Review

Mit wendungsreichen, ausgebufften Plots wird der klassische Martial Arts-Eastern wohl nie dienen können, auch dann nicht, wenn man sich etwas vom üblichen Ausbildungsmuster wegbewegt. Denn obwohl auf dieses auch nicht in “Schnapsnase und Schlappohr” verzichtet wurde, bemühte man sich, einen teils ernsthaften, teils aber auch comedylastigen Vendetta-Film mit vielen persönlichen und unpersönlichen Beziehungsgeflechten aufzubauen.

Der wieder mal Aufmerksamkeit erregende deutsche Titel lässt althergebrachte Albernheiten im Buddy-Format vermuten. Das ist aber ein Trugschluss: “Schnapsnase und Schlappohr” sind nicht etwa Buddies, sondern Erzfeinde, zu welchen sie durch den tragischen Tod eines jungen Bräutigams geworden sind. “Schnapsnase” ist der Drunken Master (Simon Yuen), der Henker des Bräutigams, und “Schlappohr” ist dessen Vater. Klar, dass da die Rachefetzen fliegen müssen.
Dabei sind sie beide keine Protagonisten. Diese Ehre wird einem streunenden Vagabundenpaar (Cliff Lok und Peter Chan Lung) zuteil, das als eine Art Bindeglied zwischen den beiden Feinden dient und dem wir über einen Großteil der Laufzeit bei ihrer Odyssee durch Steppen, Wälder, Dörfer und Lokale über die Schulter sehen. Die genaue Verbindung zwischen ihnen und dem Tod des Bräutigams ist mir jetzt im Nachhinein ehrlich gesagt gar nicht mehr so klar, genau wie die Umstände des Todes.

Das mag auch an einer unverträglichen Mischung aus Slapstick und Ernst liegen. Dafür ist das besagte Aufsuchen des Bräutigams durch den Drunken Master das beste Beispiel. Die Szene mag mit einer Tragödie enden, von gedrückter Stimmung ist da aber nix zu merken. Stattdessen verkleidet sich die alte Schnapsnase als Braut, um den jungen Unhold ein wenig zu verarschen. An irgendeinem Punkt fragt man sich dann ernsthaft, ob der blind ist, und zwar nicht spielerisch, so wie man einen Schiedsrichter beim Fußball der Blindheit beschuldigt, sondern wortwörtlich. Solange Simon Yuen noch einen Schleier über dem Gesicht trägt, mag man es ja noch akzeptieren, dass der Typ einen 70-Jährigen für seine Braut hält... aber mein Gott, irgendwann schaut er ihm direkt ins unverhüllte Gesicht, schrumplig und bärtig. Nun ja, jedenfalls kommt es unmittelbar darauf zur ersten Kampfchoreografie im Hochzeitsbett und dann zum besagten Tod. Dieser ist jedoch vollkommen uneffektiv. Soll ich jetzt wirklich glauben, dass das Werfen eines Spielsteins an die Stirn zum Tod führt? Das ist jedenfalls so comedylastig inszeniert, dass man gar nicht so recht glauben mag, dass das letztendliche Resultat so endgültig ist.

