Review

[Vorsicht! Spoilerwarnung!]

„I am the way!“ [„Ich bin der Weg!“]

Mit „Hellraiser“ (1987) und „Hellbound: Hellraiser II“ (1988) schufen Clive Barker und seine Filmcrew zwei kohärente Werke, die eine in sich geschlossene Geschichte präsentieren. Im sehr ereignisreichen zweiten Teil sahen wir das Ende des Cenobiten-Anführers „Pinhead“ wie wir ihn kannten. Kirsty, Protagonistin der ersten beiden Hellraiser-Filme, schaffte es, Pinheads Erinnerung an seine frühere Existenz als Mensch wachzurütteln. So fand er zurück zu seiner menschlichen Seele und starb einen vermeintlichen Filmtod, nur um sich am Ende - wider aller Erwartungen doch noch lebendig - eingesperrt in einer Säule wiederzufinden, die aus einer Matratze herauswuchs. Diesen Strohhalm ergriff man, um daraus die Story für den dritten Teil des Film-Universums zu spinnen. Mit „Hellraiser III“ sehen wir eine Fortsetzung, die sich stilistisch, visuell, erzählerisch und kulturell stark von ihren beiden Vorgängern abhebt. Nach einem Wechsel des Produktionsstudios zeichnete letztendlich ein gänzlich anderes Team verantwortlich als für die beiden ersten Filme. Clive Barker war zwar noch als Produzent involviert, hatte aber keinerlei künstlerischen Einfluss, was man dem Film deutlich anmerkt. Mit dessen Vision und Motiven der ursprünglichen Saga hat dies hier nicht mehr viel zu tun. Hier findet ergo eine erste deutliche Qualitätsminderung der Filmreihe statt.

„Hellraiser III“ war der erste Film der Reihe, der in den USA abgedreht wurde, was dem Film einen im Vergleich zu seinen britischen Vorgängern gänzlich anderen Flair verleiht. Auch spielt sich die Handlung hier nicht in einem stark eingegrenzten Kosmos, sondern inmitten der US-Metropole New York ab. Es gibt einige Aufnahmen des Times Square, von Wolkenkratzern und Auftritten der Rockband Armored Saint, was dem Film eine weltlichere Großstadt-Atmosphäre verleiht, aber nicht annähernd so gruselig-beklemmend und unheimlich isoliert wirkt wie der makabre Kammerhorror in Franks Haus oder die kreativen Filmstudiokulissen-Aufnahmen aus dem zweiten Teil. Die musikalische Untermalung wurde diesmal von verschiedenen Heavy Metal-Bands wie Motörhead beigesteuert, was an sich supercool ist, doch in einem Hellraiser-Film irgendwie deplatziert wirkt. Zwar beginnt der Film mit dem gleichen Stück von Christopher Young aus dem ersten Teil, doch auf weitere orchestrale Liederkunst wartet man danach vergeblich. Der Film markiert auch den Wandel von handgemachten praktischen Effekten hin zu vermehrt computergenerierten Bildern, die im Jahre 1992 beeindruckend gewesen sein mögen, heute aber aufgrund der damals noch sehr unausgereiften Möglichkeiten extrem schlecht gealtert und unansehnlich ankommen.

Die Story wirkt von Anfang an weit hergeholt: Der Clubbesitzer J.P. kauft in einem ominösen Laden von einem noch ominöseren Mann die hochdekorative Säule aus „Hellbound“, die sich hier optisch doch sehr stark verändert hat... Nachdem wir in „Hellbound“ noch einen sich drehenden, organisch wirkenden Marterpfahl sahen, der sichtlich lebendige Höllenkreaturen zur Schau stellte, sehen wir hier nun eine steinige Statue, die dem Werk eines begabten Bildhauers gleicht. Logik war ja auch vor „Hellraiser III“ nicht die größte Stärke der Hellraiser-Filme, doch hier möchte man gleich wieder darüber herfallen: Wie zur HÖLLE konnte sich die Säule derart grundlegend verändern? Wieso steht diese nicht in irgendeinem speziellen Forschungslabor zur intensiven Untersuchung oder zumindest in der Forensik, nachdem daran ein Umzugsmitarbeiter unter sehr mysteriösen Umständen umgekommen ist? J.P. ist Liebhaber morbider Kunstwerke und stellt die Säule in seinem Apartement auf.

