Was soll man bloß tun, wenn man ein gigantisches Weltuntergangsactionspektakel drehen will, aber kein Geld dafür zur Verfügung hat? Nun, im Falle von Jeff Leroy mag das Nichtvorhandensein eines nennenswerten Budgets vielleicht ein Grund sein, aber ganz bestimmt kein Hindernis. Er kurbelt das Ding trotzdem runter. So geschehen bei Rat Scratch Fever, seinem neuesten Streich. Seit Ende der Neunzehnneunziger wütet Leroy fröhlich im Ultra-Low-Budget-Bereich, und er wird nicht müde, ein abstruses Machwerk nach dem anderen auf die Menschheit loszulassen. Horror, Exploitation, Alien-Invasion, Monster, Gore, Sexploitation... die Bandbreite in Leroys Schaffen ist beachtlich. Und da ist tatsächlich der eine oder andere Streifen dabei, der es nicht nur nach Deutschland geschafft hat, sondern dem man auch ein gewisses Kultpotential nicht absprechen will. Seine beiden bekanntesten, auch hierzulande erschienenen Filme sind Hell's Highway (2002) und Werewolf in a Women's Prison (2006). Im sleazigen Frauengefängnis des letztgenannten Krachers tummeln sich auch einige niedliche Ratten, und wahrscheinlich ist Leroy dabei der brillante Geistesblitz durchs Hirn gezuckt, die Nager zu den Hauptdarstellern seines nächsten Projektes zu befördern.
In Rat Scratch Fever stürzen riesige Ratten mit grellrot glühenden Augen die Stadt der Engel ins Chaos. Schuld an diesem menschheitsbedrohenden Schlamassel ist eine verhängnisvolle Expedition auf den neu entdeckten Planeten X, denn dort wimmelt es von - Na, was wohl? Genau! - Riesenratten. Die Forschergruppe wird radikal dezimiert; nur die Astronautin Sonja (die erstaunlich gut agierende Tasha Tacosa) rettet sich zurück ins sicher scheinende Raumschiff. Doch sie kommt vom Regen in die Traufe, was ihr spätestens dann klar wird, als sich eine kleine Ratte in ihre Vagina zwängt und ihren Körper "übernimmt". Kaum ist Sonja zurück auf Mutter Erde, machen die Militärs unter dem Kommando des zwielichtigen Milliardärs Dr. Steele (Randal Malone) auch schon Jagd auf sie. Anscheinend ahnen sie, daß die Kacke bereits gehörig am Dampfen ist. Und sie haben recht. Sonja ist nicht mehr sie selbst, und dank der in ihrem Körper lebenden Ratte scheint sie auch noch unkaputtbar zu sein. Dafür giert sie nach Blut, und wie Dracula labt sie sich bevorzugt an diversen Hälsen, was jedoch - im Gegensatz zu den vornehmen Tischmanieren des berühmten Grafen - jedes Mal in einer ziemlichen Sauerei endet. Einzig ihr Freund Jake (Ford Austin), ein Ex-Marine, steht ihr mit Rat und Tat zur Seite. Aber empfindet Sonja überhaupt noch etwas für ihn oder benutzt sie ihn nur für ihre dubiosen Zwecke? Denn während sich die Militärs voll auf Sonja konzentrieren, starten die Riesenratten ihre Generaloffensive.
Ob man mit Rat Scratch Fever etwas anfangen kann, hängt stark davon ab, wie sehr man B-Movies, Z-Grade-Schlock und No-Budget-Trash generell zugetan ist. Rümpft man verächtlich die Nase, wenn zwei deutlich als solche zu identifizierende Spielzeugautos sinnfrei ineinander krachen und explodieren? Schüttelt man verständnislos den Kopf, wenn echte, ums x-fache vergrößerte Ratten so ins Geschehen hineinkopiert werden, daß der Trick selbst einem Sechsjährigen sofort auffällt? Winkt man dankend ab, wenn billigste Computeranimationen zu simulieren versuchen, daß eine Ratte aus einem sich teilenden Menschenkopf hervorbricht? Lächelt man mitleidig, wenn unsere hübsche Heldin vorsichtig mit lebenden Nagern herumhantiert, um ihnen nur ja kein Haar zu krümmen, und dabei vergeblich vorzutäuschen versucht, sie hätte Angst vor ihnen? Drückt man erbost die Aus-Taste, wenn schlechte Schauspieler mit knuffigen Rattenattrappen "kämpfen" und diese anschließend blutig zerschossen werden (die Rattenattrappen, nicht die Schauspieler!)? Wird auch nur eine einzige dieser Fragen bejaht, dann ist man bei Rat Scratch Fever definitiv im falschen Film. Denn hier werden lächerliche Effekte und haarsträubende Tricks nicht kurz und verschämt ins Geschehen integriert, in der Hoffnung, daß sie niemand groß bemerkt. Oh nein! Hier werden lächerliche Effekte und haarsträubende Tricks regelrecht zelebriert, und zwar am laufenden Band.
