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Die italienische Filmindustrie bestätigte schon lange vor dem Orwelljahr 1984 die Befürchtungen eben jenes britischen Autors, dass der Mensch sich selbst zu Grunde richten wird und legte dazu die wüstesten Varianten vor: So kloppten sich Söldner und Agenten eines diktatorischen Regimes in "Fireflash" wie ein Haufen dumpfer Machos um die letzte fruchtbare Maid, während im vermeidlich dritten "Riffs" - Teil (dem einzigen richtigen Endzeitler in dieser Reihe) ein Haufen Atomkriegsüberlebender im Kampf gegen verstrahlte Ratten abstanken und Joe D'amato und Lucio Fulci mit "Endgame" und "Schlacht der Centurions" schamlos das schon damals nicht neue Running Man - Konzept der Menschenjagd als Zeitvertreib variierten.

Dieses eigentümliche Hobby dient auch "Rockit - Final Executor" als Ausgangspunkt. Und wieder einmal fällt auf italienischem Studiogelände die Atombombe: Wie üblich erwischt es leider wieder mal nicht alle, was aber nichts macht, da die überlebende Oberschicht mittels organisierter Menschenjagden auf den verstrahlten Humanabfall der Welt schon fieberhaft daran arbeitet, das Problem flächendeckend zu lösen und nebenbei bemerkt die eigene Macht zu erhalten. In dieser hundsmiserablen Dreckswelt machen der Wissenschaftlker Alan Tanner und seine Frau den Fehler, ihre Forschungsergebnisse öffentlich kund zu tun und die frohe Botschaft vom Ende der Verstrahlung zu verbreiten. Das Ganze endet zu Beginn des Filmes für die beiden da, wo auch in unserer Gegenwart gerne mal unliebsame Menschen zum Stranden und Sterben zurückgelassen werden: am Bahnhof treibt man die beiden Verräter per Schallfolter in den Zug nach Nirgendwo, den Göttern sei Dank, ohne, das Christian Anders drüber singt.

Auf der Oberfläche dampft derweil anderweitig die Scheiße: wenn die Bonzen des Ödlandes nicht gerade auf die verstrahlte Masse einschießen bekriegen sie sich beim Abstecken der Jagdreviere gegenseitig, während ihre Beute sich um gelegentlich vom Helikopter abgeschmissene Nahrung und Wasservorräte kloppt. In diesem Chaos verliert Alan seine Frau an die Jagdgemeinschaft der biestigen Edra und ihres androgynen Frenemies Erasmus (ein Typ mit einem Faible für Lederkleidung, elegante Halstücher und Tonnenvon Haarspray) und wird erst selbst noch ein wenig durch das Ödland gehetzt, bevor er vor die Tür des Einsiedlers und Ex - Cops Sam angeschwemmt wird. Der darf seinen neuen Schützling erst verbal zusammenstauchen und zur Autoreparatur samt anschließender Lebensmittelsuche rekrutieren, bevor er einem bösen Klischee folgend den schwarzen Mentor ohne nenneswerte Persönlichkeit raushängen lassend Alan in Form schinden und am Ende von dessen Rachefeldzug inspiriert den gemeinsamen Kampf für die Gerechtigkeit planen darf.

Romolo Guerrieri, muss man mehr sagen? Zugegeben, ich kenne nur diesen Beitrag seines Gesamtwerkes, aber allein die Verwandschaft zu Marino Girolami, dem wir "Zombies unter Kannibalen" zu verdanken haben und zu Enzo G. Castellari, der in vielen Genres wildernd einen vielfältigen Exploitationkatalog vorzuweisen hat lässt Schlüsse zu, dass man hier Qualitätskino erwarten kann (im Rahmen des Genres versteht sich). In seinem vorletzten Film zaubert der gute Mann einen herrlich zynischen, eher minimalistischen Beitrag zum Genre auf die Leinwand. Die futuristischen Elemente halten sich von einigen Computern abgesehen in Grenzen, der Actionanteil nimmt nach der ersten Filmhälfte massiv ab, sehr zu Gunsten von Alans Figur, der beweisen darf, dass er durch Sams Training zwar an Kampfkraft dazugewonnen, aber nicht an Grips eingebüßt hat. Der frischgebackene Vigilant taktiert, geht heimlich vor, zermürbt seine Gegner psychisch, wenn auch nicht auf Sun Tzu - Niveau. Ob Kiesgrubenkloppe oder postapokalyptischer Giallo, in jedem Fall ist der Film ansprechend eingefangen, was die sperrlichen Kulissen und deren Inszenierung betrifft. Bis auf ein paar wenige seifenopereske Kitschnoten darf man sich zudem über einen soliden Synthscore freuen.

"Rockit - Final Executor" ist eines jener unterschätzten Kleinode des italienischen Endzeitkinos, die im Zeitalter von DVD und Blu Ray sträflich vernachlässigt wurden, während man sich zeitgleich scheinbar um Genrebeiträge a la Fireflash, Riffs und co. riss. Bei aller Liebe zu den actionlastigeren Filmen aus den glorreichen Zeiten der Pizzakalypse: gebt dem ruhigen kleinen Bruder der oben genannten Filme eine Chance! Der abwechslungsreiche Ansatz, die große Knallerei einen halben Film lang ruhen zu lassen zahlt sich aus. So sehr, dass es schon schade ist, dass Guerrieri sich nicht nochmals in diesem Genre versuchte. Gegen den Ärger hilft nur eines: die DVD einschieben und erneut genießen. 

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