Erinnern Sie sich noch?
Acht Jahre ist es her, seit Mel Gibson mal eine Hauptrolle in einem Film spielte (geradezu bildhübsch fehlbesetzt als Kirchenmann in "Signs"), anstatt seine religiösen Märtyrerphantasien, die er schon in seinen Actionfilmen auf hohem Selbstzerstörungslevel zelebrierte, nur als Regisseur auf Film zu bannen oder durch Antisemitismusattacken in Trunksuchtsrückfällen aufzufallen.
Mit "Edge of Darkness" (den mal wieder enorm eindimensional dämlichen Titel lassen wir mal weg) hat er offenbar endlich wieder ein Thema gefunden, daß seinen Zwängen entgegen kommt, denn Leid und Rache für seine Figur stehen wieder ganz oben auf dem Programm.
In Martin Campbells Filmversion seiner eigenen BBC-Miniserie aus den 80er Jahren darf er, sichtlich ergraut, aber immerhin sein Alter akzeptierend, den Polizisten Craven geben, dessen Tochter einem Mordanschlag zum Opfer fällt, nachdem sie in einer Nuklearfabrik auf einige Mißstände aufmerksam wurde und Informationen mitgehen ließ.
Grund genug für den Filmverleih, daraus eine Montage von brutalen Actionsequenzen zusammen zu schneiden, um das alles als den neuen Gibson-Actionreißer im handlichen Bronson-Format zu promoten, doch nichts könnte mehr täuschen.
Campbells Film mag zwar Gibsons typischen Filmfiguren entgegen kommen, im Wesentlichen handelt es sich jedoch um einen Politthriller mit Umweltbezügen, in dem der Einzelne seinen einsamen Weg geht, alle Hindernisse aus dem Weg räumt, um Gerechtigkeit für ein Verbrechen zu üben und dabei Mißbrauch, Geschäftemacherei und Korruption aufdeckt.
Generell sieht man solche Filme heutzutage eher nicht mehr auf einer großen Skala, das politische Kino steckt bis zu den Knien im Arthaus, Unterhaltung soll möglichst flach sein - insofern hat und hatte Campbell mit seinem Baby schon vorneweg ein Problem.
Er muß nämlich folglich eine Art Spagat schaffen zwischen den Ansprüchen und Botschaften und dem Publikum, das von dem Darsteller einen gewissen Starbonus und entsprechende Zugänglichkeit der Themata erwartet.
Das bekommt der Filmversion leider nicht besonders gut, obwohl in vergangenen Zeiten (sprich die politisch motivierteren Spätsechziger und Siebziger Jahre) durchaus namhafte Darsteller in Filmen glänzen konnten, die sich als Einzelkämpfer gegen ein überlegenes System stellen, sei es nun wirtschaftlich oder politisch motiviert, man kann da mit Namen spielen wie Franco Nero, Lino Ventura oder Warren Beatty. Dennoch ist Campbells thematischer Ansatz ein zutiefst europäischer - während sich die Amerikaner zuletzt mehr kriegskritischen Filmen verschrieben haben.
Doch wie dem auch sei, man mußte für diesen Film gut 300 Minuten TV in knapp 110 Minuten Kino einkondensieren, ein Prozess, der meistens an die inhaltliche Substanz geht. Und tatsächlich entschied sich das Autorenduo auch nur für eine simplere Verschwörungshandlung, eine einfachere Schurkenkonstellation und dafür für Konzentration auf den Hauptdarsteller, der sich wider der allgegenwärtigen Bedrohung Stück für Stück ins Herz der Finsternis vorgräbt.
Die Stärken der Vorlage kann man immer noch spüren, Gibson ist durchaus kompetent als der eiskalte Wolf, der resignativ die übermächtigen Gegner akzeptiert und dennoch zurückschlägt, während er von dem Sicherheitsmann und Killer Jedburgh, den Politiker auf ihn angesetzt haben, mit Informationen ständig in der Schwebe gehalten wird.
