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„Keine Sorge, sie können uns nichts tun – wir sind Amerikaner!“

In seiner ersten Hollywood-Produktion setzte sich der griechische Filmemacher und Experte für die oft erschütternde Realität nachzeichnende Polit-Thriller Costa-Gavras („Z – Anatomie eines politisches Mordes“) mit den Folgen des aus wirtschaftlichen Gründen vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA erzwungenen Militärputsches und der Installation des Diktators Pinochet in Chile auseinander. Der Film heißt schlicht „Vermisst“ und datiert auf das Jahr 1982.

Das Drama basiert auf dem realen Fall des US-amerikanischen Journalisten Charles Horman. Das Sachbuch „The Execution of Charles Horman: An American Sacrifice von Thomas Hauser“ war Grundlage für die im Film nachgezeichneten Ereignisse: Charles Horman (John Shea, „Kennedy“) verschwindet in Chile spurlos. Seine Frau Beth (Sissy Spacek, „Carrie“) wendet sich hilfesuchend an ihren konservativen Schwiegervater Ed Horman (Jack Lemmon, „Ein verrücktes Paar“). Dieser will zunächst nicht recht glauben, dass die USA in die Ereignisse verstrickt sind und sucht die Schuld zunächst bei seinem Sohn selbst, sieht sich jedoch nach seiner Ankunft in Chile bald einer verschleiernden Bürokratie ausgesetzt und muss einsehen, dass doch nicht alles wie erwartet mit rechten Dingen zugeht…

Zur Musik von Angelis lernt der Zuschauer den fest vom „American Way of Life“ überzeugten Ed Horman kennen, der dem Treiben seines Sohns und seiner Frau misstrauisch gegenübersteht. Er ist ein typischer naiver US-Amerikaner, der an sein Land und dessen Politik glaubt und allem argwöhnisch gegenübersteht, das diese kritisch hinterfragt. Dementsprechend angespannt ist die Beziehung zwischen ihm und seiner Schwiegertochter zunächst. Man kontaktiert das US-amerikanische Konsulat, während ständig Schüsse zu hören sind und sich die Leichen (nicht nur) in den Straßen mehren, bis es bald schon zynischerweise zum gewohnten Anblick wird. Am Esstisch werden die Ereignisse der Vergangenheit rekonstruiert und der Zuschauer erfährt nach und nach die genauen Abläufe. So wird deutlich, dass US-Funktionäre in den Militärputsch verwickelt sind, während man den Hormans einzureden versucht, linke Kräfte hätten sich als Militär ausgegeben und Charles entführt. Parallel zeigt „Vermisst“ die Verhaftung zweier weiterer US-Amerikaner und deren naiven Glauben an die vermeintliche Unverwundbarkeit als US-Bürger. Nachdem man Ed aufgrund vorsichtiger Andeutungen direkt zum Konsulat zitiert und er zusammen mit Beth erfolglos alle Krankenhäuser abgeklappert hat, kommen beide sich endlich näher und lernen gegenseitiges Verständnis füreinander. Zu Eds Überraschung kann Beth ihm Dinge über seinen Sohn erzählen, die er noch nicht wusste und die das Bild, das er von ihm hatte, auf den Kopf stellen. Dies ist in Costa-Gavras Film quasi gleichbedeutend mit dem Durcheinanderrütteln von Eds Weltbild, was analog dazu geschieht – beispielsweise als er einen kritischen Polizisten trifft, der die Militärjunta als Nazis bezeichnet. Und je mehr er über die wahren Vorgänge erfährt – Charles hatte in Viña den texanischen Marine-Oberen Babcock (Richard Bradford, „Dr. Giggles“) kennengelernt, der den Staatsstreich zum Auftrag hatte und zusammen mit den übrigen Abgesandten des US-Militärs Charles aufgrund seiner Herkunft automatisch für einen Verbündeten hielten –, desto kritischere Fragen stellt er und umso höher wird der behördliche Aufwand, den Schein zu wahren und die Hormans eiskalt anzulügen. Nachdem Ed und Beth in einer Leichenhalle die Überreste Frank Teruggis (Joe Regalbuto, „Exit - Ausgang ins Nichts“) entdecken, der ebenfalls vom Militär verschleppt wurde, schwindet die Hoffnung immer mehr. Costa-Gavras verstand es, diese wie auch andere wichtige Momente der Handlung als aufwühlende Schlüsselszenen zu inszenieren, die das Grauen in unappetitliche Häppchen aufteilen und dem Zuschauer kalt serviert werden. Am Ende stehen (Achtung, Spoiler!) traurige Gewissheit, de facto ein Geständnis der US-Macht und die abgewiesene Klage eines trauernden, um Gerechtigkeit bemühten Vaters, dem damit das letzte bisschen Vertrauen in den Rechtsstaat und die Ideale seiner Nation genommen werden.

