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My Home Is My Castle…

Drei Jugendliche werden von ihren Erzeugern in dem Glauben erzogen, dass außerhalb des elterlichen Heims Nichts oder nur Tod und Verderben existiert. Nie haben die zwei Mädchen und deren Bruder das heimische Grundstück verlassen. Nie hatten sie Kontakt zu Fremden. Fernsehen und sonstige Medien sind ihnen unbekannt. Kein Schimpfwort, kein Musiktrend, kein politisches Ereignis, beinahe kein einziger negativer Einfluss hat die Kinder je erreicht. Ein meterhoher Zaun umringt den heimischen Garten. Nachbarn, die sich kümmern würden, gibt es keine. Alles wurde abgeschirmt, als lebten sie in einer wundersamen Blase. Was von den Eltern als schützende Maßnahme vor der bedrohlichen Außenwelt gedacht ist, wird für die Heranreifenden zusehends zur Qual. Aufgewachsen in einer Welt voller erfundener Regeln und Gesetzmäßigkeiten, antrainierter Umgangsformen und eigenem Vokabular, dringen allmählich weltliche Einflüsse zu ihnen durch. Nach und nach erwacht auch sexuelles Verlangen in den jungen, wissbegierigen Körpern...

„In ein paar Monaten wird eure Mutter zwei Kinder und einen Hund zur Welt bringen.“

Ich liebe meine Eltern. Meine Eltern lieben mich. Ich gehorche meinen Eltern, weil ich sie liebe. Ich werde mich stets anstrengen besser zu sei als letztes Mal. Niemals allein das Haus verlassen. Niemals das Grundstück verlassen. Katzen sind todbringende Bestien, die einen in Stücke reißen. Das Grundstück kann man nur mit dem Auto verlassen. Wann ist man in der Lage selbständig das elterliche Heim zu verlassen? Antwort: Wenn der rechte Hundszahn ausfällt. Oder der linke. Das ist egal. Wann ist man bereit ein Auto zu fahren? Antwort: Wenn der rechte oder linke Hundszahn nachgewachsen sind.
Solche und unzählig andere paradoxe und absolut phantastische Gesetze bestimmen den Alltag der drei namenlosen Jugendlichen.
Die unter dem Deckmantel der Schutzfunktion verhängte Isolation dient einzig und allein der absoluten Kontrolle der Eltern über das komplette Denken und Verhalten ihrer Sprösslinge.

DOGTOOTH, nebenbei bemerkt eine griechische Produktion, beschäftigt sich hauptsächlich mit der Schilderung des verqueren Alltags der Jugendlichen und damit, wie die Eltern ihr Lügengerüst aufrechterhalten, was sehr oft in verstörende, manchmal beinahe grotesk witzige Szenarien ausufert. So wird im Garten mit Mama blind Kuh gespielt, der Junge erlegt eine Katze mit der Heckenschere und ein Mädchen legt – mit Freiheitsdrang und sexuellen Gelüsten kämpfend – einen überaus verstörenden Ausdruckstanz aufs Parkett. Gegen Ende kommt dann eben dieses Mädchen auf die glorreiche Idee sich den „Hundezahn“ auszuschlagen, um endlich die Reife zu erlangen ihr trautes Heim verlassen zu können.
Das Prinzip, das die überführsorglichen Eltern anwenden, ähnelt dem der TRUEMAN SHOW. Man nimmt die Welt, in die man hineingeboren wird, als normal an. Akzeptiert sie so wie sie ist, ohne sie zu hinterfragen. Zumindest anfangs.
Ferner erinnert die Geschichte stark an den authentischen Fall Fritzl. Einem Österreicher, der seine eigene Tochter von Kindstage an in einem Keller gefangen hielt, sie dort abgeschirmt von der Öffentlichkeit aufzog, sie insgesamt 24 Jahre eingesperrt hielt und in dieser Zeit mit ihr sieben Kinder zeugte. Auch die im Kellerverlies geborenen Kinder werden es zu Beginn wahrscheinlich als normal und Gott gegeben akzeptiert haben, nicht nach draußen gehen zu dürfen und zu keinen anderen Menschen Kontakt zu haben.
Da bleibt doch die Frage offen: Wie steht es eigentlich mit unserer Welt? Was wird uns alles an Lügen vorgegaukelt? Was nehmen wir alles kommentarlos hin, obwohl es alles andere als zu unserem Wohl geschieht?
Daneben aber auch: Welche Vorteile bringt ein Leben ohne eigene Entscheidungen, ohne Verantwortung mit sich? Braucht man so etwas wie Freiheit denn bzw. gibt es die absolute Freiheit überhaupt? Darf man jemanden zu seiner „Freiheit“ zwingen, wenn er diese nicht will?
Fragen, die hinsichtlich des momentanen Libyen-Krieges gewiss ganz interessant sind. Dort hält Gaddafi sein Volk ja auch unter einer Art Käseglocke von allen westlichen Einflüssen und Freiheitsgedanken fern und in seiner phantastischen Ideologie gefangen. Wie uns die Geschichte zeigt gibt es immer Befürworter und Gegner solcher Systeme. Rückblickend sagen ja auch nicht wenige Bürger der ehemaligen DDR: „Drüben war vieles besser!“


„Was ist eine Muschi?“
„Eine Muschi ist eine große Lampe. Wenn die Muschi aus ist, versinkt der ganze Raum in Dunkelheit.“


Fazit:
Arthaus-Kino Deluxe! Verstörend, abartig, genial!

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