell wie ihre Sexpartner. Als sie schließlich ungewollt schwanger wird, obwohl sie sich schon als Jugendliche hatte sterilisieren lassen, ändert sich aber auch ihr Leben von Grund auf, so sehnt sie sich unter anderem nach dem Kontakt zur leiblichen Mutter, vermutlich um ihrem Leben zumindest ein bisschen Halt zu geben, bzw. weil sie deren damalige Motive nun besser versteht. Eine feste Beziehung mit ihrem Chef (ebenfalls sehr überzeugend: Samuel L. Jackson), der gern die Verantwortung für sein Kind übernehmen würde, kann sie sich dennoch nicht vorstellen. Auch hier handelt es sich um eine mitreißende Episode, die mit Naomi Watts ebenfalls von einer grandiosen Darstellerin getragen wird, die jede Szene mit ihr zu einem kleinen Highlight macht. Wie schon in "21 Gramm" eine Oscar-reife Vorstellung.

Zuletzt wäre da noch das Pärchen, das gern ein Kind adoptieren würde. Diese Episode ist nicht so mitreißend ausgefallen, zumal sie bis kurz vor Schluss nicht ganz in den Gesamtzusammenhang passen will, bietet unter anderem mit Kerry Washington aber ebenfalls einige überaus überzeugende Darsteller auf. Der Film wird durch die Episode aber auch keinesfalls ausgebremst, weil Garcia dies narrativ erst gar nicht zulässt. Letztlich verdient hier vor allem der Realismus Anerkennung. Es kommt zu keiner Adoption und zum Happy End, es kommt zur Trennung vom Mann, der ein eigenes Kind haben will und sich doch nicht wirklich vorstellen kann, eines zu adoptieren und als die Mutter ihr Kind schließlich hat, kommt es erst einmal zur bitteren Einsicht, dass die Mutterrolle vielleicht doch nicht zu hundert Prozent den Wunschvorstellungen entspricht.

Besonders am Ende sind die Episoden dann sehr gut verwoben, sodass der Kreis sich schließt und "Mütter und Töchter" schließlich gut abgerundet und zu Ende gedacht wird. Es kommt sowohl zu Katastrophen, als auch zu glücklichen Momente, wie im echten Leben eben. Zum Meisterwerk fehlt letztlich nicht viel, aber Szenen, die sich einprägen würden, echte Höhepunkte, fehlen dann doch ein wenig. Dies ist kein großer Fehler, aber doch einer, der "Mütter und Töchter" letztlich von "21 Gramm" oder "Magnolia" unterscheidet.

Fazit:
"Mütter und Töchter" ist ein gutes, ein empfehlenswertes Drama, sofern Geduld und der Wille sich mit dem Thema zu befassen vorhanden sind. Wer dies mitbringt, bekommt ein emotionales Episodendrama zu sehen, das mit realistischen, facettenreichen Charakteren, grandiosen Darstellerleistungen und einem unaufgeregten Erzählstil eine kluge, mitreißende Geschichte erzählt.

80% 

Details
Ähnliche Filme