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Kichiku dai enkai beginnt harmlos und banal, fast langweilig. Eine linksradikale Gruppierung vertreibt sich die Zeit. Wir beobachten die Handvoll Studenten, teilen etwas Zeit mit ihnen, lernen sie ein wenig kennen. Wir sehen zu, wie sie ambitionslos rumhängen und halbherzig musizieren, wie sie essen und Sex haben. Alltägliche Dinge, wenig bis gar nicht interessant. Dazu kommt das behäbige, nüchterne Erzähltempo, welches das Publikum langsam aber stetig einlullt. Der Ton untereinander ist meist höflich, von Respekt und Gehorsamkeit geprägt. Das Wort des Chefs ist Gesetz und wird befolgt, ohne es zu hinterfragen. Der Chef, Aizawa (Yuji Hashimoto), sitzt allerdings im Gefängnis, weshalb seine Freundin Masami (Sumiko Mikami) das Sagen hat. Die hält es mit der Treue nicht so genau und betrügt den Inhaftierten mit Yamane (Tomohiro Zaizen), der unzufrieden ist, weil Masami die Geschäfte leitet und nicht er. Die anderen der Gruppe, wie Okazaki (Shunsuke Sawada), Kumagaya (Shigeru Bokuda) und Sugihara (Toshiyuki Sugihara), sind mehr oder weniger Mitläufer, die das Denken lieber anderen überlassen. Und dann ist da noch Fujiwara (Kentaro Ogiso), der Neue, der bis vor kurzem mit Aizawa im Gefängnis saß und sich nun den jungen Leuten angeschlossen hat.

Kurz vor seiner Entlassung nimmt sich Aizawa im Gefängnis das Leben. Die sechs Männer und die einzige Frau nehmen das stoisch, scheinbar uninteressiert zur Kenntnis. Der unerwartete Selbstmord ist jedenfalls kein Grund, nicht so weiterzumachen wie bisher. Lediglich Yamane strebt nach Höherem, will sich zum Chef aufschwingen und schreckt auch nicht davor zurück, Masami zu verraten. Ihr Coup geht zwar schief, doch Masami und ihre Begleiter können entkommen, werden dabei jedoch zu Mördern. Yamane staunt jedenfalls nicht schlecht, als die vermeintlich aus dem Weg geräumten plötzlich zurückkehren. Diese sind über Yamanes Intrige alles andere als erfreut und verleihen ihrem Unmut mit Schlägen und Tritten Ausdruck. Nach der Abreibung meint einer der Männer: "Masami, let's take him to the mountains and get rid of him." Die überlegt kurz und erwidert dann: "Not a bad idea... Let's go." Und so macht sich die siebenköpfige Gruppe auf den Weg in die Berge, zu einem einsamen, ungestörten Plätzchen im Wald. Dort angekommen, eskaliert die Situation völlig. Man steigert sich in einen wahnsinnigen Blutrausch, beginnt sich gegenseitig zu zerfleischen, bis die losgetretene Gewaltlawine nicht mehr zu stoppen ist, über die Menschen hinwegschwappt und alle mit ins Verderben reißt.

Selten waren gern verwendete Phrasen wie "ein Film wie ein Schlag in die Magengrube" oder "fühlt sich an wie ein Tritt in die Weichteile" so zutreffend wie bei Kazuyoshi Kumakiris Debütwerk Kichiku dai enkai. Die Ahnung, daß etwas Schreckliches geschehen wird, liegt von Anfang an in der Luft, obwohl lange Zeit nichts Besonderes passiert. Doch Kumakiris dichte Inszenierung sorgt für ein gewisses Unbehagen, das man eigentlich an nichts Konkretem festmachen kann, eine unterschwellige Spannung, die sich mehr und mehr auflädt, bis sie schließlich explodiert. Wieso es zu diesem unfaßbar bestialischen Blutbad kommt, wird nicht erklärt. Ist es der blinde Gehorsam, der die Männer dazu treibt, einer offensichtlich wahnsinnig gewordenen Anführerin zu folgen und einen Freund zu bestrafen, auch wenn diese Bestrafung Kastration bedeutet? Ist es die Gruppendynamik, die sich hochschaukelt und alle veranlaßt mitzumachen, aus Angst, sonst ihr Gesicht zu verlieren? Ist es der aufgestaute Frust über ihre perspektivlose Existenz, der sich auf diese gräßliche Art und Weise entlädt? Bricht das in ihnen schlummernde Biest unaufhaltsam hervor, nachdem es einmal Blut geleckt hat? Oder sorgt die fatale Mischung aus Gefühllosigkeit und Verrohung dafür, daß es keinen Unterschied mehr macht, ob sie jetzt essen, ficken oder töten?

