Review

Gesamtbesprechung

Nach etlichen Stunden habe ich nun einen der vielleicht besten Anime-Serien hinter mir. Die Rede ist von „Neon Genesis Evangelion“, eine Serie, die durch ihre spannende und charakteristische Erzählweise fasziniert, aber auch in Sachen Komplexität einiges vom Zuschauer verlangt, um gegen ende doch nicht wirklich eine Auflösung zu erhalten.


Wir schreiben das Jahr 2015 in Japan. Vor genau 15 Jahren gab es den Second Impact. Von offizieller Seite her schlug ein Meteorit in den Südpol ein, der das ewige Eis der Antarktis zum schmelzen brachte und über die Hälfte der Menschheit ausradierte.
Dies ist die offizielle Version, welches aber natürlich nicht die Wahrheit ist. Wissenschaftler fanden auf der Erde eigenartige humanoide Lebewesen. Im Südpol fanden sie einen so genannten ersten Engel, Adam. Nicht ein Meteorit, sondern der Engel Adam löste den Second Impact aus. Und es steht geschrieben, dass gut 15 Jahre der Third Impact durch einen weiteren Engel ausgelöst werden soll.

Szenenwechsel. Der 14 jährige Shinji wird auf offener Straße von der quirligen Katsuragi aufgelesen, die ihm zu seinen Vater bringen will. Katsuragi arbeitet für die Geheimorganisation NERV, in deren Dienste jetzt auch Shinji eintreten soll. Im Hauptgebäude von NERF wird Shinji alles andere als herzlich von seinem Vater begrüßt. Dieser hatte Shinji im frühen Kindesalter verlassen, so hat Shinji einen großen Hass auf seinen Vater. Persönlich ist Shinji arg schüchtern, er will niemanden an sich heran lassen, um ja nicht verletzt zu werden. Shinjis Vater Gendo macht ihm unmissverständlich klar, dass er eine Aufgabe hat oder sonst wieder gehen könnte. Shinji soll einen EVA steuern, genauer eine Art übergroßer Roboter. Nur mit Hilfe der EVAs kann sich die Menschheit gegen bald auftauchende, neue Engel verteidigen und nur 14 jährige Kinder können diese mit Hilfe ihrer Gedanken steuern. Shinji ist alles andere als begeistert davon, das Second Child zu sein. Shinji lernt Rei kennen, das First Child, die bei einem ersten Versuch mit EVA-00 verletzt wurde. Rei ist eine emotionslose Person, die jeden Befehl ohne mit der Wimper zu zucken ausführt. Er wird beschlossen, dass Shinji bei Katsuragi wohnen soll. Schon bald hat Shinji die erste Prüfung zu bewältigen, als der dritte(!) Engel das Hauptquartier von NERV angreift.
Aber warum gerade NERV? Wieso ziehen alle Engel in Richtung NERV? Warum hat Rei gerade mit Shinjis Vater ein scheinbar gutes Verhältnis? Fragen über Fragen und noch viele mehr, die gelöst werden...oder auch nicht...


Nach 26 Folgen NGE bleibe ich mit einem Fragezeichen im Gesicht zurück. Was man immer lesen konnte hat sich auch mir bestätigt. Das Finale von NGE beantwortet nicht alle offenen Fragen, ganz im Gegenteil. Scheinbar ratlos lässt man den Zuschauer zurück, der sich doch vom Geschehnis auf dem Bildschirm sein eigenes Bild machen soll. So können schon die Leute abspringen, die immer alles ganz genau erklärt haben wollen und bei denen es keine offenen Fragen geben darf. Genau das passiert bei NGE nicht.

Trotzdem, es lohnt sich diese Serie von Anfang bis Ende zu ergründen, auch wenn das einmalige anschauen nicht reichen wird, um fast alle Facetten von NGE zu ergründen. Zu komplex ist die Serie, zu anspruchsvoll, um nach dem einmaligen Genuss gleich oder fast alles zu verstehen. Wer daher meint, NGE sei nur eine Kinderserie, der wird schnell eines Besseren belehrt, denn die Informationsflut muss selbst ein Erwachsener erst mal bändigen.

NGE unterscheidet sich stark von dem Bild, was der gemeine Zuschauer sonst von Japan-Zeichentrickfilmen hat. Entweder ist es für Kinder unter sechs Jahren oder es sind halt die Gewalt- und Sexanimes, was anderes gibt es ja gar nicht. Weit gefehlt, NGE ist gar nichts von beiden und genau deshalb so gut. NGE braucht keine brutalen Gewaltszenen oder übermäßige Sexszenen, um den Zuschauer bei Laune zu halten. Es wird viel Wert auf die Persönlichkeit der einzelnen Charaktere gelegt, es wird die kontinuierliche Entwicklung der Personen gezeigt, gepaart mit einer großen Prise Action, und zwar immer dann, wenn die EVAs gegen die Engel antreten müssen, um die Vernichtung der Menschheit zu verhindern.

Wer jetzt glaubt, 26 Folgen lang nur Kämpfe EVAs gegen Engel zu sehen, auch der täuscht sich gewaltig. Die Kämpfe sind nur ein Bruchteil der Serie, auch wenn sie meistens den Höhepunkt der einen oder anderen Folge sind. NGE ist so tiefschichtig, dass es einen kaum gelingt, dies in einem Review kurz und knapp zu erzählen. Es sei nur so viel gesagt. NERF ist nicht die einzige Organisation, der große Anführer wird SEELE sein, wie der Zuschauer herausfinden wird. Auch bleiben Rei und Shinji nicht die einzigen Kinder, die einen EVA steuern werden. Viele religiöse Symbole werden dem Zuschauer um die Ohren gehauen, seien es christliche oder auch jüdische. Alle Engel tragen religiöse Namen, Namen wie Adam und EVA sind kein Zufall, wie man nach und nach herausfinden wird. Auch hier lohnt, sich entsprechendes einfach mal kurz anzulesen auf den zahlreichen Internetplattformen.

