Erstmal: Dany Boon ist großartig in dieser nicht gerade geschwätzigen, weitgehend visuell angelegten Rolle, die er ausfüllt wie ein Pantomime, oder besser noch: wie ein Stummfilm-Komiker mit Chaplin'esquen Zügen. Hätte man ihm gar nicht in der Form zugetraut.
Nach einem Prolog, der es geschickt versteht, den Werdegang dieses Mannes pointiert in Bildern zu erzählen, geht es in ein Paris, das zwar modern, aber fast schon märchenhaft verfremdet ist. Der Film schafft sich seinen eigenen phantastischen Kosmos, in dem, und nur in dem, seine unrealistische Geschichte und seine kuriosen Figuren real wirken können. Bei einer Drive by Schießerei fängt sich der von Boon gespielte Videothek-Angestellte eine Kugel in den Kopf ein. Nach langem Krankenhausaufenthalt (bei dem die Ärzte übrigens in einer sehr gelungenen Szene per Münzwurf entscheiden, ob dem Mann die Kugel aus dem Schädel entfernt werden soll oder nicht -- beides wäre riskant) verliert er seinen Job, seine Wohnung, sein Hab und Gut.
Er landet bei einer Gruppe von sozialen Außenseitern, allesamt skurrile, sympathische "Freaks", die auf einem Schrottplatz Abfall zu Gebrauchsgegenständen recyceln. Gerade diese Sequenz ist eine der besten des Films, weil das alles vor visuellem Ideenreichtum nur so sprüht und absolut surreal wirkt. Angefangen von der in eine Polizeiuniform gekleidete Vogelscheuche (die im allerersten Moment wie die verweste, aufgespießte Leiche eines Polizisten wirkt) über die absolut verschrobene Innenausstattung der Außenseiter-WG, über die aus Schrott gefertigten Puppen, Marionetten und Maschinen bis hin zur Gestaltung der freakigen Personen selbst.... Man kommt nicht drum herum, ständig Tim Burton zu assoziieren (als er stimmiger strukturierte Bilder als im überladenen "Alice" kredenzt hat).
Jedenfalls: Dany Boon und seine neuen Freunde, die Schrottplatz-Outcasts, wollen zwei Waffenfabrikanten zu Fall bringen. Einer der beiden hat die Pistolenkugel produziert, die immer noch in Boons Schädel steckt. Der andere hat die Landmine gebaut, die Boons Vater ins Jenseits befördert hat. Was folgt, ist die Ausführung eines komplexen Racheplans, eines geheimen Katz und Maus Spiels mit vielen Intrigen und Manipulationen, so dass die beiden Rüstungsfabrikanten gegeneinander ausgespielt werden. Wie zwei Marionetten, die an den Fäden von Boon und seinen Freaks hängen.
"Micmacs à tire-larigot" ist ein weitgehend visuell erzählter Film, der nicht nur immer wieder erstaunlich schöne Bildkompostionen bei Totalen und Supertotalen schafft, nicht nur eine phantasiereiche Ausstattung und Farbgestaltung besitzt, sondern vor allem Bewegungen durch Räume, Handlungsabläufe und Kettenreaktionen absolut toll hin bekommt.
Denn der Film ist im Grunde genommen ein Cartoon. Ein Katz und Mauspiel, das wie die gewaltfreie Realverfilmung von Itchy & Scratchy wirkt. Aus dem anfänglichen schleichenden Ausspionieren der Anwesen der Waffenproduzenten (wo der Film und seine Figuren sich sehr gekonnt durch Räume bewegen) wird irgendwann eine temporeiche, furiose Hatz mit absolut überdrehten Handlungsabläufen, dass man sich irgendwann wirklich in einem überdrehten Cartoon wähnt. Ist schon ziemlich wahnwitzig.
Nach dem absurd konfus erzählten "Un long dimanche de fiançailles" und dem nur zur Hälfte gelungenen "Amélie" kommt Jeunet auf den richtigen Weg zurück. Mögen viele Elemente von "Micmacs à tire-larigot" auch typisch für den französischen Regisseur sein, wirkt der Film erstaunlich erfrischend und in seinem unerschöpflichen Ideenreichtum überaus erquickend. Das ist das Beste, was er in letzter Zeit gemacht hat.
Hätte er das zweite Drittel von "Micmacs à tire-larigot" um fünf Minuten gestrafft, wäre das sogar eine glatte Zwei und keine Zwei Minus geworden.