Seitdem die X-Männer und -Frauen unter Bryan Singers Regie im Jahr 2000 von Comic- zu Leinwandhelden mutierten und Spinnenmann Peter Parker ihnen in Gestalt von Tobey Maguire zwei Jahre später folgte gehört das Genre der Comicverfilmungen zum profitabelsten und beliebtesten, was Hollywood zu bieten hat. Aus dem unerschöpflichen Fundus der Verlage Marvel und DC stürmten bekannte wie unbekannte, gewagte wie kalkulierte Capeträger die Kinos, das meiste wurde zum Hit, was nicht zum Hit wurde wird solange gereebotet, bis es ein Hit ist. Anfangs dennoch von vielen als pure Actionware mit Hang zur Lächerlichkeit abgetan, wurde der Comicfilm spätestens mit Christopher Nolans „The Dark Knight" (2008) zum ernstgenommenen cineastischen Erlebnis und inszwischen wird sich auch nicht mehr zurückgehalten, wenn es darum geht, die Helden zu demontieren („Watchmen", 2009), sie als versoffene Sozialwracks ohne Verantwortungssinn zu persiflieren („Hancock", 2008), oder sie zu gewalttätigen Soziopathen in einer durchgeknallten Farce zu machen („Kick-Ass", 2010). Story und Trailer von Peter Stebbings‘ „Defendor" ließen ebenfalls alles andere als einen gewöhnlichen Vertreter vermuten, doch was nach Parodie aussah nimmt sich in Wahrheit ernster als so mancher echter Superheldenfilm.
Er streift nachts durch die dunkelsten Gassen und befreit die Stadt mit einem Schlagstock aus dem Zweiten Weltkrieg, wütenden Wespen und Murmeln vom Verbrechen. Er ist Defendor, Rächer der Unschuldigen, Bestrafer der Ungerechten, Beschützer des Guten. So zumindest stellt es sich Arthur Poppington vor. Doch in Wahrheit macht sich der geistig zurückgebliebene und von seinem Gerechtigkeitssinn (fehl)geleitete Mann nicht nur zum Gespött in seinem Kostüm mit dem auf die Brust geklebten D, er begibt sich auch in lebensbedrohliche Gefahr. Aber die Freundschaft zu der cracksüchtigen Prostituierten Kat und sein Plan, den Superverbrecher Captain Industry endlich ausfindig zu machen und zu stellen treiben Defendor immer wieder auf die Straße zurück - Gewalt und Kugeln zum aussichtslosen Trotz...
In der Rahmenhandlung und ersten Szene von „Defendor" wird Arthur, den Arm in Gips und gekleidet in einen orangenen Overall, von der Psychiaterin Dr. Park interviewt. Wenige Sätze und Gesten und ein Gummiband zwischen den Zähnen und es ist klar: bei ihm leuchten nicht alle Lampen. Aber ist Arthur gefährlich? Er hat einen gewissen Mr. Debrofkowitz angegriffen, dessen Reinigung verwüstet. Warum er das getan hat? Top Secret! Doch Arthur beginnt zu erzählen, wie er schwarzgekleidet des Nachts über die Dächer läuft, beobachtet und eingreift. Er braucht keine Superkräfte, Arthur genügt sein selbstüberschätzender Mut und seine kernigen Oneliner. Dabei legt sich Defendor nicht mit Taschendieben an oder rettet Omis Katze aus dem Baum, stattdessen schlägt Peter Stebbings in seinem Regiedebüt nicht gerade die sanften Töne an: da wird im Auto zwischen einer blutjungen Prostitruierten und dem Freier um die Vorgehensweise beim bevorstehenden Oralsex gestritten, ehe Defendor die geschäftige Dame aus ihrer „Not" befreit. Mit Murmeln und einem antiken Schlagstock streckt er seinen Gegner nieder und fordert Informationen über Captain Industry.
Zwar schwingt sich in „Defendor" eine auf den ersten Blick absolut lächerliche Gestalt zum selbsternannten Rächer der Stadt auf und wenn Arthur seine markigen Sprüche knurrt und mit Murmeln wirft provoziert er Überraschung und Spott. Doch Stebbings hat hier weit mehr als bloß eine Witzfigur im Sinn, denn Arthur versteht bei seiner Aufgabe keinen Spaß und obwohl sich der Freier als Cop zu erkennen gibt prügelt er ohne das Bewusstsein irgendeiner Konsequenz auf ihn ein. Bandit ist Bandit, ob mit Marke oder ohne. No doubt about it, the Defender... »NO! It's De-FEN-DOR!« ...ok, sorry, the DefenDOR is dead fuckin‘ serious about his task. Dass Stebbings es mit seinem Film zu ernst meint und sich lieber auf dessen humoristisches Potenzial hätte verlassen sollen, lässt sich so eigentlich nicht sagen, im Gegenteil. Arthurs irrwitzige Aktionen hätten sicher das Zeug gehabt, „Defendor" zu tragen, allerdings ist der sehr am Boden verhaftete Umgang mit einem Mann, der sich einfach nur seiner Überzeugung wegen zum Helden berufen fühlt, keinesfalls ein weniger interessanter Ansatz. Arthurs Geist ist von schlichter Ehrlichkeit, seine Weltanschauung in klares Gut und Böse unterteilt, die Reflektion guter alter Comicwerte direkt aus dem Hirn eines Minderbegabten in die Welt hinaus. Arthur ist nicht dumm, er ist naiv, Arthur ist zwar groß, aber ein Kind, Arthur meint das richtige, bewirkt aber vor allem für die eigene Gesundheit das falsche.
