Review

>>>SPOILER>>>

Wenn es für meine Generation einen relevanten Film gibt, der sich mit der Aufarbeitung der Geschehnisse in Deutschland während des zweiten Weltkriegs beschäftigt, dann ist dies wohl „Schindler’s Liste“, der in all seiner Brutalität und teilweise ekelerregenden Schonungslosigkeit so unheimlich ergreifend und bewegend ist, und so muss sich auch jeder neue Film, der sich mit dieser Thematik auseinandersetzt, an eben diesem Film messen lassen.

Schon direkt die ersten Szenen vermittelten dem Zuschauer, was er in den folgenden knapp 130 Minuten zu erwarten hat: In den Straßen eines kleinen deutschen Dorfes findet eine kleine Parade einer Nazi-Gruppe statt, die begeistert von der Bevölkerung bejubelt wird. Unter den Zuschauern befinden sich auch ein paar behinderte Menschen, die von einer Mauer herunter das Treiben beobachten und sich daran erfreuen während sie warten.
Worauf sie warten ist nicht ganz klar, es ist nur zu sehen, dass die behinderten Menschen der Reihe nach ein paar Männern vorgeführt werden, die dann ein paar Akten überprüfen und diese abstempeln, wie das auch in dem Fall einer jungen behinderten Frau ist, die ebenfalls abgestempelt wird.

Schnitt, und man sieht wie die Gruppe von Behinderten in einer Art Badehaus nach und nach entkleidet wird, und dann in einen Duschraum geführt wird. Die Tür wird geschlossen, die Kamera fährt nach draussen, und man sieht wie eine große Maschine unter der Bewachung von ein paar Soldaten etwas durch einen Schlauch in die Lüftung des Gebäudes pumpt...

Dies wird in sehr klaren nüchternen Bildern gezeigt und geschieht recht undramatisch und vor allen Dingen ohne die Schrecklichkeiten, die nun vor sich gehen, zu zeigen. Der Zuschauer wird mit seiner Fantasie zurückgelassen, und muss dann erst zwei Szenen später feststellen, dass es sich bei der jungen Frau um die Cousine der Hauptfigur Kurt Gerstein handelt – die laut offizieller Diagnose an einer Art Lungenentzündung gestorben sein soll.

Gerstein, gläubiger Protestant, aber auch SS-Offizier, nimmt dies als weiteren Hinweis darauf, dass im NS-Regime einige große Grausamkeiten vor sich gehen, und so versucht er überall Widerstand zu erwirken gegen dieses schreckliche Vorgehen, was auch dank des Einsatzes von etwaigen kirchlichen Würdenträgern gelingt.
Doch als Gerstein, dank seiner herausragenden Kenntnisse auf dem Gebiet der Desinfektion und Hygiene in der SS befördert wird, und daraufhin erfährt, dass die Juden, die deportiert werden, gar nicht zu Arbeitsdiensten herangezogen werden, sondern in großen Massenvernichtungslagern vergast werden, versucht er erneut Gehör bei der Kirche zu finden, die sich allerdings bis auf einen Jesuitenpater als sehr taub erweist, da es diesmal eben nicht um Christen geht sondern nur um Juden.

„Der Stelltvertreter“ geht das Thema „Widerstand im Nationalsozialismus“ auf eine sehr interessante Weise an, und findet einen Zugang, der recht neu ist. Man bekommt einen Eindruck von der logistischen Seite der Massenvergasungen, und sieht auch in Andeutungen, die schrecklichen Dinge, die dort an der Ostfront vor sich gehen, aber der Film wird selten so konkret, wie es z.B. „Schindler’s Liste“ wird, was mir hier ausgesprochen gut gefiel. Der Film entwickelt seine wirkliche Spannung und sein ganzes Grauen vielmehr im Kopf des Zuschauers, ähnlich wie es im letzten Jahr bei „Thirteen Days“ der Fall war, wenn auch bei einer anderen Thematik. So fand ich auch das andauernde Einblenden der Züge ungemein erschreckend, da eigentlich nichts schlimmes gezeigt wird, sondern eben nur diese Güterwagons, die mit geschlossenen Türen hin, und offenen Türen zurück fahren.
Besonders deutlich wird dies aber vor allem in der Szene, als Gerstein mit den anderen Offizieren ein KZ inspiziert und durch ein Gucklock an der Wand einer Gasdusche schauen muss. Diese Szene gehört sicherlich zu dem besten, was es bis dato in diesem Jahr gegeben hat. Eine unglaubliche Intensität entwickelt sich dort, die mit Worten hier eigentlich kaum zu beschreiben ist, man sitzt nur atemlos dort und harrt der Geschehnisse die dort kommen mögen – nur es kommt nichts...

Einen großen Anteil an der Wirkung dieser Szene ist sicherlich Ulrich Tukur zuzusprechen, dessen Gesichtsausdruck nach dem Blick durch das Loch so voller Grauen, so unsagbar angeekelt und einfach nur vollkommen entrückt von dieser Welt zu sein scheint. Alleine schon dieser Ausdruck wäre eine Nominierung wert, aber auch den Rest des Films spielt Tukur unglaublich gut, so überzeugend und vor allem klischeefrei, wie es auch der Film an sich ist. Es gibt eben so gut wie gar keine stereotype Einteilung der Charaktere, die man Schindler’s Liste manchmal zum Vorwurf machte, sondern der Film erweckt schon manchmal den Eindruck eine Reihe von Tatsachen nüchtern darzustellen, was vermutlich den Unterschied des europäischen Kinos zum amerikanischen ausmacht, zumindest was die Darstellung des zweiten Weltkriegs angeht.

Auch Matthieu Kassovitz will ich hier aber nicht unerwähnt lassen, der mit seinem jugendlichen Enthusiasmus im Kampf gegen die Windmühlen der klerikalen Ignoranz ebenfalls sehr überzeugend ist, und im Laufe des Films immer stärker wird, was dann letztlich im letzten Treffen mit Gerstein im KZ einen sehr berührenden Höhepunkt findet, wo auch er es schafft mit einem einzigen Gesichtsausdruck so unglaublich viele Emotionen, so ein unendliches Leiden darzustellen.

Um mich also kurz zu fassen: „Der Stellvertreter“ ist ein äusserst ruhiger und unspektakulärer, beinahe sachlicher Film, der ein beeindruckendes Charakterporträt gibt und zudem ungemein fesselnd ist, was zum einen an einer immerwährenden hintergründigen Spannung und einer Reihe von großartigen Darstellern liegt, die dem Film hier ihren Stempel aufdrücken, natürlich mit Ulrich Tukur in erster Linie, der bei den Wahlen am Ende des Jahres bei den Darstellern bei mir wohl ganz oben landen wird.
Aber auch der Film selbst wird in meiner Top10-Liste zu finden sein, da Claude Berri hier einen wirklich extrem beeidruckendes Werk geschaffen hat, dass zwar nicht ganz an „Schindler’s Liste“ heranreicht, aber sich dahinter auch nicht zu verstecken brauch, da er eben so vollkommen anders ist.

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