Review

Geniestreiche am laufenden Band zu liefern, das ist noch keinem Regisseur gelungen. Hochqualitative Arbeiten jedoch in Reihe - das funktioniert schon eher mal.
Dennoch erwartete die halbe Welt von Christopher Nolan nach "Memento" ein neues Meisterwerk und nicht wenige wandten sich danach enttäuscht ab und nörgelten über einen kargen Möchtegernthriller.

Dabei ist "Insomnia" kaum als ein Remake eines europäischen Films zu erkennen, sondern steht vielmehr allein als psychologisch ausgefeilte Studie über die Schuld und das moralische Verhalten da, angereichert mit einem vollkommen unplakativen Katz- und Mausspiel zwischen Killer und Polizist, die beide vollkommen auf sich alleingestellt sind.

Al Pacino gibt dabei den von Verzweiflung geplagten Star-Detective, der sich einerseits einer baldigen Anklage wegen Korruption oder Amtsmißbrauch ausgesetzt fühlt, weil ein ihn begleitender Kollege seinen eigenen Hintern retten will. Während der Morduntersuchungen in einem alaskischen Nest kommt dann bei immerwährendem Tageslicht noch die zermürbende Schlaflosigkeit hinzu.
Wirklich makaber wird es jedoch erst, als er bei einem Polizeieinsatz im Nebel besagten Kollegen versehentlich für den Killer hält und niederschießt. Daraufhin läßt er es so aussehen, als hätte der Killer seinen Kollegen ermordet, doch er wurde dabei beobachtet. Und nun versucht der Killer, den Polizisten zu erpressen.

Nolan gebraucht vorzugsweise ruhige, stimmungsvolle Bilder der nordamerikanischen Landschaft, in der der Nebel undurchdringlich in Mulden lauert, die Sonne milchig scheint und unvermittelt in das zwielichtige Halbhelle der dortigen Nacht übergeht. Wo jedoch wirklich Nacht herrscht, das ist in seinen Protagonisten.
Pacino gibt eine immer stärker werdende Gala-Vorstellung als Polizist, der seinem Ruf gerecht werden will und deswegen ein immer engmaschigeres Netz knüpft, in dem er sich verfangen wird. Getrieben von Schuld und seinen selbst veröffentlichten Vorstellungen von Recht und Moral zwingt er sich aus notwendigen Gründen zu dem Schwindel mit den verschiedenen Waffen, tauscht Kugeln ein und versteckt die Tatwaffe beim inzwischen identifizierten Täter. Allerdings raubt ihm das die Ruhe und den Schlaf.

Was nun folgt ist ein sechstägiges Martyrium, der langsame Zerfall eines Mannes, der sich selbst wiederfinden muß. Dabei ist Pacino weder positiv noch negativ gepolt worden; als Zuschauer zittert man mit ihm, ob er davon kommen wird, muß andererseits aber den Argumenten des Killers Tribut zollen, der das nicht durchgehen lassen will. Doch der Wunsch nach Erlösung ist letztendlich stärker: noch nicht einmal in der Mitte des Films trennt Pacino von der abgeschlossenen Unschuld nur noch ein Unterschrift, doch er gibt den Abschlußbericht an Hilary Swank zurück und ermahnt sie, um sie damit auf die eigene Fährte zu bringen.
Optisch ist außer der Natur nur selten ein Schmankerl zu sehen, etwa wenn der schlaflose Zustand Pacino zunehmend zusetzt, weil er bisweilen Halluzinationen bekommt.
Trotzdem gibt es knappe, feine Höhepunkte. Da wäre die Falle im Nebel, eine Verfolgungsjagd über treibende Baumstämme, die fast tödlich für Pacino endet und die wohl erschreckenste Visualisierung eines Sekundenschlafts am Steuer eines Autos.

Ab der Mitte des Films widmet sich das Drehbuch dann mehr dem Zweikampf Pacino/Williams, die beide zu Höchstform auflaufen. Williams arbeitet dabei so gebremst, daß man ihn für fehlbesetzt halten könnte, weil er sich im Gegensatz zu sonst total zurücknimmt. Präzise ist er mit Pacino stets gleichauf, wenn nicht voraus und ahnt dessen Züge voraus, weil er sein Syndrom selbst durchgemacht hat.
Gerade wegen dieser dargestellten Normalität erscheint sein Verbrechen so unglaublich und seine Verwandlung im Schlußkampf so ungeheuer erschreckend.

Das Ende ist im Zuge der Storyentwicklung von fast shakespearscher Poetik und verkneift sich auch die zusammenfassenden Schlußworte, so daß sich der Zuschauer selbst ein Resume eines verdammt guten Polizisten stricken muß, der seine Entscheidungen immer selbst gefaßt hat, gegen alle Widerstände.

Doch genau diese Anforderungen sind heute nicht selten zuviel für ein Publikum, dass gern auch noch den letzten Bissen vorgekaut bekommt. "Insomnia" besitzt fast keinen leichten Moment, ist schwer und düster von der ersten bis zur letzten Szene, ein Brocken, auf dem man herumkauen kann, schmerzhaft zu schlucken, wenn man sich unterhalten will.
Aber genau diese Gründlichkeit zeichnet Nolan aus und es wäre wünschenswert, wenn er das für seine weitere Karriere konservieren könnte. Das Herz der Finsternis ist hier dort, wo es niemals dunkel wird. Was ist schwarz, was ist weiß? Klassisch! (8/10)

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