Ich muss leider feststellen, dass KLASS aus meiner Sicht etwas überbewertet ist. Was unbedingt zu loben ist, ist das leider stets aktuelle Thema und die überwiegend pragmatisch-dokumentarische Darstellung die konsequent dem Realismus verpflichtet ist. Die jugendlichen Darsteller, allen voran die Hauptpersonen Joseep und Kaspar, agieren oft sehr realistisch und oft als gäbe es keine Kamera um sie herum. Diese ist entweder in dokumentarischer Form immer nah aber unsichtbar am Geschehen, oder sie fokussiert sehr geschickt auf die oft emotional meist ausdrucksstarken Gesichter der Protagonisten und hält deren Mimik in Großaufnahme fest.
Allerdings gibt es diverse Schwächen bei der dramaturgischen Gestaltung von KLASS die Längen im Mittelteil aufkommen lässt. Es werden gewisse Handlungsteile redundant ausgebreitet und es macht sich insgesamt eine gewisse Spannungsarmut breit. Auch ohne den Schluss genau zu kennen ist klar, auf welche Eskalation es in etwa hinausläuft. Im Grunde sind die Macht-Szenarien in der estnischen Schule realistisch, jeder kann das an seiner Schulzeit überprüfen, für mich ist jedoch die Fokussierung auf einen negativen Anführer relativ selten anzutreffen.
Aber man kann von dieser Konstellation ruhig einmal ausgehen. Und wir erleben auch die andere Seite der Medaille: überforderte oder sogar unfähige Pädagogen, welche sich beliebter Methoden der Drohung, Erpressung (von der Schule fliegen wenn nicht…) oder auch Kollektivstrafen bedienen. Sicherlich sind die Situationen recht fordernd und schwierig für die Lehrer und es gibt keine klaren Lösungsvorschläge die einfach auf der Hand liegen und funktionieren würden. Somit spricht dieser Fakt vielmehr für KLASS und seinem Realismus.
Ob es allerdings so einfach nachzuvollziehen ist wie in der Schlussszene von den Protagonisten gehandelt wird ist für mich fraglich. Da sich Regisseur Ilmar Raag bei KLASS für diese Konsequenz entschieden hat, was ich grundsätzlich befürworte, hat er sich aus meiner Sicht zum einen nicht vorher die Zeit genommen diesen grausamen Schritt aus Sicht der Handelnden langsam vorzubereiten. Es passiert mehr oder weniger plötzlich als wäre es nur ein kleiner weiterer Schritt auf der begonnenen Eskalationsleiter.
Zum anderen ist die Darstellung dann doch relativ vordergründig, direkt und sensationslüstern, obwohl der Film dies gar nicht nötig gehabt hätte. Hier wäre weniger mehr gewesen. Erwähnenswert ist noch die durchwachsene Synchronisation, aber dazu kann KLASS ja nichts und man kann den Film sich ja auch im Original besorgen. Ich möchte nicht, dass ich falsch verstanden werde. KLASS ist ein Independent Film mit großem Thema und viel sichtbarem Herzblut in der Umsetzung. Aber es sollte erlaubt sein zwischen all den Lobeshymnen auch Kritik zu üben.
Wenn jemand verstehen möchte was ich mit meiner Kritik meine, dann könnte er sich das Jugendknast Drama PICCO ansehen. Dort wird mit noch viel weniger Personen, ohne wechselnde Drehorte und Musik das Thema des nachhaltigen Mobbings unter Jugendlichen in noch viel intensiverer Form gezeigt und ohne die von mir beschriebenen bzw. empfunden formalen und dramaturgischen Schwächen. Inzwischen hat Regisseur Raag einen zweiten Film veröffentlicht der unterschiedlicher gar nicht sein kann: EINE DAME IN PARIS, den ich hier auch schon bewertet habe.
6/10 Punkten