Am besten gefallen mir die Filme, die mir aufgrund ihrer Handlung nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Filme, die Fragen aufwerfen, mit denen ich mich noch Tage nach der Sichtung beschäftige und die zur Diskussion anregen. So ein Film ist „Der inszenierte Mord“ von Laurent Heynemann aus dem Jahr 1981. Handlungstechnisch folgen wir einer französischen Geheimagentenorganisation, die das Ziel formuliert, eine deutsche Terroristin, namens Birgit Haas auszuschalten. Dabei sieht der Plan der Umsetzung so aus, dass die Tat nicht auf die Geheimorganisation selbst, sondern auf einen bis dahin völlig Unbeteiligten zurückzuführen sein soll. Die Eliminierung soll als „Mord aus Leidenschaft“ inszeniert werden, nachdem man die Beiden zusammengeführt hat, in der Hoffnung, dass es zwischen ihnen funkt.
„Der inszenierte Mord“ ist ein Film, der bewegt. Er ist als Kritik an das Vorgehen der Organisation zu verstehen, die zwar den Terrorismus bekämpfen möchte, dabei jedoch einen völlig Unschuldigen und Uneingeweihten für ihre Zwecke instrumentalisiert. Auch wird anfänglich im Film die Frage gestellt, weshalb ausgerechnet die Franzosen diese Aufgabe übernehmen sollen und nicht die Deutschen, wo es sich doch um eine deutsche Terroristin handelt. Niemand möchte sich in diesem Fall die Hände schmutzig machen, so dass eine aus der Bevölkerung ausgesuchte Person als Sündenbock herhalten soll.
Die Wahl fällt auf Charles-Philippe Bauman, einen arbeitslosen Bürger aus der Mittelschicht, dessen Ehe in Trümmern liegt, da seine Frau ihn kürzlich verliess. Brillant gespielt von Jean Rochefort vegetiert dieser durch seinen Alltag, versucht hier und da sein Leben im Griff zu behalten, indem er sich zumindest regelmäßig beim Arbeitsamt meldet, doch sein Leiden und die Trauer über den Verlust seiner Liebe gewinnen immer wieder die Oberhand. In einer Szene erniedrigt er sich sogar, indem er seine Frau anbettelt zu ihm zurückzukehren, weil er ohne sie nicht existieren kann. Jean Rochefort spielt das auf eine sehr stille und elegante Weise. Die Traurigkeit seiner Figur ist besonders aus seinen Augen ablesbar und es fällt leicht, dieser Figur Mitgefühl entgegenzubringen.
Dieses empfindet auch Athanase, der Leiter des geheimen Unterfangens. Obwohl es eigentlich gegen die Regeln der Organisation verstößt, persönlich Kontakt zu den Zielpersonen aufzunehmen, hält sich Athanase nicht daran. Er selbst hat Bauman nicht ausgewählt und ist interessiert an der Frage, weshalb gerade er als Bauernopfer herhalten soll. Athanase, ebenfalls grandios gespielt von Philippe Noiret, trifft Bauman immer wieder in einem kleinen Lokal, natürlich als zufällige Begegnung inszeniert. In diesen Begegnungen kommen die Beiden einander näher, Bauman redet sogar über seine tiefsten Empfindungen. Athanase verkörpert hierbei den Typus des Geheimagenten mit Gewissen, einen zutiefst menschlich agierenden Charakter. Es schmerzt ihn, dass Bauman ans Messer geliefert werden soll, er wünscht sich, dass er glimpflich aus dieser Sache herauskommen wird. Seine Abscheu gegen den eigentlichen Drahtzieher in der Organisation und das Vorgehen an sich wird im Verlauf des Films immer stärker offensichtlich. Trotzdem gefährdet er das Unternehmen nicht. Dafür ist er professionell genug. Über eine ebenfalls inszenierte Jobvermittlung bringt er Bauman und die Zielperson Birgit Haas zusammen.
Birgit Haas, eindrücklich und großartig gespielt von Lisa Kreuzer, wird uns in ihrer Rolle als Terroristin nicht als Abziehbild des Bösen präsentiert. Es wird auch nicht näher beleuchtet, was sie getan hat, vielmehr wird sie seitens der Geheimorganisation als kühl interagierende und gefährliche Frau bezeichnet, die es auszuschalten gilt.
Den Zuschauer*innen eröffnet sich jedoch durch die Augen von Bauman ein völlig anderes Bild. Der Ahnungslose lernt Birgit Haas (natürlich unter anderem Namen) als einfühlsame, starke und lebensfrohe Frau kennen und natürlich verliebt er sich in sie. Der Wissensvorteil, den wir Zuschauer*innen gegenüber Bauman über Birgit Haas haben, zeigt uns aber auch kein Bild einer gewissenlosen Terroristin. Vielmehr hinterfragt Birgit Haas in ihren Szenen ohne Bauman ihr eigenes Handeln, ihre Ideale und Werte von damals und der Vereinbarung dieser mit den heutigen Vorgehen der Terrororganisation. So findet im Film im Off ein Anschlag in Frankfurt statt, der nicht auf ihre Kappe geht, der ihr von den Medien jedoch zugeschrieben wird. Sie scheint diesen Anschlag zu verurteilen, insgesamt hegt sie viel Kritik an der Widerstandsbewegung, der sie einst zugehörte. In einem Gespräch mit einem Kontaktmann aus ihrer Organisation erfahren wir, dass sie den Überblick verloren hat, wer eigentlich gegen wen kämpft und dass sie sich nicht mehr mit diesen Idealen vereinbaren kann. In Bauman scheint sie eine Möglichkeit des Ausstiegs aus ihrem bisherigen rastlosen Leben zu sehen. Baumans ruhige und unverstellte Art gefallen ihr und verkörpern ihren Wunsch nach einem geerdeten Leben.
Laurent Heynemann gelingt es mit Leichtigkeit die Gefühle der Zuschauer*innen für seine Filmcharaktere zu gewinnen. Es ist ein zutiefst berührender und menschlicher Film, bei dem wir jedem Charakter einen guten Ausgang aus der heiklen Situation wünschen. Es existieren keine reinen Antagonisten in diesem Film, auch wenn das Vorgehen der Geheimorganisation und der Terrororganisation natürlich und zu Recht in Frage gestellt werden. Jedoch befinden sich alle Beteiligten als Opfer der jeweiligen Systeme in einem ähnlichen Dilemma, konfrontiert mit der Frage, ob die Ziele dieser Systeme noch vereinbar sind mit den persönlichen, moralischen Grundwerten des Einzelnen.
Ein starkes und nachhaltig beeindruckendes Werk, welches den Zuschauer*innen dankenswerterweise durch arte zugänglich gemacht wurde.