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Die Geschichte des Chemikers und SS-Obersturmbannführers Kurt Gerstein (Ulrich Tukur) und seiner Zerrissenheit und seinem Aufbegehren zwischen seiner Rolle als Zyklon B Lieferant und dem Anprangern der Verbrechen der Nazi-Zeit ist in der Verfilmung in DER STELLVERTRETER eine der besten im letzten Jahrzehnt. Mittels einer fabelhaften und sehr intensiv agierenden Schauspielerriege nebst Tukur wie Mathieu Kassovitz, Hanns Zischler, Ulrich Mühe, Pierre Franckh, Monica Bleibtreu und Susanne Lothar wird auf Basis dieses erfahrenen who-is-who deutscher Darsteller eine erschütternde Aufarbeitung der Verstrickungen der Kirche in die Geschehnisse um die Deportation und Ermordung von Millionen von Menschen geschildert.

Die Rolle insbesondere der katholischen Kirche ist sehr komplex und keinesfalls ausreichend in einem Spielfilm aufzuarbeiten. Am Ende des Tages ist es aber ein Film, der meines Wissens nach nicht Anspruch auf 100% geschichtliche Exaktheit legt, da diese ja auch stets auf Basis der neuesten Forschung im Fluss ist. Aber er darf Geschichte interpretieren und in anderem Zusammenhang wundern wir uns auch nicht über Filme, die Geschichte stärker in einer Richtung darstellen. Es sei deswegen auch vorausgeschickt, dass ich hier nicht die genaue geschichtliche Rolle von Papst Pius VII diskutiere, die in jüngster Zeit historisch etwas genauer aufgearbeitet wurde.

Aber auch wenn - was nicht final und verbindlich geklärt ist - seine Rolle persönlich nicht so deutlich passiv im Umgang mit den Ereignissen zu dieser Zeit verwoben war, ändert dies nichts an der Tatsache, dass im großen Stil die (katholische) Kirche über viele Ebenen Mitwisser und Mitstreiter und damit indirekt Mittäter an den Verbrechen war. Daran ändern auch nichts die vielen Pfarrer auf Gemeindeebene, die im aktiven und passiven Widerstand waren. Das waren normale Volksbürger auch. Deswegen liegt hier der Schwerpunkt mehr auf weiteren Ausführungen zum Film. Dieser fällt auch durch seine aufwendige Ausstattung auf, bei man stets das Gefühl hat sich in dieser Zeit zu befinden.

Entscheidend für die außerordentliche Wirkung DER STELLVERTRETER ist, dass er nicht sensationsgierig auf die Verbrechen draufhält und sich nicht an möglichen Schreckensbildern aalt. Mehr als einmal sehen wir nichts, erleben aber die Gräueltaten durch die Augen der Protagonisten was ich für eine gelungene Herangehensweise halte. In der Phantasie des Zuschauers ergeben sich dadurch nur viel stärke und nachhaltige Bilder im Kopf. Die zynische Rolle der SS, unter anderem hervorragend gespielt von Ulrich Mühe, wird sehr gut zum Zuschauer transportiert. Lothar Ulrich Mühe und Susanne Lothar sowie Monica Bleibtreu (Mutter von Moritz Bleibtreu) sind auch leider schon verstorben.

Auch der junge Jesuit Ricardo (Mathieu Kassovitz) agiert jederzeit nachvollziehbar und nicht übertrieben in seiner Auflehnung gegen die Kirchenhäupter. DER STELLVERTRETER wurde meines Erachtens nachträglich synchronisiert und leider ist das immer mal wieder ersichtlich. Dies ist üblich in Filmen, die für die internationale Auswertung vorgesehen sind, aber wirkt auch hier immer mal wieder suboptimal. Aber das sind Kleinigkeiten eines großen Dramas mit geschichtlichem Hintergrund über das viel diskutiert wurde und wird. Es ändert aber nichts an den großen Zusammenhängen und relevanten Tatsachen die bekannt sind. Das Ende des Films ist so bitter wie der Krieg selbst und ich kann nur allen Interessierten an solchen Stoffen DER STELLVERTRETER ans Herz legen.

7,5/10 Punkten

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