Der Zahn der Zeit … Vor langer, langer Zeit, als Berliner Hiphop-Label noch zu schockieren vermochten, als Bernd Eichinger noch lebte, James Cameron nicht mit seinem unsäglichen „Der mit den Schlümpfen tanzt“ die Kinohitlisten dominierte und die „TITANIC“ noch nicht von ihrem neuen Chefredakteur an Qualität beraubt wurde, vor also ungefähr vier bis fünf Jahren, da machte sich ein (noch) euphorisch in die Zukunft blickender (mittel-)junger Mensch auf, drei Klassiker des Horrorgenres kennenzulernen.
Clive Barker war ihm natürlich ein Begriff, doch von spannenden Mitternachtsfleischzügen, ekligen Angstmolochen oder kaltherzigen Bergen wusste er noch nicht all zu viel. Nun begab es sich aber zu dieser Zeit, dass er in der Videothek seines Vertrauens freudestrahlend einen Titel erblickte, der ihm zuerst zwischen all den Erwachsenenmärchen im Hinterzimmer derselben gar nicht aufgefallen war. „Hellraiser“, so lautete der verheißungsvolle Titel. Oft gehört, nie gesehen. Und so kam es also, dass sich dieser sympathische und äußerst gutaussehende junge Mann im Beisein eines sehr guten Freundes diesen Titel zu Gemüte führte. Und er war beeindruckt. Seit dieser Zeit rangierte die Geschichte des „genagelten“ Cenobiten auf den vordersten Rängen seiner persönlichen Horrorhitparade. Die Maske, die Musik, die Geschichte – all das, was den meisten klassischen Horrorfilmen der 80er fehlte, fand er hier in beeindruckender Perfektion vor. Das zum Ende hin die Gäule mit Herrn Barker ein wenig durchgingen, nun, das tat dem Vergnügen keinen bedeutenden Abbruch.
Nun war es zu dieser Zeit eine willkommene Abwechslung zur Triste der unspektakulären Realität, sich das ein oder andere Wochenende auf sogenannte Filmbörsen zu begeben, um den Vorrat an ungesehenem Filmmaterial, jenseits der eng gesteckten Grenzen durch Filmverleih und FSK-Freigabe, aufzustocken. Und so wie Captain Elliot Spencer bzw. sein Alter Ego „Pinhead“ erblickte mein Eingangs erwähnter Bekannter dort, zwischen all den geschmacklosen Kannibalenfilmen, den unzähligen Zombie-Nachzüglern und 5-Euro-Jochen-Taubert-Boxen, den "LeMarchant-Würfel". Einige Taler ärmer, dafür eine wunderbare britische Sammleredition reicher, machten wir uns auf, auch die Teile II und III der Saga kennenzulernen.
In meiner Erinnerung wuchs sich darauf hin der zweite Teil der Geschichte um die Cenobiten, - Engel für die Einen, Dämonen für Andere - zum besten, Teil drei wiederum zum Schlechtesten aus und diese Meinung vertrat ich auch bis zum gestrigen Tag. Denn wie sagte auch schon Janosch‘ s "Mäusescheriff von Katzelbach" (Oh je, da krame ich gerade ganz tief in der Kindheitskiste): „Die Erinnerung ist eine unsichere Sache“. So sehr mich nämlich die Fortsetzung um die Familie Cotton dieses Mal enttäuschte, so sehr genoss Pinheads Ausflug in die USA.
Nein, "Hell on Earth" ist bestimmt nicht frei von Fehler. Bei weitem nicht jeder Effekt sitzt, nicht jeder Schauspieler überzeugt und auch das Ende ist mal wieder inszenatorischer Humbug. Dennoch: Dieser Film machte mir Spaß und auch wenn die Vergangenheit Pinheads diesmal sehr in den Vordergrund gerückt wird, misslingt es, zur Freude des Zuschauers, das Mysterium des Nagelkopfes vollends zu entzaubern. Allerdings muss man zum vorurteilsfreien Genuss des Films eine bittere Pille schlucken. Denn so recht Sinn macht das alles im Kontext zu den ersten Teilen nicht wirklich. Der Verführer der ersten Teile mag geblieben sein, doch wurde gerade dort angedeutet, dass er zwar auf Seelenfang ist (und zwar nicht für sich, sondern für den „Engineer“), aber er wirkte undurchschaubarer, als bestrafe er die Menschen nur für ihre Gier, ihre schlechten Eigenschaften. Allesamt waren es nämlich Schurken, die – zumindest im ersten Teil – ihre Seele verloren. Hier nun ist Pinny einfach nur Böse und arbeitet auf eigene Rechnung. Umso sinnloser erscheint das große Massaker in der Diskothek. Denn wer nun zum Dämon berufen und wer einfach nur in grotesken Winkeln tot an irgendwelchen Ketten hängt, scheint vor allem dem Herrn Rainer Zufall (oder wahrscheinlicher, der Maske) überlassen. Dadurch verliert der Gehämmerte sowohl an mystischer Aura als auch an Unberechenbarkeit. Im direkten Vergleich etwa, ist Kurtzman´s Djinn aus „Wishmaster“ der deutlich interessantere und damit spannendere Antagonist.
