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Manche Filme schleichen sich nur so in die Kinos, werden dort kaum bemerkt und werden ebenso klammheimlich wieder entsorgt. Ein modernes Schicksal für unsere massenpopulären Zeiten. "Besessen" wird es vermutlich ebenso gehen, was schade ist, denn der Film verbindet Romantik, Drama und einen Literaturdetektivplot auf recht attraktive Art und Weise.

Es handelt sich um die Adaption eines erfolgreichen Romans, in dem zwei Literaturhistoriker eine Verbindung zwischen einem verheirateten Dichter und einer lesbischen Dichterin ausmachen, wo vorher nie welche zu sein schienen. Während sie immer stärker die leidenschaftliche Liebesreise der beiden Viktorianer und ihre Folgen erforschen, kommen sie sich gleichzeitit selbst widerstrebend näher.

Für die Kenner des Buches dürfte hier einiges Kritikpotential zu melden sein. Die Hauptdarstellerin wird von einer Amerikanerin gespielt, ihr Kollege ist plötzlich Amerikaner, der Romantikplot ist runterkonzentriert worden, das Mystery-Detektivspiel aufgewertet, die literarische Faszination flöten. Nehmen wir das also als gegeben und werten hier mal den Film pur.

Zunächst: die Geschichte entwickelt sich trotz allem recht bewegend, blendet ununterbrochen zwischen heute und 1859 hin und her und entwickelt die Geschichte so für uns, wie die Historiker sie Schritt für Schritt herausfinden. Wer dabei glaubt, Geschichte sei öde, der wird hier doch einiges an Charme und Witz vorfinden, wenn auch leidenschaftliche Poesie und Liebschaften nicht zu den Preferenzen eines modernen, jugendlichen Publikums gehören.
Obwohl sich der Plot nur langsam entfaltet und im Nachhinein als durchschaubar erklärt werden könnte, schreitet der Film dennoch unterhaltsam voran und läßt niemanden einschlafen, der sich auf das Thema einläßt.

Dennoch ist da eine kaum zu beschreibende Unausgewogenheit zwischen den Erzählsträngen, der den Film die ganz große Klasse vermeiden läßt. Leider liegt das am Gegenwartsstrang, in dem Aaron Eckhardt und Gwyneth Paltrow langsam, aber widerstrebend Gefühle füreinander entwickeln. Paltrow ist zwar rollengemäß dabei kühl, aber leider auch arg bieder und sieht ihrer Nachfahrin kein bißchen ähnlich, nicht mal im Charakter. Dazu paßt die schlampige Knuddeligkeit Eckhardt, der hier die Sympathiepunkte sammelt, nicht so recht. Ihre aufkeimende Romanze wird etwas forciert und ruckhaft erzählt, vor allem die Rückschläge wirken mehr wie dramaturgisch gewollt und kaum überzeugend, die kurz darauf folgenden Versöhnungen fast schon irritierend. Dafür bekommt ihre Filmhälfte Drive, sobald das Geheimnis weiterzuentdecken ist.

Wesentlich besser und geradezu klassisch die Romanze der Dichter, die man episodenhaft über den Film verteilt mitbekommt. Die Schauspieler passen hervorragend und wenn auch die Leidenschaft meistens über Voiceovers getragen wird, so bieten diese Szenen dem Zuschauer sicherlich am meisten. In wunderschönen Bildern der viktorianischen Epochen wird die Romanze zur Tragödie, um schließlich doch mit einer versöhnlichen Note zu enden, die man nicht voraussehen kann und die nur dem Zuschauer erzählt wird.

Ein über die Beziehungen hinausgehender Subplot um einen Sammler, der die Entdeckung für sich einnehmen will, ergänzt die Romanze mit etwas Spannung, hätte aber noch feiner herausgearbeitet werden können.
Wenn nun also eine andere Hauptdarstellerin sich der Maud Bailey angenommen hätte und die Erzählstränge ein wenig geschickter verwoben gewesen wären, hätte man einen wahrlich großen Film erhalten. So bleibt ein schönes, romantischen und zeitweise spannendes Literaturmovie, daß leider schon zu viele Ecken und Kanten hat, um seine Brillianz über die volle Länge ausspielen zu können.
Dennoch: auch wenn ich nur einer von wenigen war - den wollte ich mir nicht entgehen lassen. (7/10)

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