Peter Jackson is back und kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Und nein, damit meine ich nicht etwa "Braindead" sondern "Heavenly Creatures". Schon mit diesem Film bewies Jackson damals seine Vielseitigkeit und wie man selbst im Genre Drama Fantasie und visuelle Brillanz zu einem guten und bewegenden Film verknüpfen kann. Mit "In meinem Himmel" haben wir es nun erneut mit einem Film dieser Marke zu tun. Einer schrecklichen Tragödie, welche vom "Herrn der Ringe" atemberaubend und fantasiestark in Szene gesetzt wurde und dabei gleichzeitig unheimlich bewegt. Doch zum Meisterwerk reicht es, dank Hollywoodregeln, leider nicht so ganz.
Doch erst einmal zu all den positiven, teils geradezu meistlichen Aspekten dieses Films. Das geht schon bei der Story los. Die Novelle der Schriftstellerin Alice Sebold ist weltberühmt und hat schon viele Leser auf der ganzen Welt begeistert. Ich persönlich bin damit leider jedoch noch nicht in Berührung gekommen, weshalb ich mich nur auf die Filmgeschichte beziehen kann, doch diese ist bis ins letzte Quäntchen gelungen, mutig und mit einem derartigen Umschlag von Emotionen ausgefüllt worden, dass man nichts anderes als fasziniert davon sein muss, wenn auch auf eine erschreckende Art und Weise. Die Geschichte handelt von der kleinen Susie Salmon, welche bereits im jungen Alter von 14 ermordet wird. Doch anders als erwartet kommt sie nicht in den Himmel, sondern in eine Art Zwischenwelt, in welcher sie nun die Jagd nach ihrem Mörder beobachtet und in Teilen sogar dirigiert. Auf der Erde macht sich inzwischen ihre Familie daran, den Mörder zu fassen, doch der schreckliche Verlust ihrer Tochter, Schwester und Enkelin hindert sie nicht selten daran, das Richtige zu tun. Und auch die Polizei ist machtlos...
Mit einer schier genialen Verknüpfung aus Fantasie, tief emotionalem Drama und visueller Konsequenz erlebt der Zuschauer lange Zeit einen Streifen, welcher nicht nur tief unter die Haut geht, sondern vor Allem all das richtig macht, was nicht wenige Dramen sonst verfehlen. Wo andere Filme nicht selten mit aufgesetzt wirkenden Gefühlen, duddelnder Seiermusik und unglaubwürdigen Handlungsweisen der Protagonisten enttäuschen, hat man hier von Anfang an das Gefühl, dass alles echt ist. Die Emotionen der Figuren sind realistisch, die tiefe Trauer nach dem Verschwinden von Susie bis in die letzte Pore der Protagonisten spürbar. Spürbar vor allem auch deshalb, weil auch die Einführung der Charaktere durchgehend gelungen ist. Keine Figur ist einem egal, man möchte von allen Figuren sofort wissen, wie es ihnen ergehen wird und in welche Richtung sie das Geschehen letztendlich leiten mag. In dieser Hinsicht haben die Drehbuchschreiber wirklich ein kleines Kunstwerk geschaffen, das es so schon lange Zeit nicht mehr gegeben hat.
Und deshalb ist es vor allem die erste Stunde von "In meinem Himmel", welche einen absolut nicht kalt lässt. Wer den Schrecken einer verloren gegangenen Person schon einmal miterleben musste, wird sich in vielen Momenten wiedererkennen können, aber auch ohne diese Erfahrung beutelt einen der Streifen mitunter arg durch die eigene Gefühlswelt. Vor allem in den Momenten, wenn Susie auf ihren Mörder trifft, ist man manchmal regelrecht gewillt, die Filmvorführung abzubrechen, jedoch nicht aufgrund eines schlechten Films, sondern dem ganzen Gegenteil, nämlich weil "In meinem Himmel" die Grausamkeit des Geschehens so derart in die Köpfe der Zuschauer transferiert, dass man kaum gewillt ist, dieses furchtbare Erlebnis auch wirklich durchzustehen. Jackson verzichtet total auf das Zeigen der Tat, wird in keinster Weise plakativ, und genau das ist es, was einen als Zuschauer letztendlich innerlich so fertig macht. Kurzum, die ersten 60 Minuten dürften mit Abstand zum emotional herausragendsten gehören, was es seit langem auf der Leinwand zu sehen gab.
Aber auch danach hält sich "In meinem Himmel" noch lange auf einem recht hohen Niveau. Die Suche der Familie nach dem Mörder und Susies Erlebnisse in der Zwischenwelt werden vor allem von einer hohen visuellen Note geprägt, die gerne schnell als Kitsch abgetan wird, in Wirklichkeit aber eine doch recht realistisch geformte visuelle Andeutung von dem ist, wie die Gefühle der meisten Menschen gestrickt sind und wie diese sich zu ändern vermögen, wenn etwas so Schreckliches wie der Verlust eines geliebten Menschen passiert. Mit tollen Zeichnungen und einer gut aufgefüllten Pallette von teils warmen und teils harten Farbtönen gelingt es Jackson, immer im richtigen Moment genau das Gefühl aufzuzeigen, was die momentane Szene zu vermitteln versucht. Ab und an werden diese auch mit entsprechender Musik untermalt. Und es lässt sich auch eine gewisse Spannungsnote, vor allem in der Szene kurz bevor Susies Schwester das dunkle Geheimnis des Mörders entdeckt wird, nicht zu übersehen. Kurzum, nach der emotional herausragenden ersten Stunde bekommt der Zuschauer dann für einige Zeit auch noch ein spannendes und visuell atemberaubendes Werk zu sehen, welches zwar nicht mehr ganz mit dem Anfang mithalten kann, aber immer noch zu überzeugen weiß.
