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Das etwas Schreckliches passieren wird, weiß der Betrachter schon nach wenigen Minuten, denn Susie Salmon (Saoirse Ronan) nennt aus dem OFF ihren Todestag - den 06.Dezember 1973. Diese Information nimmt dem Geschehen vor dem genannten Datum die dort geschilderte Fröhlichkeit, denn obwohl alles auf ein normales amerikanisches Familienleben mit drei Kindern und einer verrückten Oma (Susan Sarandon) hinweist, übliche Ingredenzien wie Alltagsdramen und erste Liebe auch nicht fehlen, beherrscht zunehmend die akribische Planung des Mörders, die in kurzen Szenen dazwischen eingeblendet wird, die Emotionen. Als die 14jährige Susie am Abend des 06. Dezembers über das abgeerntete Maisfeld nach Hause geht und dabei dem Nachbarn Georg Harvey (Stanley Tucci) über den Weg läuft, gibt es kein Zurück mehr.

Dass Regisseur Peter Jackson diese Szenerie durch das Opfer vorweg nimmt, hat nur einen Grund - sie überhaupt erträglich zu gestalten. Diese Konsequenz führt zum frühen Höhepunkt des Films, der den Charakter des weiteren Geschehens vorbestimmt. Nachdem Harvey das Mädchen in die Falle lockte, entsteht eine langsame Veränderung in der Gesprächsführung, welche ihr Vertrauen in Angst und seine Freundlichkeit in Macht verwandelt, bis es zur Gewalttat kommt. Doch Jackson erspart dem Betrachter diesen Ausbruch und lässt sie scheinbar entkommen. Allerdings nur in eine Art Bereich zwischen Tod und Leben, der einerseits ihr Verschwinden symbolisiert, andererseits ihre Gegenwärtigkeit für sämtliche Zurückgebliebene.

Mit diesem künstlerischen Kniff versucht sich Jackson einem der schwierigsten Themen für die menschliche Psyche anzunähern - dem Verschwinden eines Kindes, der Vermutung seines Todes, aber ohne dessen tatsächliche Gewissheit. Ein letztlich nicht zu verkraftender Zustand. Dadurch das "In meinem Himmel" aus der Sicht des toten Mädchens erzählt wird, nimmt der Film diesem Geschehen die übliche Plakativität, verzichtet auf intensive psychologisierende Entwicklungen der zurückgebliebenen Eltern Abigail (Rachel Weisz) und Jack (Mark Wahlberg), sondern verweilt stattdessen in dem Erleben des Mädchens, dass versucht mit dieser Situation fertig zu werden.

Der Film behält dadurch einen gewissen Abstand zu den "irdischen" Vorkommnissen - der emsigen, aber ergebnislosen polizeilichen Suche nach dem Opfer und dem Täter und dem Niedergang der Eltern, die nicht mehr in der Lage sind, ein normales Leben zu führen. Dabei kommt gerade Mark Wahlbergs wenig nuanciertes Spiel dieser Intention entgegen, denn "In meinem Himmel" verzichtet bewusst auf eine Dramatisierung im Verhältnis der Eltern und lässt irgendwann einfach die Mutter verschwinden, ohne dass es einmal zu einer heftigen Auseinandersetzung kam.

Ausgehend von der sensiblen, den tatsächlichen Schrecken nicht unterdrückenden, Beschreibung des Verbrechens, über die artifizielle Umsetzung der menschlichen Psyche, die nicht begreifen kann, dass ein Kind einfach verschwindet, bis zum Verzicht auf übliche stammtischartige Parolen über menschliche Monster und deren Art der Bestrafung, weist "In meinem Himmel" einen Weg in eine Richtung, die den Versuch zeigt, etwas Unbegreifliches fassbar werden zu lassen. Und damit den Funken der Menschlichkeit innerhalb eines unmenschlichen Geschehens zu bewahren, dem man mit Aktionismus nicht näher kommt.

Lange Zeit trägt zu dieser Konstellation auch das Spiel Stanley Tuccis bei, der zwar als alleinstehender, optisch spiessig wirkender Mann einerseits einen Archetypus eines Kinderschänders darstellt, andererseits durch sein zurückhaltendes Spiel die innere Verklemmtheit und die daraus entstehende Gier erfahrbar werden lässt. Doch die Entwicklung seines Charakters zu einem aktiven Serienmörder wird signifikant für die Veränderung des Films in Richtung einer Plakativität, die wirkt, als hätte Jackson den Zuschauern seines Films nicht zumuten wollen, ein solches Verbrechen nicht auf übliche Weise zu lösen.

Die Realität hat immer wieder bewiesen, dass die Bestrafung des Mörders nur wenig zur inneren Verarbeitung für die Zurückgebliebenen beiträgt. Diesem Beispiel folgt der Film in konsequenter Weise für Susies Familie, aber er bezieht dabei den Betrachter nicht mehr mit ein. Fast wirkt "In meinem Himmel" in seinem letzten Viertel so, als spräche er nur noch zu seinen Zuschauern und verfällt dabei in übliche thrillerartige Gefilde mit der zusätzlichen Komponente, noch alles hineinpacken zu müssen, dass die Tragik im Ableben des Mädchens dämpft. Dabei kommt es zu regelrecht unlogischen Momenten, wenn der Täter zur Steigerung der Spannung zwar minutenlang dabei gezeigt wird, wie er einen schweren Tresor mit zusätzlicher Hilfe über wenige Meter wuchtet, es aber völlig unklar bleibt, wie es ihm zuvor allein gelungen sein soll, diesen in kürzestere Zeit aus dem Keller seines Hauses auf die Ladefläche seines Autos zu befördern.

Letztlich ist diese Szene nicht wirklich von Bedeutung, aber sie betont, wie sehr der Film von der intensiven Beschreibung der Beziehung zwischen Susie und ihrer Familie in Richtung einer üblichen Kriminalhandlung wechselt. Diese Inkonsequenz nimmt dem Film viel von seiner künstlerischen Reputation, dem überzeugenden Spiel der Darsteller und der ungewöhnlichen Herangehensweise an ein zutiefst emotional besetztes Thema, aber die Erinnerung an seine tatsächlichen Qualitäten bleibt doch vorherrschend (6/10).

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