Zwischen Costa-Gavras‘ nicht unähnlich gelagertem „Z – Anatomie eines politischen Mordes“ und „Vermisst“ liegen 13 Jahre. Während „Z“ mit dokumentarischer Genauigkeit sezierte, wie es zum griechischen Militärputsch kam und voll von kaum gebändigter, ehrlicher Aufgebrachtheit war, gelang ihm mit „Vermisst“ ein gefasster, ernüchterter Film, der dem Gezeigten macht-, aber nicht kraftlos gegenübersteht, der die Sachlichkeit sucht, um sie als Waffe einzusetzen, sich mit ihrer Hilfe zu wehren. Geschickt umgeht Costa-Gavras meist vorschnell formulierte Anti-Amerikanismus-Vorwürfe, indem er die wahre Geschichte aus Sicht von US-Amerikanern erzählt. Dass er die Ereignisse um den Staatsstreich abstrahiert und auf ein Einzelschicksal herunterbricht, wurde Costa-Gavras wiederum von einigen Kritikern angekreidet und als „Amerikanisierung“ seines Filmschaffens gewertet. Dabei erlaubt gerade diese Herangehensweise eine besonders intime Perspektive, die Costa-Gavras berührend zu inszenieren versteht, ohne sich großer Theatralik oder kitschigen Schmonzes bedienen zu müssen. Dass „Vermisst“ bei all seiner Gefasstheit prima funktioniert, ohne gefühlskalt zu wirken, ist besonders Jack Lemmon zuzuschreiben, der genau dieses Typus Mensch scheinbar mühelos in seiner Rolle als Ed verkörpert und mit Glaubwürdigkeit versieht – sowohl im Generationenkonflikt, der seinen Dialogen mit Beth innewohnt, als auch in seinem blauäugigen Konservatismus und schließlich seiner sich selbst gegenüber harten Art, mit allen Schrecken in der Höhle des Löwens umzugehen, ohne sich selbst durch emotionale Ausbrüche oder unüberlegte Affekthandlungen in Gefahr zu bringen. Kontrollverlust ist nie Eds Thema gewesen. So ergibt sich ein prima Wechselspiel mit Beth, gespielt von einer gereiften Sissy Spacek. Obwohl alle Charaktere recht eindeutig umrissen werden, widersteht Costa-Gavras jedweder Versuchung, aus ihnen wandelnde Klischees zu machen, woraus viel Respekt vor den Menschen und letztlich sein Humanismus spricht.

Anhand eines Einzelschicksals die Bedeutung einer Militärdiktatur durchzuexerzieren, deren Methoden keine Staatsangehörigkeiten kennen und sich nicht darum scheren, ob der kritische Journalist Einheimischer oder US-Amerikaner ist, öffnet „Vermisst“ einem breiten, die persönliche Ebene die der politischen vorziehenden Publikum und schafft damit Öffentlichkeit. Da Costa-Gavras die US-Opfer der Handlung mit keiner Silbe oder Szene erhöht, nie ihr Schicksal über das der vielen namenlos Bleibenden stellt, hat „Vermisst“ nichts mit US-Chauvinismus am Hut, sondern beweist durch dessen Entlarvung das exakte Gegenteil. Dazu braucht er gar nicht ins Detail zu gehen und dokumentarische Züge anzunehmen. Und auch, wenn man von den Umtrieben der US-Weltmacht im Allgemeinen und in Chile im Speziellen weiß, bleibt (zumindest bei Unkenntnis der Buchvorlage) „Vermisst“ ein spannender, anspruchsvoller ebenso wie ansprechender Film, weil Charles Schicksal lange Zeit allenfalls erahnt werden kann. In einer US-Produktion das Produktionsland anzuprangern, statt sich vornehmlich auf die von ihm unterstützten ausländischen Kräfte zu konzentrieren, ist eine gewagte, kühne Fokussierung, die zurecht mit einer Vielzahl von Auszeichnungen belohnt wurde.

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