Days Of Being Wild ist der zweite Spielfilm, den Wong Kar-Wai drehte. Den Stil der französischen Nouvelle vague baut er hier bereits zunehmend aus. Mit wenig Handlung gelingt es ihm trotzdem, eine gelungene Geschichte zu präsentieren. Mit diesem Stil hob sich Wong Kar-Wai Anfang der 90er sehr vom sonstigen Film-Einerlei Hongkongs ab, das sich damals vor allem mit Komödien und Gangsterfilmen zufrieden gab und seine Zeit brauchte, um so gewichtige, andersartige Filme wie Days Of Being Wild schätzen zu lernen.
In Wong Kar-Wais Frühwerk mimt Leslie Cheung den unterkühlten Frauenunglücklichmacher York, der bei einer Prostituierten aufgewachsen ist und ständig auf der Suche nach seiner richtigen Mutter ist. Etwas anderes scheint ihn nicht zu interessieren. Die einzige Freude in seinem langweiligen Leben im Hongkong der 60er bringen ihm die Abenteuer mit den Frauen. Dem unbedarften Mädchen Su Li Zhen (Maggie Cheung) macht er bald falsche Hoffnungen und stürzt sie dann ins Unglück. Ihre Nachfolgerin, die Zicke Lulu (Carina Lau), die er zwar nicht besser behandelt, hält es trotzdem länger bei ihm aus. Als er ohne ein Wort zu sagen Richtung Philipinen verschwindet, um dort seine leibliche Mutter zu suchen, ist sie am Boden zerstört. Sein Weg kreuzt sich mit einem Nachtwächter (Andy Lau) aus Hongkong, der auch schon Su Li Zhen eine Schulter zum Ausweinen lieh und sich nun als Seemann mit York anfreundet.
Wer Wong Kar-Wais Filme aufmerksam verfolgt, erkennt gleich, dass die damals noch sehr junge Maggie Cheung mit ihrer eher kleinen Rolle als Su Li Zhen genau jenen Charakter spielt, der Jahre später in In The Mood For Love eine zentrale Rolle bekommen wird. Und auch Carina Lau wird uns in 2046 noch einmal als Lulu erscheinen. Ebenfalls tritt die männliche In The Mood For Love-Hauptperson Chow Mo-Wan (Tony Leung) ganz am Ende in einer kleinen scheinbar zusammenhangslosen Szene auf, die kaum für Verständnis sorgen wird, kennt man nicht Wong Kar-Wais spätere Werke In The Mood For Love und 2046. Schon damals also deutete der renommierte Regisseur an, dass sein Film rund zehn Jahre später eine indirekte Fortsetzung erleben wird.
Auch wenn Days Of Being Wild ein wenig träge startet und ohne Restauration des Filmmaterials die visuelle Qualität ein wenig eingeschränkt anmuten mag, trägt das leise Drama doch unverkennbar Wong Kar-Wais Züge, das sich nach einer Weile rund um die Gefühlswelten der Protagonisten dreht. Sie leben und leiden vor abgegriffenen Kulissen, meist ohne genau zu wissen, was sie eigentlich wollen, und das mehr als einfühlsam und nachvollziehbar. Die namhaften Schauspieler spielen ihre Rollen sehr eindringlich, allen voran Leslie Cheung, der es meisterhaft versteht, seine Figur lasziv und unnahbar zu spielen. Leider wirkt York nie wirklich sympathisch, was aber wohl an seinem dargestellten Charakter und keineswegs an einer schlechten Leistung Leslie Cheungs liegt. Und doch kann man irgendwann auch seine Beweggründe verstehen und sieht in ihm einen kläglichen jungen Mann, der es nie geschafft hat, aus dem Schatten seiner Vergangenheit zu treten.
Kameraeinstellungen, die wie perfekt arrangierte Bilder anmuten, unterlegt mit 60er-Jahre-Rhythmen, die dem Film eine warme nostalgische Atmosphäre verleihen, wissen zu gefallen und dem Drama Leben und vor allem Stil zu geben. Days Of Being Wild gehört vielleicht nicht zu Wong Kar-Wais ganz großen Meisterwerken, aber es braucht sich vor diesen auch nicht zu verstecken. Er ist der leise Auftakt einer indirekten Trilogie, mit intelligenten, losen Verbindungen der einzelnen Charaktere, einem passenden Soundtrack und einem visuellen Stil, mit dem Wong Kar-Wai seinen Kollegen damals weit voraus war.