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Der Untergang des amerikanischen Imperiums schildert in etwas mehr als 90 Minuten das ganze Portfolio der Liebe, ihre Folgen und alles, was damit verbunden ist. Dabei geht es um 2 Gesellschaftsgruppen, die unabhängig voneinander den ganzen Tag über Liebe und den damit verbundenen Sex philosophieren, um den Abend dann gemeinsam in einem Landhaus zu verbringen und dort die ein oder andere unangenehme Überraschung zu erleben.

4 Männer, 4 Frauen sind es, die ihre Erfahrungen, Erlebnisse, aber auch Geheimnisse jeweils innerhalb des Geschlechtes untereinander austauschen. Lustigerweise sind die Männer die ganze Zeit im Haus zu sehen, wie sie sich ihre Zeit während den Unterhaltungen mit Hausarbeit und Kochen vertreiben, wohingegen das vermeintlich schwache Geschlecht sich im Fitness-Studio befindet und dort über Liebe und Sex sinniert.

Hierbei fällt jedoch schnell auf, dass in Der Untergang des amerikanischen Imperiums Liebe und Sex nicht unbedingt als zwei verschiedene Dinge betrachtet werden, sondern, wie einer der Männer im Film interessanterweise feststellt, als ein und das Selbe. Denn Liebe ist für ihn nur dann Liebe, wenn er auch eine Errektion bekommt. Was für ihn wiederum eine Rechtfertigung ist, mit anderen Frauen zu schlafen, denn ist er einmal errigiert, empfindet er auch etwas für das andere Wesen. Somit ist das eine Art Notlüge oder Gewissensreinigung, die man aber nicht sonderlich ernst nehmen kann.

Die Protagonisten kommen allesamt aus einer elitäreren Gesellschaftsschicht, sind sie doch alle Dozenten oder Fastdozenten an einer Universität, von denen auch schon mal der ein oder andere ein Buch verfasst hat. So ist es interessant, mit anzuhören, wie erwachsene Männer und Frauen über ihr Verhältnis zu ihren jeweiligen Ehepartnern denken und dass so ziemlich jeder eine Leiche im Keller hat, was die Liebe oder irgendwelche Sexpraktiken angeht. Was die Charaktere aber nicht wissen oder übersehen, der Zuschauer jedoch nicht, ist, dass genau diese schier endlosen Gespräche über dieses Thema in Wirklichkeit genau das Gegenteil darstellen. Umso mehr über die Liebe und ihre Facetten geredet wird, desto unwirklichher und unreeller ist sie in Wahrheit auch.

Es geht jedoch nicht ausschließlich direkt um Liebe und Sex, sondern ganz einfach auch um die fehlende Moral in der heutigen Gesellschaft. Auch wenn Denys Arcands Film mittlerweile auch schon 20 Jahre auf dem Buckel hat, er ist überraschend zeitlos und zeigt die Rücksichtslosigkeit der Menschen gegenüber dem Nächsten und deren nicht vorhandenen Gewissensbisse, aus welchem Grund auch immer. Da geht es eigentlich um die Liebe, und die Männer erzählen ihre Sexkapaden dermaßen amüsiert ihren Freunden, dass die Frauen einem fast leid tun könnten, wie ihre Ehemänner mit ihnen umspringen. Doch auch das weibliche Geschlecht plaudert im Fitness-Studio hemmungslos über sexuelle Erfahrungen und Stellungen, die man auch nicht nur mit seinem Ehepartner erlebt hat. Lustigerweise geschieht das auch hier so ungeheuerlich detailliert und offen, dass sich nicht nur die anderen, männlichen Fitness-Studio-Besucher schnell umschauen und noch ein Stück genauer lauschen.

Arcand lässt den Zuschauer also ziemlich lange Zeuge dieser Unterhaltungen sein, bis die Männer und Frauen dann endlich doch zusammen in diesem Landhaus beisammen sitzen, als dann auch plötzlich ein Fremder auftaucht, der nicht zu dieser Clique gehört und sich als Liebhaber einer der Frauen erweist. Dieser Fremde, der im Laufe des Tages die Gespräche der Männer mitgehört hat, gibt nun unverhofft das ein oder andere Geheimnis preis und die Lage scheint zu eskalieren. Als dann auch noch andere intime Getändnisse der Beteiligten folgen, bröckelt manche Fassade der tollen Ehe und stellt selbige vor größere Probleme. Denn umso mehr man liebt, desto weniger redet man auch darüber. Diese These vertritt Arcand und irgendwie gibt man ihm auch Recht.

Was ist Liebe ? Was ist Sex ? Oder ist es das ein und dasselbe ? Diese Fragen stellt der Film und zeigt dem Zuschauer, wie existentiell für die Protagonisten die körperliche Liebe ist. Um richtige Gefühle geht es hier kaum. Als sich einer der Dozenten sich bei einer jungen Studentin eine Ganzkörpermassage geben lässt und diese ihn befriedigt, hört man, wie der Dozent nach seinem Höhepunkt erzählt, dass er sich in sie verliebt hätte. Sinnbildlich für diesen Film. Es wird hier wenig über richtige Liebe und den damit gefundenen Gefühlen gesprochen, sondern vielmehr über sexuelle Intimitäten, die nicht immer niveauvoll verlaufen.

Der Untergang des amerikanischen Imperiums stellt für mich einen sehr mutigen und außergewöhnlichen Film dar, weil er auf seine Art und Weise wirklich einzigartig ist und ausschließlich aus Dialogen besteht. Nackte Körper oder stöhnende Personen sieht man höchstens in den wenigen Rückblenden, die ab und zu die Erzählungen begleiten. Kein Unterhaltungsfilm, aber einer, der den Menschen und seine Auffassung von gewissen Dingen kritisiert und letztendlich auch zeigt, dass so etwas wie Moral leider viel zu wenig existiert, aber dies auch oft bestraft wird. Wie die vielen Tränen am Ende äußerst eindrucksvoll beweisen.

7,5/10 Punkte

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