Es ist doch wirklich eine Schande, wie manche Filme unverdienter Maßen, gleichsam ungeliebten Stiefkindern in der Tiefkühltruhe - pardon – den Niederungen billiger Plätze ihr Dasein fristen müssen, während kalkuliertes Popcornkino in Reinkultur á la „Hangover“ als der nächste „Vom Winde verweht“ behandelt wird. Verzeiht mir, ihr 5,1 Mio. Fernsehzuschauer, aber der Film war bei Weitem nicht der große Wurf, sondern ein okayes aber nichtsdestotrotz völlig beliebiges Allerweltsfilmchen – so zusagen 1-zu-1 aus dem Baukasten „Wie-zimmere-ich-mir-meinen-nächsten-‚Cool Runnings‘-für-die-Generation-die-mit-'American Pie'-groß-geworden-ist“ übernommen.
Nein, ich möchte „Lucky Luke“ mitnichten zu einem großen Meisterwerk verklären, nur wer diesen Film mit einer 5-er Bewertung abstraft, der gibt „Pulp Fiction“ auch 10 Punkte. Verzeiht, kleiner Seitenhieb meinerseits, aber ohne abschweifen zu wollen: Dieser Film soll einer der besten Drei sein, die jemals (!) gedreht wurden? Allein schon filmhistorisch gesehen ist das natürlich absoluter Mumpitz, aber Geschmack ist ja nun mal leider subjektiv und kann nicht mit einem Vorschlaghammer eingeprügelt werden.
Lange Einleitung, relativ kurzer Sinn. Jean Dujardin, der Typ mit dem breitesten Lächeln seit der Grinsekatze, kurz gesagt der sympathische Kerl aus „OSS 117“ und „39,90“ ist nun also unser liebster Comicheld. Und auch wenn ich natürlich Terence Hill sehr schätze, meine Jugend wäre ohne ihn ein ganzes Stück trauriger, leerer und vor allem gewaltloser gewesen, Jean IST "Lucky Luke". Das Auftreten, der Charme, die Frisur. Jede einzelne Faser seines Seins entspricht meiner Vorstellung von Morris‘ Kultfigur.
Nachdem die früheren Verfilmungen der Westernlegende mit dem schnellen Finger am Abzug leider nicht gerade durch herausragende Qualität bestachen, kann man sich zumindest schon mal vom Produktionswert des Ganzen begeistern lassen. Breitestes Cinemascope, eine – französischen Verhältnissen entsprechend – tolle Kamera, aufwendige Sets und ein dem klassischen Western entsprechendes Mattepainting für den Hintergrund dürften dem erfahrenen Cineasten ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
Schon der Beginn, inklusive klassischer Startbedingung für eine Rachestory vom Schlage eines „Für eine Handvoll Dollar“, mag zwar den ein oder anderen ob seiner vermittelten Brutalität (dazu komme ich gleich noch) eventuell etwas verschrecken, atmet aber dermaßen die staubige, trockene Cinecitta-Wüstenluft des Italowesterns, dass man gar nicht anders kann, als das erst mal prinzipiell als gut zu empfinden. Und auch wenn dies jüngeren Zuschauern (die Freigabe „ab 12“ kommt nicht ganz von ungefähr) nicht geläufig sein sollte, auch in "Lucky Luke"-Heften sprang hin und wieder mal einer über die Klinge (etwa die Vettern der Daltons) – soviel nur zur hin und wieder aufblitzenden Brutalität. Noch viel toller als jedoch Produktion und Schauspiel, sind die unzähligen, ja wirklich unzähligen, Anspielungen auf die Geschichten des Cowboys. Das fängt mit Offensichtlichkeiten an, etwa dem sprechenden Jolly Jumper, der jedoch im Gegensatz zu Comic und Hollywooddreck wie „Der Zoowärter“ nur eine kurze Szene zugestanden bekommt, und endet bei dem inzwischen erwachsen gewordenen Billy the Kid, der aber nach wie vor auf Lollies steht, oder der Hassliebe zwischen LL und Calamity Jane. In vielen nebensächlichen Gesprächen wird aufs Herrlichste auf die Stories der Vorlage verwiesen. So wünscht sich Jane etwa eine Damenkränzchen inklusive Tee und Gebäck (wohin das führt, wissen Luke-Fans) und LL verweist des Öfteren auf seinen rauchfreien Lebensstil (kann aber bestens drehen und winkt nach dem Abspann noch einen „kleinen ausgestreckten Mittelfinger“ in Richtung Zensoren).
Wäre nun aber alles Gold das glänzt, meine Bewertung müsste gen Himmel reichen. Leider gibt es jedoch so einiges, was dem ambitionierten Film das Bein stellt. Die Geschichte ist nicht der Rede wert und erweitert LL´s Biografie um so einiges unsinniges, das der Hommage definitiv im Wege steht.
Lucky ist also Halbindianer, heißt John und ist Waise? Das mag ja eventuell sein, wird aber in der Vorlage nie angesprochen und macht auch im etwas konfusen Storykonstrukt nur bedingt Sinn. Ebenso lässt die Aussage, er habe noch nie jemanden getötet auf Unkenntnis der Vorlage schließen (kenne es nur in Norwegisch, aber siehe: „De Broderen Dalton“). Dann kommt da noch ein zäher Mittelteil, der ,abgekupfert von „Die Verlobte des Lucky Luke“, wahnsinnig albern und vollkommen unpassend in Ton und Machart daher kommt. Das Ende schließlich kommt wie eine Art „Wild Wild West“ ohne nervigen RnB-Rapper daher und ist einfach nur dämlich und ein typisches Zugeständnis an den typischen Blockbusterzuschauer. Das alles hätte nicht sein müssen, denn der eigentlich angepeilte Zuschauer (Sinus-Milleu: Erwachsen, schwelgt in Kindheitserinnerungen) will das gar nicht sehen.
So bleibt ein auf jeden Fall empfehlenswerter, toll aussehender Westernspaß mit einem grandiosen Schauspieler (Gebt dem Mann endlich seinen Oscar! Naja, mit „The Artist“ wird’s schon klappen.), der leider noch ein gutes Stück vom großen Wurf entfernt ist. Eine bessere Bewertung hat er jedoch definitiv verdient und bekommt hiermit von mir das Prädikat: Tip!