"Vaterland" gehört ohne Zweifel zu den atmosphärischsten SF-Thrillern, die ich je gesehen bzw. gelesen habe. Seine einzigartige Faszination bezieht Christopher Menauls gut 100minütiger TV-Film (HBO) aus dem ihm zu Grunde liegenden "Was-wäre-wenn-Szenario", in welchem das Deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg 1944 im Westen siegreich zum Abschluss gebracht hat und seitdem die Herrschaft über Europa innehat. Nur weit im Osten am Ural leisten die Sowjets im Partisanenkampf immer noch erbitterten Widerstand und fügen der Wehrmacht Jahr für Jahr beträchtliche Verluste zu. Doch solche Informationen gelangen kaum an die Öffentlichkeit. 20 Jahre nach offiziellem Kriegsende steht 1964 der prunkvolle 75. Geburtstag Hitlers und damit einhergehend ein Gipfeltreffen mit US-Präsident Kennedy an, als eine mysteriöse Mordserie an "Alten Kämpfern" die vermeintliche NS-Idylle trübt. Kripo-Sturmbannführer Xaver März (Rutger Hauer) leitet Ermittlungen ein und fördert gemeinsam mit einer bildhübschen US-Journalistin (Miranda Richardson) Unglaubliches zu Tage...
An für sich präsentiert sich "Fatherland" als grundsätzlich konventioneller Kriminalfilm. Was dem eher günstig produzierten Streifen jedoch seine unbestreitbare Sehenswürdigkeit verleiht, ist das hoch interessante, mitunter beängstigent real wie minutiös umgesetzte geschichtliche Alternativszenario. Gerade der von den Kritikern gefeierte Roman besticht in dieser Hinsicht. Zwar straffte man für die TV-Verfilmung die Handlung der Robert Harris-Vorlage recht großzügig (und hielt sich in den letzten 30 Minuten nur noch sehr entfernt an die Roman-Vorlage), dennoch ist auch die Interpretation des US-Senders HBO absolut sehenswert. Mit Rutger Hauer konnte man darüberhinaus auch noch einen prominenten Schauspieler mit ins Boot holen, dem man seine SS-Rolle schon rein vom Äußerlichen her locker abnimmt. Eine erstklassige Wahl, die zudem durch eine überzeugende Leistung die doch eher schlichte, aber durchaus stimmungsvolle und glaubwürdige Inszenierung im Handumdrehen vergessen macht. Großartige Effekte sind hier auch garnicht von Nöten, denn allein der greise Adolf Hitler und das Vorfahren Kennedys in der von Albert Speer entworfenen Reichshauptstadt "Germania" sorgen für genügend Gänsehaut, um Langeweile garnicht erst aufkommen zu lassen. Hobby-Historiker freuen sich zudem über die zahlreichen authentischen Fragmente und Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, die in "Vaterland" eingeflossen sind. Wannsee-Konferenz, Albert Speers bisher nur vom Reißbrett bekannte Bauvorhaben und zahlreiche fiktiv fortgeschriebene Biographien prominenter NS-Größen seien hier beispielhaft genannt. Diese Genauigkeit gilt natürlich primär für die tolle Romanvorlage von Erfolgsautor Robert Harris. Doch für einen schlichten US-TV Film kann man mit dem Gebotenen ebenfalls recht zufrieden sein.
Fazit: "Fatherland" ist ein spannender, solide inszenierter und überzeugend gespielter Gänsehaut-Thriller, der nahezu vollkommen von seinem unheimlich-faszinierenden Alternativ-Szenario lebt. Da sieht man gerne über die grundsätzlich eher konventionelle Dramaturgie, einige kleinere Patzer (z. B. Franz statt Martin Luther) und die nicht übermäßig spektakuläre TV-Inszenierung hinweg. Schade bloß, dass sich die Macher des puren Effektes wegen (besonders was das Moralkeulen-Finale anbelangt) nicht enger an die Literaturvorlage gehalten haben.
Bisher wurde "Vaterland" leider nicht auf DVD veröffentlicht. Bis es soweit ist, empfehle ich wärmstens den etwa 350 Seiten starken Roman, der eine nochmals deutlich höhere Intensität bietet und zudem nicht mit einigen zweifelsohne dem TV-Markt geschuldeten Kompromissen in der Handlungsgestaltung leben muss.
Was der Roman bietet:
- noch mehr Ermittlungsarbeit und komplexere Abläufe
- eine weitaus präsentere und brutalere Bedrohung der Protagonisten durch die Gestapo
- ein im Film komplett weggefallenes Schweiz-Intermezzo
- Eheprobleme des Protagonisten und Liebesbeziehung zur amerikanischen Journalistin
- ein deutlich anders verlaufendes Treffen mit Martin Luther
- zitierte Originaldokumente mit Schauerfaktor
- ein wesentlich besseres, ruhiges Ende in der totenstillen polnischen Provinz