Ein schmaler Rucksack in der stilisierten Hasenform japanischer Mangas bildet eines der beiden wiederkehrenden Elemente in "Schock Labyrinth 3D". Mal liegt er auf dem Boden, dann fliegt er in Zeitlupe durch die Luft und durchdringt die Wände eines langen Flurs. Eine wirkliche Bedeutung hat der Rucksack nicht, aber er gehörte Yuki (Misako Renbutsu), der vor zehn Jahren an einem finsteren Ort ein Unglück zustieß.
Als Ken (Yuya Yagira) nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder in seinen Heimatort zurückkehrt, um seine alten Freunde Rin (Ai Maeda) und Motoki (Ryo Katsuji) zu besuchen, die inzwischen als Paar zusammen leben, ist Yuki plötzlich wieder da. Zumindest behauptet das die junge Frau, die bei der blinden Rin in der Wohnung auf die beiden Männer wartet. Um herauszubekommen, ob sie die Wahrheit sagt, fahren sie mit ihr zu ihrer Familie, wo ihre Mutter und ihre jüngere Schwester auf sie warten. Während die Mutter geistesabwesend die Gäste bedient, ist die jüngere Schwester nicht weniger schockiert vom plötzlichen Auftauchen Yukis, aber bevor sie genaueres von ihr erfahren können, fällt diese in eine Ohnmacht. Als die Vier darauf mit der bewusstlosen Yuki durch die Nacht fahren, befinden sie sich wieder in der gleichen Konstellation, in der sie vor zehn Jahren in ein Gruselhaus hinein gingen – verbotenerweise, denn sie waren zu jung dafür.
Regisseur Takashi Shimizu, der durch seine „Ju-on“ (The grudge) – Filme weltweit bekannt wurde, kehrt hier wieder zu den Ursprüngen seiner Saga zurück. Zuerst basierte der Fluch nur auf einem zurückliegenden, ungesühnten Verbrechen, dass sich auf die Menschen der Gegenwart auswirkte – eine klassische japanische Betrachtungsweise der inneren Zusammenhänge von Schuld und Sühne, die bis auf die Ursage der „47 Samurai“ zurückgeht. Diese hatten kollektiv den Tod gewählt, nachdem sie ihren Lehnsherrn, der zuvor einer Intrige zum Opfer gefallen war, gerächt hatten. Nach europäischem Verständnis war ihre Tat ehrenhaft, aber nach japanischem Empfinden erst, als sie selbst auch die Konsequenzen daraus gezogen hatten, getötet zu haben. Erst ihr Tod beendete diese Konstellation und verhinderte, dass Nachkommen davon betroffen worden wären.
Diese Denkweise ist die Basis für die Story in „Schock Labyrinth 3D“, die auf Ereignisse zurückgreift, die zehn Jahre zurückliegen, als die darin Verstrickten noch Kinder waren. Das allein wäre noch nicht spezifisch asiatisch, denn auch im europäischen oder amerikanischen Film gibt es genügend Beispiele für die Folgen kindlichen Fehlverhaltens, aber in den Rückblicken, die Takashi Shimizu mit dem Geschehen der Gegenwart verzahnt, sieht man nur kindliche Abenteuerlust, als die Fünf heimlich über einen Hintereingang das Gruselhaus betreten. Wirkliche Schuld lässt sich daraus nicht konstruieren.
Entscheidender für die Schuldhaftigkeit sind die Aussagen der blinden Rin und der jüngeren Schwester über Yuki, die für japanische Verhältnisse so ungeheuerlich konkret sind, dass die Frage gestellt werden muss, ob diese so gemachten Aussagen tatsächlich real sind. Beide drücken ihren Neid gegenüber der hübschen Yuki aus, die ihnen damals immer vorgezogen wurde, und damit indirekt auch ihre Freude darüber, dass sie verschwand. Angesicht der Tatsache, dass die Eine seit Geburt behindert ist, die Andere damals deutlich unter 10 Jahren alt war, könnte man ihre heutigen Ausführungen leicht entschuldigen, aber nicht im japanischen Sinne der Materialisierung eines unausgesprochenen Vorwurfs, die trotz Unkenntnis der Beteiligten entsprechend Folgen nach sich zieht.
Auslöser der aktuellen Ereignisse ist deshalb weniger das vermeintliche Auftauchen von Yuki, auch nicht, dass sich das Hospital, zu dem sie die Bewusstlose bringen, erst als leer stehend, dann als das damalige Gruselhaus erweist, sondern Kens Besuch bei den alten Freunden. Er war es, der damals das engste Verhältnis zu Yuki hatte und der – wie sich im Lauf des Films immer mehr herausstellt – am stärksten unter ihrem Unglück litt, auch wenn er sich scheinbar nicht mehr an Details erinnern kann. „Schock Labyrinth 3D“ ist letztlich die visuelle Umsetzung dessen, was sich in Kens Gehirn abspielt, ohne das es beweisbar wird, ob die gezeigten Geschehnisse real sind oder nicht. Selbst das Verhalten der weiteren Protagonisten, auch deren oben genannten Aussagen, könnten nur seinem Gehirn entsprungen sein. Das zweite wiederkehrende Element – eine Wendeltreppe, auf der sich Yuki nach oben bewegt – symbolisiert eine Art geistiger Spirale, die sich nur um einen sehr begrenzten Bereich dreht.
Darin liegt auch der entscheidende Unterschied zum klassischen Horrorfilm, den man wahrscheinlich auch von Takashi Shimizus neuestem Werk erwartete. Der hier gezeigt Schrecken betrifft nur die unmittelbar beteiligten Personen und hat keine Auswirkungen auf die Außenwelt. Entsprechend wird die 3D-Technik auch nicht für genretypische Überraschungsmomente genutzt, die es in dieser Art im gesamten Film kaum gibt, sondern als Dimensionierung eines Raumes, der gleichzeitig Tiefe, aber auch Grenzen zeigt. „Schock Labyrinth 3D“ bleibt in dieser Visualisierung eines inneren geistigen Zustands konsequent, weil er sich keinen Moment den typischen Erwartungshaltungen an einen Horror-Film anbiedert, der in der Regel im Außenraum stattfindet. Deshalb ist der hier gezeigte Schrecken nicht geringer, aber er verlangt vom Zuschauer, sich in die Gedanken eines Menschen einzufühlen, der zehn Jahre lang ein schreckliches Unglück verdrängt hat (7,5/10).