Review

Der große Wurf 


Bertoluccis „Il Conformista“ ist ein zutiefst italienischer, zutiefst wütender und zugleich auch zutiefst intimer, verbitterter Blick auf den Faschismus, auf den Umgang mit diesem, auf den zweiten Weltkrieg, auf die Verarbeitung von Traumata und eine Schelte an alle, die sich nur wie Fähnchen im Wind positionieren, egal wer gerade an der Macht ist oder was gerade in der Welt vor sich geht. Unglaublich kraftvoll, unglaublich hübsch, unglaublich stolz. Ein großes Werk, ein unvergessliches Werk. Stolz und stickig. Wenn man bedenkt, dass Bertolucci zu diesem Zeitpunkt erst 30 Jahre auf der Uhr hatte, ist das nochmal beeindruckender und unglaublicher. Er positioniert sich allein mit diesem Werk im Kanon der Großen, irgendwo zwischen Visconti und Fellini, er schafft es mit Nachdruck von sich Reden zu machen und seine Themen ins Rückgrat des Zuschauers einzupflanzen. Unangenehm und prachtvoll. Es geht um einen italienischen Faschisten, der in seiner Jugend im ersten Weltkrieg ein Trauma erlebt hat und der nun zwanzig Jahre später in Paris einen Anti-Faschisten und Professor aufspüren, verraten und umbringen soll... 

Ähnlich wie andere Monolithen ihres Genres, ihrer Zeit, der Filmkunst allgemein, ich denke da etwa an „2001“, „Heavens Gate“ oder „Marketa Lazarova“, ist auch „Il Conformista“ keine einfache Kost, kein Film zum schauen, wenn man nicht ganz bei der Sache, müde oder filmisch noch zu unerfahren ist. Bertoluccis in sich ruhender Eckpfeiler des italienischen Kinos ist persönlich wie national, zeitlos sowie ein intensives Zeitdokument. Nicht immer auf Anhieb verständlich, aber nachhaltig verstörend. Der gefühlvolle Score erinnert mich nicht nur immer an „Der Pate“, er agiert auch in derselben Liga. Zudem spielen die Darsteller fabelhaft, Bertolucci ist spürbar auf dem Zenit seiner kreativen Potenz und optisch bleibt einem schlicht die Spucke weg. Jedes Bild ein Treffer, jede Einstellung zum Einrahmen bereit. Doch das unwohle Gefühl am Ende, ein pulsierende Mixtur aus Traurigkeit, Ratlosigkeit, Wut und noch so viele mehr, ist das, was noch eher bleibt als all die technische Raffinesse. „Il Conformista“ liegt näher an französischen Meisterwerken wie „Le Samurai“ oder „Army of Shadows“, doch könnte kaum italienischer sein. Und ist natürlich auch für uns Deutsche von Bedeutung und Gewicht. In der Totalen sicher eines dieser massiven filmischen Bauwerke, die bestehen werden, bis der letzte Mensch seinen letzten Atemzug macht. Pflichtprogramm für jeden Cineasten und eine komplette Lehrstunde für heutige Filmemacher, Kinofans und Autorenfilmer. Liegt schief und unverdaulich im Magen wie eine auf einmal heruntergewürgte Kaugummipackung. Lehrreich und leidenschaftlich unterkühlt. 

Fazit: dekadent, delikat, dicht, deliziös, deliriös. „Il Conformista“ ist Bertoluccis blaue Stunde und ein hypnotisierendes Meisterwerk für alle Tage. Bleibend und schockierend schön. Vor allem audiovisuell einer der dicksten Brocken und insgesamt eine krachende Abrechnung mit dem (italienischen) Faschismus. Majestätisch und mysteriös! 

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