Die wahre Geschichte der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem russischen Offizier und einem Einwohner der sibirischen Taiga Anfang des 20. Jahrhunderts, die sich während einer Expedition zur Landvermessung kennenlernen und viel voneinander lernen können. Vor allem aber ist es der naturverbundene Goide Dersu Uzala (und nicht etwa Kirgise, wie der falsche bundesdeutsche Verleihtitel aus den 80ern suggeriert), der dem Mann aus der Zivilisation viel über die Magie der Natur und des genauen Beobachtens beibringt.
Die sowjetische Produktion des japanischen Meisterregisseurs Akira Kurosawa ist ein humanistisches Meisterwerk, das in ebenso stillen wie beeindruckenden Aufnahmen die ursprüngliche Verbundenheit des Menschen mit der ihn umgebenden Natur feiert und in einen deutlichen Kontrast zur modernen Zivilisation mit all ihren falschen Regeln und künstlichen Gesetzen stellt. Dabei wird die Natur niemals idyllisiert oder verharmlost, sondern in all ihrer rauen und gnadenlosen Härte gezeigt, an die sich der Mensch anzupassen hat - eine Sicht, die in dem wunderbaren Satz kulminiert: „Der Mensch fühlt sich ganz klein, wenn er inmitten dieser großen Natur ist."
„Dersu Uzala", den Kurosawa nach einer Reihe finanzieller Flops und persönlicher Krisen außerhalb seiner japanischen Heimat drehte, gehört zu den großen Meisterwerken des genialen Regisseurs. Das liegt zum einen an den atemberaubenden Aufnahmen: Fernab jeglicher Hollywood-Ästhetik fängt die Kamera mit ihren grobkörnigen Fotos und der tristen, mitunter beinahe farblosen Farbdramaturgie Bilder von erlesener Schönheit ein - verschneite Wälder, eisige Steppen und wuchernder Dschungel entwickeln eine ungeheure Bildkraft, die gerade durch die Einfachheit der Inszenierung (wenig untermalende Musik, keine schnellen Schnitte, meist langsame, bedächtige Kamerafahrten) umso beeindruckender und authentischer ausfällt. Auch Szenen von offensichtlicher Künstlichkeit fügen sich perfekt in dieses Gemälde-Konglomerat ein: wenn etwa die untergehende Sonne und der aufgehende Mond miteinander kontrastiert werden.
Belebt werden diese wunderschönen, poetischen Bilder von den grandiosen Darstellern - größtenteils Laiendarsteller! Vor allem Maxim Munsuk (Dersu Uzala) gibt seinen Charakter so natürlich und überzeugend, dass er von der ersten Sekunde an eine ungeheure Leinwandpräsenz entwickelt. Mit seiner gebrochenen Sprache, die oft naiv klingt, aber gerade dadurch zu tiefen Weisheiten neigt (und hier ein großes Chapeau an die deutsche Synchronisation, die es schafft, seine Sprache nicht zur Karikatur gebrochen Deutsch sprechender Ausländer verkommen zu lassen), und seinen oft so banalen wie brillanten Beobachtungen erweist er sich als großes naturverbundenes Genie fernab moderner Wissenschafts-Schläue - wie etwa seine großartige Antwort auf die Frage eines Soldaten preisgibt „Weißt du, was die Sonne ist?". Uzala wird hier als Musterbeispiel des ursprünglichen Menschen präsentiert, der durch genaue Beobachtung seiner Umgebung und Respekt vor der ebenso wunderbaren wie potenziell tödlichen Natur zum großen Humanisten wird - so hinterlässt er in einer Unterkunft Lebensmittel für eventuell später eintreffende Reisende und verurteilt das sinnlose Zerstören von Gegenständen oder Töten von Tieren. Selten hat es im Kino eine Figur gegeben, die mit so großer Authentizität und Natürlichkeit die Mystik der ursprünglichen Natur des Menschen verkörpert hat. Ein faszinierender, von Grund auf sympathischer Charakter für die Ewigkeit.
Mit „Dersu Uzala" geht Kurosawa die ersten Schritte auf dem Pfad naturnaher Mystik, der ihn schließlich zu solchen Werken wie „Akira Kurosawas Träume" bringen sollte. In grandiosen Aufnahmen, deren technisch bedingte Grobheiten und Farbprobleme zum besonderen Charme beitragen, und mit einer zutiefst humanistischen Aussage über das Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur, das er der modernen Zivilisation entgegen hält, ohne diese rundum zu verurteilen, entwirft er hier ein großes Meisterwerk des naturliebenden und vor allem des humanistischen Films. Eines ist so gut wie sicher: Wer Dersu Uzala einmal gesehen hat, wird diesen wunderbaren Charakter nie wieder vergessen - genau wie der russische Offizier, auf dessen Tatsachenroman das alles basiert.