Die Geschichte vom verbitterten Menschenfeind Ebenezer Scrooge, der einsam und auch sich selbst gegenüber geizig, Reichtümer anhäuft, bevor er in der Weihnachtsnacht geläutert wird, ist ein klassischer Charles Dickens Stoff. Von diesem als Fortsetzungsroman unters Volk gebracht, war es zur Erhaltung des Leseinteresses nötig, die Dramatik des Lebens in ihrer Tiefe auszuloten, um am Ende um so strahlender empor zu gelangen. Diese Entwicklung eines extremen Gegensatzes gehört zu den Charakteristika eines Dickens Romans. Aus der heutigen Sicht wirkt die pessimistische Beschreibung der damaligen Verhältnisse realistisch, die überraschende Wendung zum Guten dagegen etwas naiv. Das war der Entstehungszeit des Romans geschuldet, denn Dickens nahm die Nöte seines Publikums ernst, befriedigte aber auch deren Wunsch nach Erlösung und Vergeltung.
Robert Zemecki nutzt seine schon im "Polarexpress" und "Beowulf" verwendete Motion Capture Technik, bei der die zuerst von Schauspielern erstellten Szenen am Computer bearbeitet und verfremdet werden, hier für eine möglichst authentische Reise in den Entstehungszeitraum des Dickens-Romans. Selbst die 3D-Technik wird ganz dem Bestreben untergeordnet, die fantasievolle Geschichte mit den drei Geistern, die Scrooge in der Weihnachtsnacht erscheinen, möglichst plastisch umzusetzen, ohne sie für unpassende Gimmicks zu opfern.
Die dadurch entstehende Kombination aus realistisch wirkender Mimik und Gestik, hinter der auch die jeweiligen Darsteller zu erkennen sind, und der Freiheit eines Trickfilms mit seinen wahnwitzigen Geschwindigkeiten, atemberaubenden Perspektiven und grenzenlosen Farborgien, nutzt Zemeckis zu beeindruckend künstlerischen Bildern. Gerade die Verfremdungen, wie etwa Scrooges (Jim Carrey) stark betontes Kinn und seine spindeldürren Beine oder der kleine Wuchs seines von ihm unterdrückten und schlecht bezahlten Mitarbeiters Bob Cratchit (Gary Oldman), kommen Dickens bewusst polarisierender Intention sehr nahe.
Die Werktreue, mit der Zemeckis hier vorgeht, hat auch zur Folge, dass der Film für ein kindliches Publikum wenig geeignet ist, denn Zemeckis spart hier nicht mit Armut, Krankheit und Tod und auch die Geister, die Scrooge das Weihnachten der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft demonstrieren, sind von gruseliger Konsequenz. Dickens hatte seinen Roman auch für ein erwachsenes Publikum geschrieben, aber so sehr sich Zemecki auch bemüht, alles so nah wie möglich am Original zu orientieren, die damalige Situation der Leser kann er nicht imitieren. Für diese bedeuteten die Schreckenssituationen, die Dickens damals entwarf, vorstellbare Realität, weshalb auch das manchmal etwas sehr glücklich wirkende Ende notwendig wurde, während sich vor dem heutigen Betrachter ein pittoreskes Szenario aus scheinbar vergangenen Zeiten ausbreitet.
Damit tut man Dickens unrecht, denn er verstand seine Romane trotz aller Berücksichtigung des Publikumsgeschmacks generalistisch und wer würde behaupten, dass sich seine "Weihnachtsgeschichte" nicht problemlos in die heutige Gegenwart transponieren liesse. Auch wenn der Film seine moderne Technik ganz in den Dienst einer künstlerischen Umsetzung stellt und sich fast wortgetreu an Dickens hält, bleibt er doch ein Disney - Film, dessen Hauptaugenmerk der leichten Unterhaltung gilt. Dezent grausam, angenehm dramatisch, leicht traurig und berührend schön am Ende, aber trotz aller visuellen Eindrücke, letztlich ohne wirkliche Tiefe (6/10).