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Paul Morrissey hat einige schöne Underground Klassiker für die Warhol Factory gedreht: Ein groteskes Drama über schwule Cowboys (Lonesome Cowboys), eigenwillige Horrorklassiker-Versionen (Blood for Dracula, Flesh for Frankenstein) oder die bekannte Trilogie "Flesh", "Trash", "Heat" - mit denen Joe Dallesandros Kultpotential entdeckt wurde, von welchem wiederum die Filme ihre Wirkung beziehen. "Heat" jedoch unterscheidet sich von den Vorgängern gleich mehrfach, denn während diese trotz ihrer Einordnung in den Underground weder mit verschrobenen Experimental- oder Kurzfilmen auf eine Stufe gestellt werden wollten, noch mit dem gängigen Erzählkino Hollywoods, nähert sich "Heat" den Konventionen der letzten Sparte doch ein wenig an - nicht von ungefähr lief der Film hierzulande unter dem Titel "Hollywood".

Joe Dallesandro mimt den abgehalfterten Star Joey Davis, der in vergangenen Zeiten der Star der Western-Serie "The Big Ranch" gewesen ist und nun in einem schon länger währendem Karriere-Tief seinen Marktwert durch Schallplattenaufnahmen zu erhöhen gedenkt. Wichtiger als seine Aufnahmen ist für ihn jedoch sein Körper, den er hemmunglos einsetzt um dadurch zahlreiche Vergünstigungen zu erhaschen. Seine fette Vermieterin erlässt ihm für Schäferstündchen einen Teil der Miete, zwei bisexuelle Brüder möchten ihn für ihre inzestuöse (aber: rein geschäftliche) Bühnenshow gewinnen und eine Kollegin von früher - Sally Todd (Sylvia Miles) - deren bisexuelle Tochter mit ihrem Kind und ihrer lesbischen, sadistischen Freundin Bonnie eine Nachbarin Joeys ist, erscheint ihm als idealer Draht nach Hollywood (und nicht nur ihm, sondern auch den beiden Brüdern mit ihrer abwegigen Bühnenshow). Die Situation treibt Morrissey in einer Szene auf die Spitze, in der Joey bei einem eher spontanen Treffen mit Sally in ihrem Anwesen über seinen Karriereknick plaudert und als große Hoffnung reiche Partner angibt, was Sally sofort mit einer Bemerkung über ihr reichen Ehemänner, die sie alle geliebt habe, quittiert. Anschließend folgt die konsequente Sexszene mit der anschließenden Frage "Besorgst du mir nen Job?" samt Antwort "Ich werde alles in Bewegung setzen." Der eher lässig zynische Ton wechselt dann aber auch mit angenehm tragischen Szenen ab, in denen Sally sich angesichts ihrer verbleichenden Schönheit und dem zwangsläufig auf sie zukommenden Ende der Karriere verzweifelt an ihren jungen Lover klammert und ihre Einsamkeit mitten im Luxus offengelegt wird... (auch ihre Beziehung zur Tochter Jessica wird als medienwirksame Inszenierung und konträr dazu stehende, traurige Realität vorgeführt.) Und damit hält Morrissey durchgängig eine ambivalente Stimmung durch, in der einerseits zwischenmenschliche Beziehungen ausgenutzt werden um den eigenen Wert für sich und andere zu steigern, in denen aber genau dieselben Beziehungen wieder als Sicherheitsnetz und Auffangbecken dienen, wenn die angestrebten Erfolge ausbleiben. Am Ende werden die Gesetze des Marktwertes nochmal ganz nüchtern von einem Agenten vorgetragen, der etwa Jessicas Ausflüge in Lesbenbars als schädlich für Sallys Karriere erkennt oder Sally als bereits uninteressanten Ex-Star outet, der nur noch vergangenen Zeiten nachsinnt - die gemeinsame Aussprache, die dabei entsteht erreicht schon beinahe Bergmansche Seelendrama-Qualitäten... und letztlich bleibt beides auf der Strecke: Glamour wie Freundschaft, Reichtum wie Liebe.

Morrissey erzählt zum einen eine viel stärker strukturierte Geschichte als in den durch und durch beliebig ablaufenden Vorgängern und hält den Mechanismen von "Hollywood Babylon" (es ist anzunehmen, dass Morrissey wie Warhol das Standardwerk von Anger kannten) ganz bewusst den Spiegel vor. Dabei bleibt er auch Warhol treu, der immer wieder den falschen Umgang mit Menschen im Hollywood-Kino anprangerte und selbst im Darsteller kein Objekt, sondern einen Menschen sah... und mit Menschen, so Warhol, kann man keine schlechten Filme drehen. (Ob Warhols Thesen nicht doch sehr polemisch und weit hergeholt sind, mag jeder für sich entscheiden, im Hinblick auf "Heat" sind sie zumindest sehr erhellend.)

Morrissey verändert aber auch seine Darstellung von Sexualität: Hier gibt es keinen splitternackten Dallesandro mehr, dessen halbsteifen Penis die Kamera ganz nebenbei, scheinbar völlig unbewusst einfängt. Hier bekommt man keine Geschlechtsteile zu Gesicht und auch nackte Brüste sieht man hier nur selten. Obszönes wird entweder nur auf der Tonspur angesprochen oder im Bild bestenfalls angedeutet; auch insofern nähert sich Morrissey Hollywoods Konventionen an... ohne dabei seinen ganz eigenen Stil aufgeben zu müssen, denn die Annäherung funktioniert nur begrenzt und ein Rated X bekam auch "Heat" noch trotz weniger nackten Tatsachen.

Andrea Feldman, die Darstellerin der bisexuellen Jessica, machte nach den Dreharbeiten jedoch einen Strich durch die Rechnung Warhols/Morrisseys. Nachdem sie für Warhol bei dem 8 Stunden Werk "Imitation of Christ" (1967) und dem - angeblich nur einmal aufgeführten - Werk "****" (1967) - auch bekannt als "The 24 h Movie", dessen Laufzeit irgendwo zwischen 20 und 25 Stunden gelegen haben soll (die Angaben widersprechen sich da häufig) - vor der Kamera gestanden hat, ebenso auch für Morrisseys "Trash" (1970), gab es bei "Heat" offenbar Probleme: Feldman attackierte Regisseur und Produzent scharf für einen angeblich unangebrachten Umgang mit ihr und stürzte sich am 08.08.1972 in den Tod. Damit erscheinen rückblickend die Umstände des Undergroundfilmbetriebs nicht unbedingt als sonderlich viel besser. Joe Dallesandro hatte da mehr Glück: Er spielte noch in Morrisseys Dracula/Frankenstein-Verfilmungen und blieb danach in Italien um an der Seite von Andrea Ferreol oder Anita Ekberg in eher schwachen Filmen zu spielen. Sein Status als Sexsymbol hält - nicht zuletzt dank Lou Reeds Song - bis heute an, seine Arbeit im Filmgeschäft wurde leider mehr und mehr uninteressant.

"Heat" ist insgesamt ein schöner Film und aus der Trilogie mit einem geringen aber nicht zu übersehenden Abstand der beste.

8/10

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