Review

*Achtung. Dieser Text enthält Handlungsspoiler sowie Interpretationsansätze, die entscheidende Momente des Filmes vorwegnehmen. Wer Insomnia also noch nicht gesehen hat, sollte die folgenden Ausführungen nicht lesen.*

Nach seinem Durchbruch mit dem ungewöhnlichen "Memento" liefert Regisseur Christopher Nolan mit "Insomnia" ein Werk ab, das nur knapp an dem Status eines Meisterwerkes vorbeikratzt.

Die Story: der Polizist Will Dormer und sein Kollege Hap Eckhart fliegen nach Alaska, um den Mord an einer 17-jährigen aufzuklären. Dort angekommen, muss der an Schlaflosigkeit leidende Dormer feststellen, dass die Sonne zur aktuellen Jahreszeit nicht untergeht.
Nach einigen Ermittlungen im Umfeld der Ermordeten können die beiden Cops den Verdächtigen mit Hilfe der örtlichen Polizei in einer Holzhütte an einem Flußbett stellen, jedoch gelingt ihm die Flucht. Bei der anschließenden Verfolgungsjagd geschieht ein Unglück: Dormer erschießt im Nebel seinen Partner. Bei den weiteren Untersuchungen wird von seinem schlechten Gewissen geplagt. In dem Hauptverdächtigen, einem Schriftsteller, findet er eine Wahrheit, die über diejenige hinausgeht, die er gesucht hat.

Schon in "Memento" begeisterte uns Nolan mit dem Widerstand gegen alle Filmkonventionen. Natürlich vorherrschend und gleichzeitig der Grund für den Erfolg: die reversible Erzählweise. Mir ist aber noch ein weiteres Element aufgefallen: für einen Thriller wirkte Memento ungewöhnlich hell. Der Film spielte vorwiegend (oder komplett?) am Tag. Das Licht wirkte aber keineswegs freundlich, sondern fungierte ganz im Gegenteil als Bedrohung.

"Insomnia" hörte sich zunächst einmal nach einem absolut gewöhnlichen Hunting-Thriller an, der nach dem bewährten Cop-jagt-Killer-Schema verläuft. Die Ernüchterung vieler Zuschauer lag darin, dass der Schein trügte. Nolans zweiter Streich ist ein symbolisches Feuerwerk, das tiefgehende psychologische und philosophische Fragen behandelt, im Konkreten die Schuldfrage.

Der erste Eindruck war die Übernahme der Idee, das Licht als Feind zu benutzen. Gehen wir ein Stück zurück am Zeitstrahl der Filmgeschichte. Ausgehend von den Schwarzweiss-Filmen galten helle Räume immer als sichere Orte, denn im Dunkeln lauerte die Gefahr. Dabei denke ich vor allem an die Hammer-Produktionen.
Aber schon vorher wurden Schwarzweiss-Filme in der Nachbearbeitung eingefärbt. Farben wurde eine bestimmte Symbolik zugeordnet: Weiss war die Unschuld und die Reinheit, Schwarz der Tod und die Trauer.

So nicht bei Nolan: der helle Lebensspender wird zur Krankheit, zur gnadenlosen Bedrohung. Dementsprechend ist der einzige dunkle Ort im gesamten Film das Hotel, also die Hotelbar und sein Zimmer, das einzige Refugium; und selbst dort schickt die Sonne ihre unbarmherzigen Strahlen durch die abgedeckten Fenster.

Natürlich ist Pacinos Charakter aufgrund seiner Schlaflosigkeit der Einzige, für den das Licht so unerträglich ist; aber er ist für den Zuschauer die Identifikationsfigur, so fühlen wir ihm seine Krankheit nach.

Die Schlaflosigkeit ist dabei das vorherrschende Symbol für die Schuld, die Dormer fühlt. In den ersten Szenen wird schnell klargemacht, dass er und Hap in Streitigkeiten verzwickt sind und nicht gut miteinander auskommen. Als er Hap dann erschießt, wirkt für den Zuschauer alles wie ein Unfall - man sieht nur eine Silhouette im dichten Nebel, alles ist hektisch, die Reaktion Dormers nachvollziehbar. Aber: warum versteckt er die Wahrheit vor seinen Kollegen (darunter seine kritische Bewunderin, eine örtliche Polizistin gespielt von Oscargewinnerin Hilary Swank) und schiebt dem Flüchtigen den Unfall in die Schuhe und sagt nicht die durchaus nachvollziehbare Wahrheit? Der Zuschauer sagt sich, das ist doch nur ein Reflex in der Situation. Man ertappt sich dabei, Dissonanzen zu entwickeln, Ungereimtheiten, die man nun versucht, auszumerzen. Man schützt im Geiste Dormer, als sei man selber er. Die Identifikation ist aufgegangen, mit all der Schuld, die nun von Dormer u n d dem Zuschauer getragen wird.

