Sechs Jahre sind eine verdammt lange Zeit, wenn man eine Vorlieb für Filmemacher wie Jean-Pierre Jeunet, einen Mann, der immer (oder fast immer) mit extremen Nachdruck die Vision seiner eigenen filmischen Realität verwirklicht und dabei soviel Spaß am und im Kino ausstrahlt, daß sich die Filme in ihrer Wirkung selbst genügen.
Jeunets bekanntester Film ist wohl immer noch "Die wunderbare Welt der Amelie", in der er sich in geradezu überbordender Lebensfreude daran machte, das französische Kleinbürgertum sanft-liebevoll satirisch zu demontieren und gleichzeitig eine universelle und mitreißende Liebesgeschichte zu erzählen, die wirklich überall gut ankam.
Von der Bizarrerie seiner Frühwerke ("Delicatessen", "Die Stadt der verlorenen Kinder") war er damit weit entfernt, wenn auch das Herz immer noch für die Abseitigen, die Outcasts, die schrägen und verlachten Individuen schlug. "A Very Long Engagement / Mathilde" war dann ein ernsthafterer Versuch in ganz großem und breitem Kino und wurde zwar anerkannt, aber längst nicht so gemocht, wie man das vielleicht erhofft hatte (den übrigens sehr individuell gezeichneten Spagat zwischen eigenem Stil und Serienvorgaben bei "Alien: Resurrection" überlasse man besser den persönlichen Geschmäckern).
Mit "MicMas à tire-larigot" ist Jeunet jetzt zurück auf heimischem Terrain, denn der Stil des Films wird die Zuschauer unwillkürlich an "Amelie" erinnern, auch wenn die Liebesgeschichte hier wesentlich in den Hintergrund rückt. Stattdessen werden die satirisch-parodistischen Züge bis zur gewollt-abstrusen Überzeichnung betont.
Doch auch hier gehört der Film wieder den Außenseitern: die Clique seltsamer Kannibalen (aus "Delicatessen") ist einer freundlichen Familie von Ausgestoßenen, Ex-Knackis, schrägen Vögeln und Obdachlosen gewichen, die den vom Schicksal gebeutelten Bazil (Vater bei Minenentschärfung verloren, Mutter in die Anstalt gebracht, Kinderheim, Straßenkind, Lebenskünstler, dann auch noch eine Kugel im Schädel) praktisch freundlichst adoptiert. Nach dem letzten Schicksalsschlag, einer inoperablen Kugel im Kopf, die ihn jederzeit umbringen kann, hat Bazil nichts mehr zu verlieren und die Herzlichkeit seiner Kameraden läßt ihn selbst höchst aktiv werden, sich an den Waffenfabrikanten zu rächen, die für sein Schicksal und das seiner Familie verantwortlich waren.
Jeunet entführt uns dazu in ein reelles, nur leicht verfremdetes Paris, das zum Spielplatz für eine endlose Kaskade von raffiniert ausgetüftelten Plänen und Fallen wird, in welchen sich die selbstverliebten, korrupen und herzlosen Waffenhändler verfangen, in nicht mal zwei Stunden mehr als in einem halben Dutzend Filmen der Olsen-Bande.
Von dezent bis grotesk überzeichnet, bekommen diesmal die hohen Ständes des Geldes ihr Fett weg, illegale Waffengeschäfte, perverse Sammelleidenschaft, emotionale Kälte, Gier - hier kommt alles zusammen und ist um so mehr verachtenswert.
Dagegen steht die Herzlichkeit der scheinbar Verwahrlosten, die sich alle ihre besonderen und außergewöhnlichen Fähigkeiten bewahrt haben, von der menschlichen Kanonenkugel bis zum Meß- und Rechengenie, von der rhetorischen Allzweckwaffe bis zur stieläugigen Schlangefrau im Gemüsefach des Kühlschranks.
"MicMacs" ist nicht mehr und nicht weniger als eine Komödie für die gerechte Sache, ein wunderbar entropisch expandierendes Universum aus visuellen und akustischen Ideen, aus komplizierten Aufbauten und präzisem Witz, gepaart mit Slapstick und immer neuen Überraschungen, garniert wie wegwerfend ausgestreuten kleinen, feinen und brüllend komischen Ideen, die niemand wirklich bloßstellen, in denen wir uns aber teilweise selbst erkennen können.
Gleichzeitig ist es auch eine freundliche Anlehnung an das Kino, von Ausflügen in stummfilmähnlichen mimischen Witz über endlich mal nicht so eindeutige Zitate, die mehr die Filmgeschichte wachrütteln, als das sie einem speziellen Werk zuzuordnen wären. Und was immer dabei ist, ist die gewisse Portion Herz, die nötig ist, damit man das wilde Durcheinander auch noch lieb gewinnt, wobei erzählerisch immer große Bogen geschlagen werden und kleinere erklärende oder auch einfach nur einfallsreiche, aber gar nicht mal notwendige Ausfallschritte das alles noch enorm erweitern.
Darstellerisch greift Jeunet dabei auf erprobtes Material zurück, praktisch alle Darsteller waren schon ein- bis mehrmals für ihn im Einsatz, von dem Stammschauspieler Dominique Pinon (hier als menschliche Kanonenkugel), der in wirklich allen Jeunets auftritt natürlich ganz zu schweigen. Dabei ist die Überzeichnung wunderbar harmonisch und liebevoll, die Bösewichte wunderbare Karikaturen und so ganz nebenbei bleibt noch Zeit für Seitenhiebe auf die Regierung Sarkozy und die Metaerweiterung des Films auf sich selbst, denn mehrfach wird das Filmplakat für "MicMacs" geschickt in die Handlung eingearbeitet oder durch sie sogar erst plastisch gemacht (die Überhöhung des 3D-Effekts).
Zu Tode analysieren sollte man jedoch diesen Jeunet auf keinen Fall, denn er genügt sich, als Filmerlebnis, selbst am meisten; ein großer Spaß im, durch das und für das Kino. Eine enorme und sich auftürmende Ideenkaskade aus Witz und visuellem Einfallsreichtum, dabei noch warmherzig versponnen und mit der nötigen "Yes, we can"-Stimmung. "MicMacs" kennt kein Zögern, kein Schlingern, kein Zaudern, er rauscht unaufhaltsam voran und schafft es, nicht unter der Ideenvielfalt begraben zu werden. Kino, das Spaß machen soll - zum Träumen und Genießen. Sofern sich jetzt nicht nicht noch zu viele Leute von dem (für Deutsche) rätselhaften Titel abschrecken lassen, sollte es im Arthaus mal wieder volle Kasse geben. (8/10)