In die tiefsten menschlichen Abgründe vorzudringen und dabei nicht völlig konstruiert zu erzählen, gelingt nur wenigen Filmemachern. Dass das Debüt von Autor und Regisseur Wolfgang Fischer demnach ein wenig an Werken von David Lynch und Michael Haneke orientiert ist, fällt dabei gar nicht mal so unangenehm auf, wie das schleppende Vorankommen der eigentlichen Geschichte.
Für den siebzehnjährigen Anton (Ludwig Trepte) geht es mit seiner Mutter und ihrem neuen Lebenspartner in die Bretagne für einen Urlaub im Spätsommer. Nach dem Selbstmord seines Vaters hat sich Anton ein wenig von seiner Mutter abgekapselt und nähert sich dem neuen Lebensgefährten nur zögerlich an. Als er das Geschwisterpaar David (Frederick Lau) und Katja (Alice Dwyer) aus dem Nachbarhaus kennen lernt, die ein völlig unkonventionelles, mit allen Regeln brechendes Dasein führen, wird Anton zunehmend mit seinen Urängsten und Sehnsüchten konfrontiert…
Kaum ein Genre bietet sich für eine Konfrontation mit Wünschen, Ängsten, sexuellen Begierden und Blick in die eigenen Abgründe besser an, als ein Coming-of-Age Drama. Die Erzählung folgt der Sicht Antons, welche seine Verfassung oftmals in recht schicke und atmosphärisch dichte Bilder verpackt, welche sein Seelenleben widerspiegeln. Mal sind es die rauen Felsen der Steilküste, dann die Überreste eines Bunkers wie der Eingang in eine andere Welt, dann die tosenden Wellen welche sich wie ein Abgrund auftun, aber auch ein angrenzender Wald, in dem die drei für einige Zeit ungestüm herumtoben, als sei es ein letztes Festhalten der kindlichen Unschuld.
Doch dass etwas im Busch ist, deutet sich stets an. Eine deprimierende Stimmung liegt über dem Geschehen, die Isolation Antons wird zusehends spürbarer und auch der dubiose Einfluss des Geschwisterpaares lässt rasch erste Anzeichen von Veränderungen bei Anton erkennen.
Eine bedrückende Unberechenbarkeit liegt über allem, etwas, dass zum Finale hin womöglich mit einem lauten Knall über Anton hereinbrechen könnte. Und irgendwann wirken die Symbolik der Bilder, die stets eingeworfenen Metaphern zu überfrachtet und die Protagonisten agieren zu konstruiert, um auf jenen Twist hinzuarbeiten, den man leider vorzeitig erahnen kann.
Zu fragmentartig wirken einige Szenen vor allem im letzten Drittel, als die Erzählung kurzfristig ins Horrorgenre abdriftet und einige Dialoge zu aufgesetzt daherkommen, um noch glaubhaft zu erscheinen, obgleich allen drei Jungdarstellern ein großes Kompliment für ihr nuanciertes, durchaus charismatisches Spiel auszusprechen ist.
Besonders gegen Ende wirkt das Verhalten einiger Figuren zu konstruiert, damit alle Fäden für den Twist zusammenlaufen können, welcher gleichermaßen nicht ohne kleinere Logiklücken im Hinblick auf das Vorgeschehen daherkommt.
Fischer hat mit seinem Debüt also durchaus vieles richtig gemacht, da die tolle Optik weite Teile der etwas ereignislosen, manchmal auch lethargisch anmutenden Geschichte wettmachen kann. Die Atmosphäre ist stimmig, die jungen Darsteller überzeugen durch die Bank und auch der Score mit einigen choralen Einsätzen vermag die Stimmung zu intensivieren. Nur leider hält die Erzählung trotz einiger Pluspunkte nicht, was sie lange Zeit anzudeuten versucht und hinterlässt am Ende den Eindruck, dass mit etwas weniger ausschweifenden Bildern und mehr Figurentiefe zu Beginn der Erzählung ein besser abgerundetes Bild hätte entstehen können.
6 von 10