In der letzten halben Stunde jedoch passiert mit Jacksons Film etwas, das man nie und nimmer erwartet hätte. Er wird 08/15! Das klingt zwar erst einmal hart und flapsig formuliert, doch es ist so. Die Macher verlieren plötzlich all ihren Mut, die tragische Thematik noch weiter in dieser so ungemütlichen Form zu präsentieren, und arbeiten mit einem Mal voller Eifer daran, dem Zuschauer nun doch noch jedwede Genugtuung zu bieten, die er sich im Geheimen wünscht. Und dabei wird leider nicht einmal mehr darauf geachtet die Logik zu wahren, so dass z. Bsp. ein schwerer Tresor zwar zunächst von einer Person mit Leichtigkeit in ein Fahrzeug gehieft wird, danach aber plötzlich kaum noch von zwei Personen bewegt werden kann und das zudem noch über eine unnötig lang wirkende Strecke. Es ist fast schon fraglich, ob hier Jackson wirklich noch Herr der Sache war oder ob hier die Produzenten nicht doch darauf gepocht haben, dass der Schluss noch so hingebogen wird, dass wirklich alle zufrieden sind und die harte Thematik am Ende niemanden wirklich zerstört zurück lässt. Schade, denn so hart ein unbefriedigender Ausgang gerade hier gewesen wäre, er hätte "In meinem Himmel" letztendlich insgesamt vielleicht doch zudem gemacht, was er in den ersten Minuten für lange Zeit war: Ein Meisterwerk!
Ein Meistwerk, bei dem übrigens auch die Darsteller einiges dazu beigetragen haben bzw. hätten. Nachdem sich Mark Wahlberg in "The Happening" z. Bsp. noch der absoluten Lächerlichkeit preisgegeben hat, so spielt er hier einen jungen Vater, dem man jede Emotion in Gänze nachvollziehen kann. Sein Spiel ist fabelhaft und dürfte, neben seiner Performance in "Boogie Nights", wohl mit Abstand zum Besten gehören, was er bisher zu bieten hatte. Dazu die bezaubernde Rachel Weisz, eine herrlich schnodderische Susan Sarandon und Soprano-Star Michael Imperioli, in der Rolle des Cops Len Fenerman. Und natürlich nicht zu vergessen Saoirse Ronan als Susie Salmon, welche sowohl auf der Erde, als auch in der "Zwischenwelt" einen bleibenden, guten Eindruck hinterlässt. Auch wenn sie vielleicht nicht so ganz mit den Anderen mithalten kann, ihre Rolle füllt sie vor allem mit viel Glaubwürdigkeit bestens aus. Und als Höhepunkt Stanley Tucci, der hier einfach nur unfassbar gut agiert und eine Brillanz in seine Darstellung des Schreckens bringt, die kaum in Worte zu fassen ist.
Fazit: Nach "Herr der Ringe" und "King Kong" präsentiert uns Peter Jackson nun endlich mal wieder ein Drama seiner ganz eigenen Marke und liefert damit einen Film ab, welcher es versteht, einen über einen langen Zeitraum zu bewegen, zu packen und mitunter emotional so durchzurütteln, dass man an so mancher Stelle wirklich zweimal überlegt, ob man sich die Geschichte über eines der grausamsten Vorkommnisse im Leben eines Menschens überhaupt noch weiter ansehen will. Visuell atemberaubend, großartig gespielt und mit unglaublich viel Mut an der Sache, präsentiert Jackson hier einen Film, der eigentlich niemanden kalt lassen dürfte, auch oder gerade weil es teilweise alles andere leicht ist, den Schrecken der Handlung auszuhalten. Schade nur, dass auch "In meinem Himmel" zum Schluss dann in das Hollywood-übliche Ende-Gut-Alles-Gut-Korsett gequetscht wird und dass dieses Korsett dann stellenweise so eng geschnürt wird, dass sogar jedwede Logik dran glauben muss und zudem am Ende, durch die menschliche Genugtuung in den letzten fünf Minuten, auch noch das Gerüst aus bitteren Emotionen zusammenbricht wie ein Kartenhaus. Somit bleibt unterm Strich dann doch "nur" ein (lange Zeit) sehr guter Film übrig, welcher ohne sein Ende das Zeug zu einem wirklich herausragenden und wirklich mutigen Werk gehabt hätte. Schade, kann man da nur sagen...
Wertung: 8/10 Punkte