Daß Kichiku dai enkai stark an das nihilistische Genrekino der 1970er-Jahre erinnert, hat zwei Gründe. Erstens basiert der Film auf einer Begebenheit, die sich in Japan in den Siebzigern tatsächlich zugetragen hat, und zweitens ist Autor/Regisseur Kazuyoshi Kumakiri ein großer Fan von Tobe Hoopers Meisterwerk The Texas Chain Saw Massacre (1974), und er wollte mit Kichiku dai enkai eine ähnlich intensive, wahnsinnsgetränkte Stimmung erzeugen und versuchen, die Zuschauer mit seiner Schilderung der Ereignisse aus dem Gleichgewicht zu bringen. Das ist ihm definitiv gelungen, wobei ich während des Ansehens einige Male an einen anderen Streifen denken mußte, nämlich an Wes Cravens The Last House on the Left (1972). "The Road Leads to Nowhere" sang der 2011 verstorbene David Hess dort so schön treffend; Worte, die einem auch bei Kichiku dai enkai oft in den Sinn kommen. Im Vergleich zu den Filmen aus den Siebzigern ist Kumakiris Werk ungleich graphischer. Daß die heftigen Gewalteruptionen beim Publikum eine beträchtliche Wirkung erzielen, obwohl man für keinen der Figuren etwas empfindet, ist auf die geschickte Strukturierung und Inszenierung des am 1. September 1974 geborenen Japaners zurückzuführen. Die Figuren mögen einem egal sein, aber deren Handeln, Leiden und Sterben brennt sich trotzdem förmlich ins Gehirn ein.

Kumakiri inszeniert diese zappendustere Reise ins Verderben humorlos, wuchtig und kompromißlos. Keine Fünkchen Humor, keine falschen Hoffnungsschimmer trüben das sich anbahnende Grauen, die unvermittelten Gewaltausbrüche schmerzen ob ihrer expliziten Direktheit, und geschont wird nichts und niemand, weder die dem Untergang geweihten Figuren, noch die Zuseher, die dem Blutbad aus sicherer Entfernung beiwohnen. Durch die dynamische Kameraführung, den spärlich aber effizient eingesetzten Score (wie z. B. peitschende Trommelschläge) und die konsequente Erzählweise entsteht ein Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Ist die schockierende Gewaltspirale erstmal in Gang gesetzt, läßt sie sich nicht mehr stoppen. Es gibt keinen Ausweg, es sei denn die Flucht in den Wahnsinn ist als solcher zu werten. Und so quittieren einige der Beteiligten die barbarischen Akte mit lautem Gelächter, obwohl nichts an dem Dargebotenen auch nur Ansatzweise lustig ist. Kumakiri drehte den Film über ein Jahr während seiner Studienzeit, aber mit beifallheischenden, es allen Recht machen wollenden oder prätentiösen Hochschularbeiten hat dieser Streifen rein gar nichts gemein. Kichiku dai enkai ist schonungsloses, nihilistisches Alptraumkino, eine schmerzhaft grimmige, unangenehm drastische Gewaltstudie, oder - um eine weitere Phrase zu bemühen - ein Film wie ein nagelbestücktes Holzbrett, das einem alle paar Minuten mit Wucht in die Fresse gedonnert wird.

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