Wirkt NGE am Anfang noch relativ lustig, vielleicht teilweise sogar etwas kindisch, so verändert sich die Serie doch je länger sie geht. Sind am Anfang, auch die Kinder, noch alle relativ happy (bis auf Shinji) und selbstbewusst (vor allem die bald hinzukommende Asuka aus Deutschland), so ändert sich dies in den letzten Folgen rapide. Ein wahrer Psychoterror wird auf den Zuschauer und seine Charaktere losgelassen. Hier stehen wieder die Kinder im Vordergrund, welche systematisch analysiert werden und geistig gebrochen werden sollen mit Erinnerungen aus ihrer Kindheit, die aus gutem Grund verdrängt worden sind. Doch auch die Erwachsenen in NGE haben einige Hürden zu tragen, welches der Zuschauer erst nach und nach erfährt.

Zeichnerisch ist NGE gehobenes Mittelmaß, vergleicht man es mit den Bildern der heutigen Zeit. Für die damalige Zeit sind die Bilder aber hervorragend und zeichnerisch von hoher Qualität. Immer mal wieder kommen bekannte japanische Muster durch. Einen gewissen Humor und Situationskomik gibt es natürlich auch in NGE, genau wie sexuelle Anspielungen und Szenen, die aber nie explizit werden und auch hier wieder zu einem befreitem lachen anregen sollen. Doch auch hier konnten sich die japanischen Zeichner nicht ganz zurückhalten. So ist Katsuragi die Sexbombe in NGE, gezeichnet mit großen Brüsten und viel zu kurzer Kleidung. Auch die anderen weiblichen Darsteller sind gewohnt etwas überzeichnet, wie der Japaner sich halt so die Frauen vorstellt, doch nie so extrem wie man sie aus anderen Filmen kennt. NGE ist in dieser Sache sehr harmlos, was der Serie gut bekommt und halt nur ein wenig auflockern soll, gerade am Anfang. Gegen Ende werden diese Szenen rar, denn da hält es den Zuschauer noch kaum auf seinen Sitz, Ereignisse überschlagen sich und schmerzhafte Szenen wechseln sich ab.

Wer noch nie mit NGE in Berührung kam, wird sich über das Ende wundern und dazu noch mehr, dass es noch (bis jetzt) zwei Kinofilme gibt. Grob kann man sagen, die Serie läuft kontinuierlich bis Folge 24,die beiden restlichen Folgen können dann ausgetaucht werden.
Die Verwirrung nach den letzten beiden Folgen 25 und 26 war nicht nur in Japan groß, bekam man eben doch keine klare Antwort auf alle Fragen und erst Recht kein eindeutiges Ende. Folgen 25 und 26 können schon als philosophisch und surreal betrachtet werden, sind sie doch gar nicht mehr im Stile der vorherigen Folgen. Wir erleben Zwischenwelten, die dann später auch in „End of Evangelion“ auftauchen werden, denn so hätte es auch passieren können. Jeder ist seines eigenen Lebens Schmied. Auch wenn das Ende der Serie alles andere als klar und durchschaubar ist, geht es bei mir eher als Happy-End durch. Aber wie gesagt, alles eine Frage der eigenen Interpretation, denn so war es gewollt. Der Zuschauer soll sich selber Gedanken machen und für sich selber die passende Lösung herausfinden. „End of Evangelion“ mag dem Zuschauer vielleicht helfen, diesen muss ich mir selber aber noch anschauen. Bin schon gespannt, wie dieses Ende aussehen wird.


Fazit: „Neon Genesis Evangelion“ ist ein schon fast monumentales Werk, welches nicht zu unrecht als eine der besten Anime-Serien gesehen wird, für viele ist es sogar die Beste. Dem stimme ich zu, zumindest was ich bis dato aus der Animewelt gesehen habe, war NGE das Beste. Eine unheimlich fesselnde und spannende Story, zeitgleich aber ungeheuerlich komplex und nie wirklich fassend, die mehr fragen offen lässt, als dem Zuschauer lieb ist. Unübertroffen ist auch der starke Wandel der Serie von alles lustig und schön bis zur totalen Verzweiflung und dem hochhohlen längst vergessenen Gefühle und Sorgen. NGE ist keine Serie, die man mal eben im Vorbeigehen schaut. Höchste Konzentration und Aufmerksamkeit ist erforderlich, gerade gegen Ende, wenn sich die Ereignisse geradezu überschlagen und eine Masse an Informationen auf den Zuschauer einschlagen, die ihm aber nie wirklich alles sagen wollen. Dennoch, und vielleicht gerade deswegen lohnt es sich, diese Serie anzuschauen. Ich bin mir sicher, selbst beim vierten oder fünften Mal anschauen wird man immer wieder etwas neues entdecken, was einen davor mangels Informationsüberflutung noch nicht aufgefallen ist.
Auch wenn man das NGE-Universum wahrscheinlich nie ganz verstehen wird, lohnt es sich, in diese Serie einzusteigen und einwenig mitzurätseln, was doch die Lösung des ganzen sein könnte. NGE erhält meine absolute Empfehlung und ist für Leute, die nicht immer alles vorgekaut haben wollen und gerne mal selber eigene Theorien aufbauen, das bis dato beste Erlebnis in der Animewelt.

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