So interessant die Figur Arthur Poppington ist, so gut sie von Woody Harrelson gespielt wird und so sehr der bitter-dramatische Ansatz mit seinen geradezu bemitleidenswerten Momenten ein spannender ist, so sehr ist die eigentliche Story von „Defendor" eine zu hakelig erzählte. Es ist kaum anzunehmen, dass es von Stebbings beabsichtigt wurde, doch auch wenn dem so sein sollte wäre es ein Nachteil für den Film, dass in der Geschichte die selbe Naivität steckt, die dem Hauptcharakter innewohnt. Nach dem Angriff auf den Undercover-Cop Dooney wird Arthur verhaftet, kommt aber ohne größere Repressalien oder irgendeine Form von Hilfeleistung wieder frei, wird also im Prinzip trotz deutlich beeinträchtigtem Geisteszustand einfach machen gelassen. Dooney und der Prostituierten Kat begegnet er kurz darauf schon wieder und dieses Mal gibt es von ein paar Schlägern ordentlich auf die Glocke, woraufhin sich Kat um ihn kümmert und in seiner Behausung, einer ausrangierten Werkstatt, niederlässt. Unbedingt sinnig wirkt auch das nicht und das Kat nur dadurch ein Motiv verliehen bekommt, indem sie Arthur anlügt, bestiehlt und von im jeden Tag Geld für weitere Informationen über Captain Industry verlangt macht sie nicht gerade sympathisch und ihre Beziehung zu Arthur eine an den Zweck der späteren Ereignisse gekoppelte. Die Drogen- und Mädchenhandelgeschäfte des angeblichen Captain Industry Kristic, in die auch Dooney verwickelt ist, taugen nicht wirklich als Aufhänger einer aufregenden Story und Verbrecherjagd.
Nun ist eben das auch nicht erstes Anliegen von „Defendor", allerdings widmet Stebbings jenem Teil seines Films zu viel Platz mit zu vielen Unnachvollziehbarkeiten und Unschlüssigkeiten. Viele Szenen zeugen davon, dass nicht nur Arthur die Konsequenzen seiner Handlungen nicht vorauszusehen im Stande ist, auch Stebbings scheint davon betroffen zu sein und drückt sich mehrmals um dramaturgisch sinnvollen Handlungsfortschritt, statt sich um kausale Zusammenhänge zu kümmern wird einfach mit der nächsten Szene weitergemacht. Das ähnelt ein bißchen dem Handlungsverständnis eines Viertklässleraufsatzes und besäße sicher einen gewissen traschigen, vielleicht sogar parodistischen Charme, wenn „Defendor" nicht so ernst gemeint wäre. Somit beschmeißen sich Ansatz und Ausführung kräftig gegenseitig mit Murmeln und Wespen, taumeln und straucheln, fangen sich wieder und stürzen aber auch ein paar Mal.
Davon völlig unberührt bleibt Hauptdarsteller Woody Harrelson. Der rollt mit den Augen, schiebt die Unterlippe nach oben und das Kinn nach vorn, dass es eine wahre Freude ist, ist in seiner Selbstüberschätzung so amüsant (»Guns don't hurt me.«) wie seine Suche nach dem Erzfeind und Mörder seiner Mutter tragisch ist (»I'm gonna capture Captain Industry!«). Die Backstory um den einsamen, unverstandenen kleinen Jungen, den die drogensüchtige Mutter verlässt und der im Leben nie Anschluss fand nimmt man Harrelson voll ab, sein Arthur Poppington wird selbst bei den idiotischsten Aktion nie zum kompletten Volltrottel, sondern bleibt ein fast würdevoller der normalen Bahn Entrückter. Kat Dennings liefert als crackrauchende Jungbluthure ebenfalls eine starke Performance und der Schritt von der berechnend-ausnutzenden Süchtigen zur Freundin wird dank ihr nicht völlig abstrakt. „Grey's Anatomy"-Star Sandra Oh sitzt eigentlich nur da, Elias Koteas als korrupter Cop und Michael Kelly als Arthurs Chef und einziger Freund bringen sehenswerte Leistungen.
Mit einer recht platten »Don't do drugs«-Moral und einem in seiner Aussage etwas zweischneidigen, aber nicht misslungenem Ende, steckt in „Defendor" unerwarteterweise mehr Ernst denn Witz, womit zumindest die Story einigermaßen überfordert ist. Teils sehr simpel und wenig konsequent aufgebaut hat der Film aber dennoch sowohl seine spaßigen, als auch seine bitteren Momente, in denen besonders die Darsteller überzeugen. Auch wenn bei vielem was Peter Stebbings in „Defendor" versucht letztlich nur der Ansatz überzeugen kann, ist es vor allem Woody Harrelson, der dem in seiner ganzen Unheldenhaftigkeit heldenhaften Helden seinen Reiz verleiht und mit seiner tadellosen Leistung überall da einspringt, wo Stebbings‘ Inszenierung Schurkentaten verbricht. Eben so, wie man das von einem echten Superhelden erwarten kann.