Mit episodenhaften Perspektivwechseln und einer sternförmigen Betrachtung eines Sachverhalts aus verschiedenen Richtungen wird im Verlauf der Spielzeit gezeigt, dass jede Medaille zwei Seiten hat, sprich: dass Dinge komplexer sind als sie anfangs scheinen, dass man alle Zusammenhänge und Backgrounds kennen muss, um sich ein umfassendes Urteil zu bilden. Ein Film, der sich dem Hinterschauen von Fassaden und der Entschlüsselung des Kontexts, in dem Dinge statt finden, verschrieben hat.
In einem multikulturellen Wohngebiet nahe Tel Aviv bevölkert Moslems, Christen und einer (immer stärker werdenden) jüdischen Minderheit konstruiert “Ajami” eine große Tragödie, auf die er seine verschiedenen Figuren zusteuern lässt. Es ist, so scheint es, eine Tragödie, für die niemand im Speziellen etwas kann. Denn das Handeln der einzelnen Figuren ist jeweils getrieben von religiösen und kulturelle Zwängen, oder von finanzieller Not, oder von unkontrollierbarer Trauer, oder schlicht von den Fehlern, welche die eigene Familie begangen hat und deren Konsequenzen man nun ausbaden muss, obwohl man an ihnen schuldlos ist.
In gewisser Weise wirkt hier jeder wie die Geisel seines Lebensumfelds, Handeln ist von äußeren Umständen geprägt, Dinge passieren aus einem Kontext heraus.
Auf viel Pathos und die Ausschlachtung menschlicher Emotionen wird in “Ajami” zugunsten einer realistisch harten, fast schon pseudo-dokumentarischen Gestaltung verzichtet. Aber genau das macht diese Tragödie so erschütternd; es wirkt alles echt und man fühlt sich den Figuren emotional verbunden.
Doch nicht nur ist “Ajami” ein Film über menschliche Tragik (und ein Kriminalfilm, nebenbei erwähnt), er zeichnet auch ein sehr komplexes Gesellschaftsbild eines multikulturellen Raums, in dem Misstrauen, Sprachbarrieren, bittere Armut, Ausgrenzung und nackte Gewalt dominieren. Eine gespaltene Gesellschaft, in der Annäherung aus diversen aufgezeigten Gründen schwierig ist. Wie und ob man diese Zerwürfnisse innerhalb der israelischen Gesellschaft (und zwischen Kulturen und Religionen im Allgemeinen) überwinden kann, weiß “Ajami” freilich auch nicht und entlässt den Zuschauer daher pessimistisch mit einem unguten Gefühl.