Review

Der größte Nachteil, den Insomnia bei seiner Veröffentlichung im Kino hatte, war die Erwartungshaltung der meisten Zuschauer. Denn die dachten beim Ansehen des Trailers und dem lesen der Inhaltsangabe an einen storymäßig doch recht gewöhnlichen, typischen Thriller nach dem Schema "Polizist jagt perversen Killer", doch dies ist Insomnia überhaupt nicht.
Ganz im Gegenteil, das Suchen des wahren Mörders und die Jagd nach diesem nimmt einen verschwindend geringen Teil des Films ein und schon nach der Hälfte des Filmes weiß der Zuschauer dann, wer der Mörder ist und warum er das getan hat. Aber darum geht es dem Regisseur auch überhaupt nicht, viel eher liegt sein Anliegen bei dem Aufwerfen philosophischer Fragen wie "Wann beginnt die Schuld?", "Wie weit darf man bei der Arbeit, einen Schuldigen zu finden, gehen?" und "Inwieweit ist das Strafsystem überhaupt sinnvoll?".
So verwickelt sich Hauptdarsteller Al Pacino als exzellent spielender, schlafloser Polizist im Laufe des Films immer mehr in die Frage nach Schuld und Unschuld, indem er seinen eigenen Partner tötet, Beweise unterschlägt und fälscht und den wahren Mörder deckt. Im Endeffekt gesehen wird er dadurch nicht viel besser als die Menschen, die er so verabscheut und genau das beginnt er im Laufe des Filmes zu begreifen.
Christopher Nolan schuf ein bildgewaltiges Werk, das voll auf die exzellente Visualität und seine beiden Hauptdarsteller setzt. Diese machen ihre Sachen sehr gut und Robin Williams schafft es glaubhaft, den Charakter des "Bösen" so darzustellen, dass seine Handlungen für den Zuschauer meist noch nachvollziehbar bleiben. Jedoch verschwimmt die Grenze zwischen "Gut" und "Böse" meiner Meinung nach noch nicht genug, dafür sind die beiden Hauptcharaktere doch noch zu einseitig (leider). Aber das liegt nicht an Pacino oder Williams, sondern wohl eher am Drehbuch.
Dieses besteht übrigens zum größten Teil aus Dialogen, die die oben schon angesprochenen Fragen aufwerfen. Action gibt es sehr, sehr wenig, doch wenn, dann ist sie sehr gut und spannend inszeniert.
Noch ein Wort zur Regie: Wie schon erwähnt, ist der Film von der Bildgestaltung her ein wahrer Augenschmaus! Das möchte aber auch sein, denn seine sehr ruhige und langsame Erzählweise lebt nun mal auch von den Bildern, die die Schlaflosigkeit von Pacino bestens einfangen. So blitzen im späteren Verlauf des Films immer wieder seltsame Bilder auf, real erscheinende Visionen verunsichern den Hauptdarsteller sowie den Zuschauer und die Landschaft Alaskas ist in kalten, sterilen Farben eingefangen, wodurch Pacino noch etwas verlorener und einsamer wirkt. Dazu trägt auch bei, dass die Landschaft meistens menschenleer ist, was zum einen daran liegt, dass der Polizist oft nachts unterwegs ist und zum anderen den Grund hat, dass in Alaska nun mal nicht soviel los ist.
Ich kann jeden verstehen, dem der Film nicht auf Anhieb gefällt, da er zu langatmig etc. erscheint. Aber man sollte ihm noch eine zweite Chance geben, denn spätestens, wenn man die richtige Erwartungshaltung hat, kann er seine Trümpfe voll ausspielen.
8/10

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