Leroy, der neben dem Drehbuch und der Regie auch für die Kamera und den Schnitt verantwortlich war und selbst bei den Spezialeffekten Hand anlegte, suhlt sich bewußt und genüßlich im trashigsten Ambiente, gibt seinem Film einen artifiziellen, unwirklichen aber irgendwie doch auch coolen Look. Das hirnrissige Szenario wurde, obwohl von allen Beteiligten recht ernst und ohne allzu offensichtlichem Augenzwinkern gespielt, mit voller Absicht völlig übertrieben und realitätsfern umgesetzt, aber im Gegensatz zu Asylum-Produktionen á la Mega Piranha ist der in Los Angeles entstandene Rat Scratch Fever zum Teil immens launig und meistens sogar richtig charmant. Es sind diese ausgelassene Spielfreude, diese kindliche Lust an der Zerstörung, diese dreiste Sorglosigkeit, dieser naive Enthusiasmus, die dafür sorgen, daß man dem Streifen einfach nicht böse sein kann. Mehr noch, sie machen ihn ausgesprochen sympathisch und liebenswert. Rat Scratch Fever ist kein kalkulierter, seelenloser Trash wie der überwiegende Teil des Asylum-Outputs, der von Leuten produziert bzw. inszeniert wird, die für das Genre nicht das Geringste empfinden und wo man deshalb anstelle der Kreaturen beinahe die tanzenden Dollarnoten zu sehen glaubt, mit welchen die Macher auf die Schnelle die Kasse zu füllen hoffen. Leroy ist ein riesiger Genrefan, das spürt man in seinen mit Old-School-Effekten gespickten Arbeiten zu jeder Sekunde, und sein Enthusiasmus ist hochgradig ansteckend. Trotzdem sei angemerkt, daß selbst Leroy seine Filme gerne mit einer köstlichen Prise Dollar würzt. Diese Dollar heißt mit Vornamen Phoebe, ist ein vertrautes Gesicht im Leroy-Universum, und sie ist eine Wucht. Seit ihrer ersten Zusammenarbeit im Jahre 2002 (Phoebes kultige Performance als Lucindia Polonia in Hell's Highway ist und bleibt unvergessen) war sie in fast jedem Leroy-Spektakel mit von der fröhlichen Partie. Hier haucht sie auf ihre unnachahmliche Weise Jennifer, eine von Dr. Steeles Soldatinnen, schräges Leben ein. Ebenfalls mit dabei ist Regisseur Jeff Burr (The Offspring, Leatherface: Texas Chainsaw Massacre III, Night of the Scarecrow), der immer mal wieder kleine Rollen in Independent-Produktionen annimmt.
Mit Rat Scratch Fever erweist sich Jeff Leroy als würdiger Nachfolger von Bert I. Gordon (The Amazing Colossal Man, Earth vs. the Spider, The Food of the Gods, Empire of the Ants), obwohl er von den Budgets, welche "Mr. B.I.G." zur Verfügung standen, nur träumen kann. Leroy dreht mit ein paar tausend Dollar Filme, für die Hollywood-Regisseure wie Roland Emmerich, Steven Spielberg oder Michael Bay ohne mit der Wimper zu zucken zig Millionen verpulvern würden. Deshalb bringe ich es auch nicht übers Herz, diesen aberwitzigen, energiegeladenen und kreativen Action-Overkill mit normalen Maßstäben zu messen. Wieso Miniaturen, Modelle und Spielzeugautos in seinen Filmen eine Konstante sind, erklärte der sympathische Filmemacher in einem Interview wie folgt: "Well, when I was a kid I loved stuff like The Poseidon Adventure (1972) and a British TV show called UFO (1970-1973). They both had lots of miniature destruction and I thought I could do something like this. It's just all toys photographed a certain way." Und fügt am Ende, trotz schmerzhafter Erfahrungen (nach der Tankstellenexplosion in Hell's Highway landete er für einige Tage mit Verbrennungen zweiten Grades im Krankenhaus), noch hinzu: "And besides if you use CGI where is the joy of blowing crap up?"
Rat Scratch Fever, der mit einem rockig-coolen Soundtrack von Andrew Crandall zusätzlich veredelt wurde, ist ein unfaßbar knalliges No-Budget-Epos, in dem es ordentlich rund geht und in dem die Action nur selten ins Stocken gerät. Es kracht, scheppert, rumst, brennt und explodiert, daß es eine wahre Freude ist. Ja, der investierte Aufwand, der immens war (viel Bastelarbeit über Jahre hinweg), hat sich gelohnt. Ob Rat Scratch Fever nun genialer Camp, gelungene Parodie oder übelster Trash ist, muß jeder für sich selbst entscheiden. Ich hatte jedenfalls viel Spaß mit dem Film.