Rückblickend wird dann auch das immer wiederkehrende Motiv von dem weißen Stoff, der in Detailaufnahme von einer roten Flüssigkeit durchtränkt wird, klar. Erstmals sieht man es im Vorspann, immer in kurzen Sequenzen, am längsten dann beim Einblenden des Schriftzuges "Insomnia". Eigentlich ziemlich eindeutig: hier wird die Befleckung der bisher noch unbefleckten Seele verbildlicht.

Aber was ist eigentlich mit dem Killer der 17-jährigen Kay? Bald wird klar, dass er Dormers Gegenpol ist, und gleichzeitig sein Alter Ego. So, wie Dormer als rechtschaffender Polizist durch den Tod seines Partners und die darauffolgenden Vertuschungsaktionen metaphorisch gesagt aus dem Licht ins Dunkel tritt, werden die Motive des Schriftstellers langsam immer nachvollziehbarer. Kann es sein, dass sich beide gar nicht so unähnlich sind und die Kluft zwischen Jäger und Gejagtem vielleicht doch schmaler ist als gedacht?

Unterstützt durch das zurückhaltende Spiel von Robin Williams wird Al Pacino nämlich ein Gegner vor die Nase gesetzt, der kein abartiges Monster ist. Wir erkennen einen Menschen mit Emotionen und logischen Verhaltensweisen. Als er seine Version vom Tod Kays erzählt, fragt man sich: könnte das nicht jedem passieren, unter ganz unglücklichen Umständen?

Aus Schwarz und Weiss wird Grau.

Dass Will Dormer am Ende sterben muss, ist einem schon am Anfang des Filmes klar, wenn man auf die Zeichen achtet. Der Ort des Geschehens heißt "Nightmute", wie uns ein großzügiges Schild am Anfang des Filmes bei der Landung der Polizisten mit dem Flugzeug verrät. Nightmute, das bedeutet frei übersetzt "Stille Nacht". Der schlaflose Polizist wird hier seinen Frieden finden, seine Last ablegen können.
Der Protagonist selber heißt Will Dormer. Dormer lässt sich ableiten aus dem französischen Wort "dormir", das "schlafen" bedeutet. Will ist zwar ein typisch amerikanischer Name, kann aber auch für das deutsche Wort "der Wille" stehen. Will Dormer hat also den Willen, zu schlafen; er will seine Schuld ablegen, was ihm filmdramaturgisch nur durch den Tod gelingen kann. Sinngemäß seine letzten Worte im Film: "lass mich schlafen."

Selbst oberflächlich betrachtet funktioniert Insomnia einigermassen. Der Look ist sehr stylish, die Ermittlungen und Vertuschungsaktionen spannend, die Dialoge klug und die Verfolgungsjagden (Baumstämme) aufregend.
Dann gibt es noch ein paar nette visuelle und akustische Einfälle, nämlich die Visionen Dormers oder auch die Szene, in der er sein Zimmer verzweifelt zu verdunkeln versucht und erst sehr spät merkt, dass er einen Höllenkrach dabei macht. Unterstützt wird das Ganze von einem grandios aufspielenden Al Pacino (bei deinem Blick im Flugzeug wird man selbst müde). Die gute Leistung von Robbie Williams kann man allerdings nur zu schätzen wissen, wenn man auf die Zeichen hinter der Story achtet, denn so ist er nur ein unscheinbarer, dabei keineswegs bedrohlicher Filmbösewicht. Man muss schon erkennen, dass dies genau so beabsichtigt ist und auf einer Meta-Ebene durchaus seine volle Wirkung entfalten kann.

Hilary Swanks Rolle wird mehr oder weniger erst in der letzten Szene bedeutsam. Bis dahin ist sie nur ein Lückenfüller, eine Jungpolizistin, die ihrem großen Vorbild langsam auf die Schliche kommt. Dann aber wird sie zu Dormers Erbe. Erst durch sie macht Dormers Tod Sinn.

"Insomnia" ist ein auf zwei Ebenen wirksamer Psychothriller, der gerade auf der symbolischen Ebene seine volle Wirkung entfaltet. Visuell perfekt und atmosphärisch dicht erzählt Nolan eine Geschichte über Schuld und Reue, die so ihresgleichen sucht. In jedem Fall sehenswert.
9/10

Details
Ähnliche Filme