Genau dies ist das Hauptproblem des Films: die Rachethematik passt eher zu Bruce Lee und lässt sich nur schwer in das neue Kung Fu Comedy-Konzept einfügen.
Im Endeffekt gibt es dann auch einen Bruch in der Filmmitte zu verzeichnen. Zu Beginn, wo noch Zeit gefressen werden muss, beschränkt man sich auf diverse Martial Arts-Episödchen von Cliff Lok und Peter Chan Lung, welche für die Story vollkommen unerheblich sind. Um Loks Figur wird vollkommen unmotiviert ein Mythos aufgebaut, dass er ein berüchtigter Kämpfer sei, deswegen in jedem Lokal freie Kost verlange und jeden Kung Fu-Lehrer locker besiegen könne. Die bruchstückhaft hintereinandergesetzten Szenen muten irgendwann an wie Sitcom-Slapstick. Wer die “Bullyparade” oder “Tramitz & Friends” kennt, der weiß so ungefähr, was einen hier erwartet. Irgendwie mischt sich sogar ein wenig Rainer Brandt mit ein, denn der Synchronisator der berüchtigten Spencer/Hill-Dialoge war offenbar auch hier Vorbild für die zahlreichen Wortspielkuriositäten, die sich in diesem Film nicht selten um diverse Körpergerüche (bevorzugt Fürze und Käsefüße) drehen.
Was die Körperakrobatik betrifft, werden wir natürlich reichlich bedient. Cliff Lok schleppt ständig einen Bambusstab mit sich herum, der ihm dann auch zum besagten Mythos verhilft, und sein verlauster, bärtiger Weggefährte trägt stets eine geflochtene Matte bei sich, so dass der Film gut und gerne auch “Die Bambus-Brüder” hätte heißen können. Ihre Gegner sind nicht minder attraktiv ausgefallen: Ein Kung-Fu-Mexikaner mit Poncho und einem seltsamen Hutgestell (das im Design etwas an die Kopfbedeckungen der Blitzschleuderer aus John Carpenters “Big Trouble in Little China” erinnert) mischt ein Lokal auf, ein überheblicher Kampfschulenbesitzer fordert Lok mit seinem Brachial-Kung Fu, und ein diebischer Rockträger bezichtigt Lung selbst des Stehlens.

Der optisch auffallendste Gegner wird mit “Schlappohr” aber erst in der zweiten Hälfte vorgestellt, wo es weit weniger komisch zugeht. Schließlich muss man ja irgendwann auf den Punkt kommen, und die Rache für den Tod des eigenen Sohnes ist kein Zuckerschlecken. Trotzdem schmuggelt sich Lok erst einmal als Frau verkleidet in die Behausung von Schlappohr und sorgt wieder für kindliche Komik, bevor es schließlich zu insgesamt drei Entscheidungskämpfen kommt, bei denen der ein oder andere Teilnehmer sein Leben lässt. Auch die sind wieder in ihrer Endgültigkeit einfach nicht ernstzunehmen, wird doch dramaturgisch kein Hinweis darauf gegeben, dass es jetzt wirklich zur Sache geht. Man wähnt sich noch in der Sicherheit des Comedy-Sektors, als plötzlich der erste Kämpfer tot umfällt.
Die Kämpfe selbst sind in ihrer Choreografie einmal mehr sehr schön anzusehen, diesmal aber ungewohnt kurz, was ich jedoch nicht unbedingt negativ auslegen würde. Die Sache mit dem Nudelteig ist ganz witzig gelöst, und im vorhergehenden Fight zwischen Schnapsnase und Schlappohr wird die ganze Erhabenheit des Drunken Masters deutlich, welcher sich nicht mehr als nötig bewegt und starr, aber effektiv ist - ein angenehmer Kontrast zu den ausufernden Bewegungen aller anderen. Zwar wird wie üblich auf das eigentliche Drunken Boxing verzichtet, aber immerhin wird ab und zu mal von der Schnapsflasche Gebrauch gemacht, die an der Taille des Alten festgebunden ist.

So ist es in der Gesamtbetrachtung vielleicht gut gemeint, dass man sich mal am Rache-Plot versucht hat, jedoch hat man nicht daran gedacht, auch nur in einer Szene auf die Comedy-Inszenierung zu verzichten, so dass sich die eigentliche Rache als schlechter Witz herausstellt. Dabei ist der Slapstick im eigentlichen Sinne für Fans mal wieder sehr lecker, Simon Yuen gewohnt spaßig und der Unterhaltungswert nicht zu verachten. Ein wenig mehr Konsequenz zur einen oder anderen Seite hin wäre dennoch wünschenswert gewesen.

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