Review

"Not even great poems pay gambling debts!" Diese Worte gröhlt einer der Kumpane Poes, als dieser - ihm eine größere Summe schuldend - eines jener Gedichte überreicht, von denen er sich Berühmtheit & Reichtum verspricht. Dass mit großer Kunst nicht automatisch auch ein Blumentopf zu gewinnen ist, war vor allem auch eine im klassischen Hollywood-Film - in dem gerade die großen Prestige-Projekte eher die Produkte von Produzenten, weniger die Produkte von Regisseuren waren - populäre Erkenntnis; vielleicht liegt es daran, dass "The Loves of Edgar Allan Poe" ein etwas unambitioniertes Schmalspur-Biopic geworden ist: In einer Zeit, in der sich Hollywood's Biopics vor allem großen Feldherren, Politikern, Gangstern, Eroberern, Entdeckern, Erfindern und Wissenschaftlern (also jenen, mit deren Schaffen sich durchaus Blumentöpfe gewinnen ließen) widmeten, musste vielleicht der Umstand, dass man sich überhaupt mal wieder einem Literaten widmete, als filmisches Denkmal, als Ehrerbietung (und vielleicht auch als kleiner Hinweis der Studios auf die eigene Kunstbeflissenheit) genügen[1] - pompöser Aufwand, gewagte Formen und Überlänge wären da wohl zuviel des Guten gewesen.[2] "The Loves of Edgar Allan Poe" ist leider ein 'kleiner' Film geworden: verschenkte, durchaus gute Darsteller unter einer bloß routinierten Regie, die sich - bei beinahe fortwährend laufender, schmalzig-pathetischer Nonstop-Kitsch-Musikbegleitung - an einem ausgesprochen mäßigen und von drei (nicht unbedingt schlechten) Autoren verfassten Drehbuch abmüht, welches ein interessantes Leben auf eine knappe Stunde zusammenkürzt.

Die größte Enttäuschung bei der Erstsichtung dieses Films mag daraus resultieren, dass man heutzutage - da Poes Werk gerne auf seine Morbidität, Poes Leben auf seinen Alkoholismus reduziert wird, während filmische Annäherungen sich bis heute an den maßgebenden Corman-Verfilmungen und deren Gothic Horror-Mentalität samt gramzerfurchten Helden messen lassen müssen und bis hin zu Coppola ("Twixt" (2011)) oder McTeigue ("The Raven" (2012)) mit solchen Erwartungen arbeiten - eine Collage aus Unglück, Trauer, Ängste, grüblerischer Melancholie und Fluchtversuchen in Alkohol & Spiel erwartet. Solch eine Erwartungshaltung wird nur an einer Stelle wirklich befriedigt: Zu Beginn - der immer wieder durch das Geschehen führende Off-Kommentator hat seinen ersten Monolog noch nicht beendet! - steigt ein neunjähriger Poe auf eine Anhöhe und steht dort für sich allein und aller Welt enthoben im fallenden Laub eines kargen Baumes vor bewölktem Himmel, die Haare vom starken Wind verweht, die Augen erst in die Ferne, dann auf einen stattlichen Raben gerichtet.[3] Was in diesem (noch jungen) Kopf umherspukt, wird einzig in dieser Szene angedeutet und bleibt ansonsten ebenso offen wie die grundsätzliche Frage nach dem konkreten Einfluss der Lebenserfahrungen auf das Werk des Schriftstellers: eine solch biographische Deutung des Werkes, die zwar immer auch angreifbar wäre, im Rahmen eines Biopics aber naheliegende Vorzüge aufweist, bleibt womöglich deshalb aus, weil Poe in "The Loves of Edgar Allan Poe" als naturbegabtes, lange verkanntes Genie präsentiert wird, das von Kindheit an für Höheres geschaffen zu sein scheint, dessen literarischen Ergüsse jedoch weder im Hinblick auf Inhalte, noch auf formale Qualitäten vorgestellt werden (sieht man davon ab, dass der früh im Film auftauchende Vogel später durch das berühmteste Gedicht des herangereiften Mannes flattern wird, welches dann - unglaubwürdiger geht es kaum! - bloß einen ebenfalls sehr jungen Knaben nachhaltig beeindruckt).
Was an Poe beachtlich ist, was seine Texte ausmacht, worum es in diesen Texten überhaupt geht, will der Film seinem Publikum nicht vermitteln; diesem Publikum, dem es für das Verständnis des Films im Grunde ganz gleichgültig sein kann, ob es Poes Schaffen teilweise, vollständig oder gar nicht kennt, wird eine auch im Sinne einer Biographie wenig erkenntnisfördernde Geschichte dargeboten, die in der kurzen Laufzeit Beginn und Ende von Poes Leben (und manch bedeutsame Phase dazwischen) ohnehin weitestgehend ausblendet und den Mittelteil auf einen Bruchteil bedeutsamer Beziehungen reduziert, die allesamt nur sehr oberflächlich angeschnitten werden. Somit ist "The Loves of Edgar Allan Poe" kein Film über sein Werk und ein nur sehr oberflächlicher Film über sein Leben; er ist - und der Titel ist da sehr ehrlich - in erster Linie ein Film über das Lieben, das sich diesem Film zufolge auf zwei Frauen und vor allem auf die Literatur ausrichtet. Obwohl die Poe betreuende Ziehmutter Frances Allan, die Jugendliebe Sarah Elmira Royster und seine Cousine und spätere Ehefrau Virgina Clemm zu den bedeutenderen Figuren des Films gehören, ist die Literatur jene große Liebschaft, die dem Film am wichtigsten ist: Von Frances Allan verwöhnt und ermutigt, vom Ziehvater John Allan, einem bodenständigen Kaufmann, für die kreativen Anwandlungen eher gerügt, entfaltet sich früh im Film ein Konflikt zwischen Kunst und Arbeit, zwischen Selbstentfaltung und Broterwerb, die später im Film in einer - viel zu kurz kommenden - Diskussion zwischen Poe und Charles Dickens über das Copyright kulminiert und zwischendurch mehrfach - etwa im eingangs zitierten Ausruf - angeschnitten wird. Die Liebesbeziehungen zu Elmira und Virginia, die in die Enttäuschung über die Eheschließung mit einem anderen Mann bzw. in den Tod infolge einer schweren Tuberkuloseerkrankung gipfeln, entbehren als unglücklich endende Liebesbeziehungen in ihrer melodramatischen Qualität jeder emotionalen Wucht: für diese love stories interessiert sich der Film nicht sonderlich. Allerdings führt er Elmira als jene Figur ein, der der junge Poe im Kindesalter seinen ersten im Film verfassten Text widmet und die er in einer späteren Szene - in der er erstmals als junger Erwachsener auftritt - als seine Muse in eine kleine Zeichnung umwandelt. