Review

"Die meisten Menschen geben leider nicht gern zu, dass sie nen Fehler gemacht haben."

Bereits als Kinder brechen die Geschwister Kenny Waters (Sam Rockwell) und Betty Anne (Hilary Swank) immer wieder in Nachbarhäuser ein. Allerdings nicht um etwas zu stehlen, sondern um zumindest für kurze Zeit den lästigen Umständen des Lebens in der unteren Schicht zu entfliehen. Nicht immer gelingt ihnen dies unbemerkt und so gerät insbesonders Raufbold Kenny schon recht früh ins Visier der Ordnungshüter.
Jahre später wird die Bewohnerin eines jener von Kenny besuchten Häuser tot aufgefunden. Ermittlerin Nancy Taylor (Melissa Leo) verdächtigt den mittlerweile jungen Familienvater, kann ihm zunächst aber nichts nachweisen. Drei Jahre später wird Kenny jedoch aufgrund neuer, belastender Zeugenaussagen zu lebenslanger Haft verurteilt. Nachdem er im Gefängnis einen Selbstmordversuch begeht, verspricht ihm seine tief verbundene Schwester Betty Anne Jura zu studieren und ihn als Anwältin zu vertreten. Die engagierte Frau hat aber weder einen Job, noch einen Schulabschluss. Stattdessen zwei Kinder und einen Mann, der sie in ihrem Vorhaben nicht unterstützen will. Trotz der Umstände kämpft sich Betty Anne durch die langwierigen Mühlen der Justiz. Erst 18 Jahre später erhält sie die Chance die Unschuld ihres Bruders aufgrund neuer technischer Möglichkeiten zu beweisen.

Das Drama "Betty Anne Waters" beruht auf einer wahren Begebenheit. Unermüdlich kämpfte die titelgebende Frau und Mutter in den 80ern und 90ern um die Freilassung ihres Bruders Kenny, der aufgrund von unlauter angeschafften Zeugenaussagen für einen Mord in Massachusetts verurteilt wurde. Regisseur Tony Goldwyn ("Der letzte Kuss") erzählt hier kein klassisches Gerichtsdrama, sondern die Geschichte einer Frau und ihrer kriminalistischen Recherche. Dabei springt er unvorhersehbar in 3 verschiedenen Dekaden hin und her und erzählt die eigentlich melodramatische Geschichte in einer enorm geglätteten Variante.

"Betty Anne Waters" verläuft ohne großartige Überraschungen oder ernstzunehmende Hürden, so scheint es. Die Konflikte, die eine solche langjährige Aufopferung mit sich bringt, werden nur am Rande behandelt. Das Scheitern der Ehe der Protagonistin wird mit der singulären Szene einer Auseinandersetzung bedient, das Entfremden der Söhne mit dem schon vielfach bemühten Bild eines Elternteils, das ob seinen anderen Verpflichtungen seine Kinder vergisst. Trotz Frustration sind die beiden Jungs jedoch stets verständnisvoll und stellen sich, zwecks der höheren Sache, für die es sich gemeinsam einzusetzen gilt, brav hinten an. Wo vorher weniger mehr war, fehlt es hier und dort nun an Reibungen und damit auch an einer starken emotionalen Bindung an die Figuren.
Dabei beginnt das Beziehungs- und Justizdrama zunächst vielversprechend und setzt auf ein sozial benachteiligtes Milieu sowie den kleinen Mechanismen der Ausgrenzung im Rechtssystem. Es erzählt zu Beginn wuchtig und beklemmend die unaufhaltsame Demontage der Familie und der Verbundenheit der Hauptfiguren. Wo am Anfang noch zweckmäßig auf die Tränendrüse gedrückt wird, fehlt dieser Aspekt später völligst und somit auch die emotionale Kraft.

Größtenteils kommt der Film ohne Kitsch und Klischees zurecht und wirkt somit realitätsnah. Dennoch schafft er es nicht seine Figuren aus einer eindimensionalen Schablone heraus zu lösen. Zu geschönt und geglättet ist die Handlung, obwohl die Anstrengungen physisch sichtbare Veränderungen aller Personen, außer Betty Anne selbst, nach sich ziehen. Die Folgen des Justizskandal werden nicht thematisiert. Ebensowenig das Schicksal von Kenny Waters, der nur sechs Monate nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde starb. "Betty Anne Waters" fällt dadurch nicht derart kompromisslos aus, wie er hätte sein können.

Holprig ist auch die Erzählweise, die zwischen drei zeitlichen Ebenen pendelt. Zwar sind die vielen Rückblenden hilfreich für das Verständnis und das Einfühlungsvermögen. Ohne Texttafeln wirken diese abrupten Sprünge allerdings eher wie ein Puzzle, dass zunächst mühsam zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden muss.

Neben einer gewohnt guten Hilary Swank ("Million Dollar Baby", "The Reaping"), sind es vor allem die Nebendarsteller, die diesen Film tragen. Besonders Sam Rockwell ("Moon", "Frost/Nixon") stellt hier seine Vielseitigkeit unter Beweis. Seine übersichtliche visuelle Präsenz hat er stets im Griff und er schafft es, seine jähzornige Tragikfigur ebenso sympathisch wie verzweifelt zu präsentieren. Souverän geben sich Melissa Leo ("The Fighter"), Minnie Driver ("Good Will Hunting") und Peter Gallagher ("Burlesque") in weiteren handlungstragenden Nebenrollen.

Im Endeffekt lassen vor allem die Schauspieler, die Schwächen von "Betty Anne Waters" zumindest zeitweise vergessen. Mehr Mut, Kreativität und vor allem Vollständigkeit hätte die Geschichte um den jahrelangen Kampf um Gerechtigkeit und Selbstaufgabe verdient. Nur zu Beginn baut der Film melodramatische Ansätze auf, verlässt dann aber seine starke Ausgangssituation und präsentiert einen glatt gebügelten amerikanischen Traum, dem es an emotionaler Wucht fehlt. Die plötzlichen Handlungs- und Zeitsprünge sind für das Drama ebenso sperrig wie die eindimensionalen Figuren.

6 / 10

Details
Ähnliche Filme