Daneben verfolgen wir die TV-Reporterin Joey, die auf der Suche nach einer großen Fernsehstory ist, um so einen begehrten Job in Kalifornien zu bekommen. In einer Notaufnahme wird ein Mann mit schweren Verletzungen eingeliefert. Die Verletzungen stammen von den Hakenketten aus dem Zauberwürfel, in dessen Besitz der Mann ist. Dieser erleidet heftige Schüttelanfälle und explodiert spektakulär im Operationsraum, allerdings unter Verwendung sehr schlecht gealterter Spezial-Effekte. In Witterung ihres großen Beitrages versucht Joey vergeblich, die Begleiterin des Mannes namens Terri zu vernehmen, die zunächst das Weite sucht. So nimmt Joey Ermittlungen auf, die sie in J.P.'s Club, den „Boiler Room“, führen. Es gelingt ihr, Terri ausfindig zu machen, die ihr den magischen Würfel übergibt und erklärt, dass er von J.P.'s Säulenstatue stammt. Terri ist eine des Lebens überdrüssige Nudel, die keine Träume und Ziele hat und mir als Publikum ansatzweise sympathisch ist. Joey und Terri suchen gemeinsam den nun geschlossenen Antiquitätenladen auf, in dem J.P. den Würfel gekauft hat. Hier finden sie Dokumente, die belegen, dass die Säule einst Eigentum des Channard-Institutes war, der psychiatrischen Klinik aus „Hellraiser II“. Daraufhin lässt Joey ihren Kollegen ein Video beschaffen, auf dem Kirsty - leider nur als herkömmliche Irre, der niemand glauben mag - zu sehen ist. Schade - das hätte ein netter Cameo werden können, wenn man mehr daraus gemacht hätte. Derweil kann Pinhead durch einen Unfall J.P.'s und dessen Blut zu neuem Leben erwachen. Der ist zwar immernoch in seiner Säule gefangen, bekommt aber Gelegenheit, eine Gespielin von J.P. zu häuten und zu verschlingen. Die CGI sieht hier dermaßen billig aus, dass man die Szene besser ausgespart und stattdessen mit ekligen Real-Effekten inszeniert hätte.

Pinhead hat zwar noch nicht genug Kraft, um aus der Säule auszubrechen, ist aber in der Lage, zu sprechen und kann J.P. davon überzeugen, ihm noch mehr Opfer zu bringen, um sich zu befreien. Der verspricht ihm dafür kryptische Dinge wie „Macht“ und „Fleisch“. J.P.'s Motivation baut wohl darauf auf, dass der im Grunde ein ziemlich psychotischer, sadistischer Misanthrop ist, der seine Eltern umbrachte, um frühzeitig an deren Erbe zu kommen. Seine Charakterzeichnung fällt aber derart dünn und unfundiert aus, dass es kaum nachvollziehbar ist, weshalb er nun Pinhead hilft bzw. was er sich hiervon verspricht. Er lockt nun Terri in seine Wohnung, um sie Pinhead zuzuführen. Die kann allerdings J.P. übertrumphen und möchte fliehen. Jetzt schafft es Pinhead, auch sie zu überreden, ihm zu dienen und verspricht ihr dafür die Befreiung aus ihrem deprimierenden Leben, den Einzug in das „Reich der Träume“ oder dergleichen. Die glaubt das und schiebt Pinhead J.P.'s bewusstlosen Körper vor die Füße, der diesen kurzerhand in einen Cenobiten verwandelt.

Joey wird immer wieder von Albträumen geplagt, in welchen ihr Vater im Krieg fällt. Gleichzeitig erreichen sie indes mehr oder weniger gruselige Kontaktaufnahmen von Captain Elliot Spencer, Pinheads eigentlichem Ich, das als Geist in Form seines menschlichen Erscheinungsbildes in einer Art Limbus lebt. Er versucht durch supernatürliche Botschaften über den Fernseher, Joey um Hilfe zu ersuchen. Joey kann durch das Fenster in ihrem Appartement in Spencers Zwischenwelt gelangen (!). Er eröffnet ihr, dass er nach seinem Dahinscheiden in „Hellraiser II“ in zwei Individuen zerteilt wurde: Das Böse in ihm war so stark, dass Pinhead fortbestehen konnte. Seine gute Seite fristet sein Dasein in dieser Grenzwelt zwischen Himmel und Hölle und will Pinhead aufhalten... Ahja. Mit Joeys Hilfe will er Pinhead zurück in die Hölle befördern, wofür sie ihn durch ihr Fenster in Spencers Reich bringen muss... Mhm. Pinhead hat mittlerweile zu seiner alten Stärke wiedergefunden. Nachdem er aus seiner Säule ausbrechen konnte, richtet er erst mal ein irres Massen-Massaker im „Boiler Room“ an. Dabei sehen wir einen diabolisch feixenden Pinhead, der überschwänglich sein Schlachtfest genießt, bei dem es - zugegeben - einige wirklich kreative Tötungen zu sehen gibt. Der CD-Overkill des DJ's gehört wohl zu den kultigsten und trashigsten Hellraiser-Momenten überhaupt.