Um diese beiden Figuren kreist dann auch der Plot: war Jedburgh in der Serie noch ein aufklärerischer Mitstreiter, bleibt er hier eine undurchsichtige Gestalt, die scheinbar für einen Mord engagiert wird, dann aber eigene Motive und Motivationen einfließen läßt, um im Hintergrund die Fäden miteinander zu verknüpfen, bevor er entscheidet, welchen Handlangerdienst er nun ausführen soll oder sollte.
Die mehrfachen Treffen von Gibson und dem subtil bedrohlichen Ray Winstone sind dann auch die Höhepunkte des Films, die dem actionorientierten Publikum vermutlich eher verwirrend oder langgezogen vorkommen, jedoch schön zurecht geschliffen sind.
Dennoch bleibt Jedburgh in der viel kürzeren Filmversion ein seltsam unterentwickeltes Enigma, das notgedrungen am Rand mitentwickelt wird und dessen Rolle mehr ein Überraschungsfaktor als eine logisch aufgebaute Figur ist.
Der Fall an sich wird schon recht bald durchsichtig - die Frage, die sehr früh aufkommt, ist nur, wie weite Kreise der Fall ziehen wird und wie weit man Gibson/Craven damit kommen lassen wird. Richtige Actionsequenzen werden so nur punktuell gesetzt, wirken damit aber auffälliger, brachialer und realistischer als ein alberner Overkill, wie er möglich gewesen wäre.
Dennoch strahlt der Film eine gefährliche Ruhe und Unruhe gleichzeitig aus und fließt so düster dahin, daß er Sogwirkung ausübt, sofern man sich darauf einlassen kann, was angesichts von Gibsons Vorgeschichte und seiner für ihn so typischen Filmfigur zugegeben nicht ganz einfach ist.
Die größte Schwäche dabei ist dann das Finale, das sämtliche Fäden anscheinend für ein sehr zweischneidiges Happyend (?) zusammenführen und wieder auflösen muß und das ruckhaft, gewalttätig und sehr forciert daherkommt, erstmals fliegen hier bisherige Motivationen und logische Nachvollziehbarkeit aus dem Fenster, wenn die Verantwortlichen sich zu sehr von Gibson aufscheuchen lassen und mehrere Akte der Gewalt nicht Klärung nach sich ziehen, sondern Auflösung durch Zerstörung.
So wirkt der Politthrilleranteil dann doch ein wenig wie ein simples Mittel zum Zweck, was der Stoff (der im übrigen Mark Wahlbergs "Shooter" in groben Zügen ähnelt) nicht verdient hat und serviert zwar kein leichtes Soufflé, aber doch einen verdaulichen Happen, anstatten den Einzelnen in/an der Verschwörung scheitern zu lassen. Diese Form des filmischen Realismus/Nihilismus hat man sich seit den 70ern leider nicht mehr bewahrt oder konnte ihn sich mit einem Megastar nicht leisten, dennoch wirkt der Film gegen die Actionvorlagen, die man sonst geliefert bekommt, wie subtiles Filmmaterial, das sich mal auf Charaktere und Story verläßt, anstatt beides nur in brüchigen Angeln herumquietschen zu lassen, während einem Kugeln um die Ohren fliegen.
Campbell, der beide Genres beherrscht, wenn er will, hat sich möglicherweise keinen Gefallen getan, denn der Film wird so nicht zu einem Meilenstein oder kleinem Manifest mit ernsten Tönen, ist aber einer der besseren und weniger konventionelleren Thriller, die sogar Gibsons Christusfiguren etwas mehr Spielraum für Tiefe lassen. Kompetenz ist vorhanden, Gibson wieder im Spiel, jetzt müßte sich nur mal wieder jemand an Plots trauen, die den Regimekritiker in uns wirklich rotieren lassen. Hier zucken nur leicht die Knie. Immerhin, noch Leben drin! (6/10)