Was mir jedoch an Pinnys Ausflug in unsere Welt gefallen hat war die Kurzweil der ganzen Geschichte. Es gibt kaum wirkliche Längen zu verzeichnen, die Sets sind annehmbar, die Maske zwar nicht so grandios wie im Erstling aber dennoch schön anzusehen und gerade die Ausflüge in den Vietnam- und ersten Weltkrieg überraschen für solch eine Produktion. Auch kann Doug Bradley endlich mal zeigen, dass er auch einen Dialog relativ überzeugend darbieten kann. Blut gibt es ebenfalls wieder reichlich, wobei man klar sagen muss, dass die "Hellraiser"-Filme nie reine Goregranaten waren. Es war schon immer die unheimliche Atmosphäre gepaart mit dem großartigen Musikthema, diese Mischung aus Gothik und Lack-und-Lederfantasien, die begeisterten und zweifelhafte Regisseure wie Herrn „Resident Evil“-Anderson zu spaßigen Hommagen á la „Event Horizon“ inspirierten. Genau diese Art Stimmung eben, die mir in den „Silent Hill“-Spielen eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Eben diese Stimmung lässt sich, wenn auch größtenteils durch die nun vorherrschende Action verdrängt, in Teil 3 wiederfinden. Dem zugute kommt auch, dass die Production Values zum letzten Mal in der Reihe deutlich nach Kino aussehen. Die Schauspieler machen ihre Sache gut und übertreffen teilweise einige der Nasen der ersten Teile (andere wiederum unterbieten sie jedoch um Längen). Im Endeffekt ist es einfach die gelungene Mischung aus all diesen Faktoren, die diesen Teil der Cenobitenlegende zu einem äußerst genießbaren Gericht werden lässt.
Einer höheren Bewertung wirken jedoch, abgesehen vom wieder einmal verpatzten Finale und dem deutlichen B-Charme, vor allem die Diskothekenmassakerszene und ihre Folgen entgegen. Schon in Teil zwei der „Nightmare on Elm Street“-Reihe bewies Jack Sholder (für diesen und den zweiten "Wishmaster" sollten dich eigentlich die Cenobiten holen), dass es nicht unbedingt die beste Idee ist, ein Sphärenwesen in die wirkliche Welt zu entlassen. Ebenso ist es hier. Nicht nur dass die besagte Szene völlig selbstzweckhaft und unlogisch erscheint, auch ist sie bei weitem nicht so toll inszeniert, wie die Macher wohl damals glaubten. Sie zerstört in ihrer ruppigen Plumpheit den gruseligen Tenor der bisherigen Szenen. Ganz als ob man mit Gummistiefeln zum Staatsempfang erscheint. Der einzige Grund, neben einer Arbeitsbeschaffung für die (wieder einmal) Maskenabteilung, ist es, im späteren Verlauf eine inflationäre Menge neuer Dämonen präsentieren zu können. Die geraten jedoch allzu lächerlich. Die Dämonen sind jetzt also zu umherstacksenden Cyborgs mutiert, denen Schwarzeneggers „Terminator“ noch einiges in Sachen Mimik beibringen könnte. Dabei ist der „Ich-bin-eine-Maschine“-Cenobit mit dem außer Kontrolle geratenen CD-Schlitz nur der Gipfel des Eisbergs der Peinlichkeiten. Wer sich schon an dem fetten Sonnenbrillendämon aus den ersten Teilen störte, wird spätestens jetzt den Off-Knopf der Fernbedienung suchen. Klar gibt es noch mehr eher bescheidene Szenen, aber diese Entwicklung ist die wirklich einzig störende.
Das Gesamtpaket wiederum stimmt vortrefflich, ist kurzweilig und macht Spaß. Ein letztes Mal begleitet man den stachligen Igel gerne bei seinen (Un-)Taten. Und wie alter Wein, ist auch dieser Film innerhalb der letzten Jahre gereift und präsentierte sich mir wie eine Art gerupfter Phönix aus der Asche. Nicht perfekt, aber schöner denn je.