Doch der hier gezeigte Pinhead hat nicht mehr viel mit dem Pinhead aus den ersten Filmen zu tun. Sahen wir dort noch einen kühlen, fast philosophisch-intellektuell wirkenden dunklen Herrscher mit unabdingbaren Grundsätzen, hat er sich hier in einen sprücheklopfenden Kistenteufel verwandelt, für den seine frühere Linie keine Gültigkeit mehr hat. Menschen - ob schuldig oder unschuldig - dienen ihm nur noch als Schlachtfleisch. Das ist eine bedauernswerte Charakterentwicklung, da völlig unklar ist, welchen höheren Zweck hier Pinhead eigentlich verfolgt. Einfach nur Leute quälen und davon so viele wie möglich? Es neigen die Füße dazu, einzuschlafen. Dann noch mehr Logiklöcher: Nach dem Massaker trifft Joey im Boiler Room ein, der ganz frei zugänglich ist und wo überall nach wie vor Dutzende von Leichen liegen. Was zur HÖLLE? Hier hatte vorher bereits das TV live vor Ort berichtet. Man würde glauben, dass der Ort eines Massenmordes polizeilich gesichert, untersucht und gesäubert werden muss, aber nein - hier lässt man alles stehen und liegen. Die Leichenhalle dient jetzt wohl als Gruselkabinett für Schaulustige.

Nach ein paar trashigen Straßenkämpfen mit den Cenobiten samt Actionfilm-Explosionen erleben wir Pinhead dann auch noch bei Randalen in der Kirche, was wohl irre provokant und kontrovers wirken sollte, jedoch völlig beliebig und überflüssig wirkt. Dann kommt es zum Showdown mit Joey und den Cenobiten, wo wir nach langer Zeit auch Terri und J.P. - beide ebenfalls in Cenobiten verwandelt - wiedersehen. Selbst Pinhead bezeichnet seine neuen „handgefertigten“ Cenobiten als „Schatten seiner früheren Truppen“ - damit würdigt sich der Film in gewisser Weise selbst herab und landet damit noch einen eigenreferenziellen Volltreffer. Joey schafft es, Pinhead in Spencers Universum zu bringen. Pinhead gelingt es hier noch, Joey zu täuschen, indem er die Gestalt ihres Vaters annimmt, um den Würfel an sich zu nehmen. Das ist in der Tat ein cleverer, böser Twist. Spencer greift nun ein und will sich sein böses Ebenbild einverleiben, doch ist es Pinhead, dessen Kraft scheinbar stärker ist und Spencer „verschluckt“. Die hier handgemachten Szenen der zusammenschmelzenden Pinhead und Spencer sehen grandios aus, die CGI-Effekte derselben Bilder allerdings nicht. Spencer schafft es mit letzter Kraft, Pinhead noch einmal kurz aus dem Konzept zu bringen, sodass Joey es schließlich schafft, den Zauberwürfel zu einem Dolch zu formen um mit diesem dann Pinhead den Todesstoß zu versetzen. Gerettet und wohlauf vergräbt sie den Würfel in flüssigem Zement.

„Hellraiser III“ bekommt von mir bei bestem Willen 5/10 Punkte. Mehr sind aber definitiv nicht drin, denn hier sieht man wahrhaftig keinen guten Film. Joey und Terri mögen so gerade noch liebenswert genug sein, doch generell sind die Charaktere dermaßen flach, schablonenhaft und einseitig gezeichnet, dass man sich stattdessen an den anderen Stärken des Films ergötzt: Der Film schafft es nämlich, halbwegs unterhaltsam zu sein! Langeweile kommt hier eher nicht auf; dafür ist er viel zu trashig und amüsant. Der Gastauftritt von Ashley Laurence ist zu kurz und ideenlos. Diese Spencer/Pinhead-Story ist haarsträubend und unsinnigst. Die neuen Cenobiten sind lächerlich und nicht ansatzweise respekteinflößend. Sprücheklopfende Camera Cenobites und ein Over-the-top-Pinhead wirken so, als ob man hier eine Hellraiser-Satire sieht. Die wenigen handgemachten Real-Effekte sehen aber auch in diesem Teil stark aus. Wer allerdings in Erwartung einer den Vorgängern ähnliche Fortsetzung ersehnt hat, ist mithin sicherlich sehr enttäuscht worden. Unterhaltsam für einen Saufabend unter Nerds, aber ohne jegliche Spannung und überhaupt nicht gruselig.


Details
Ähnliche Filme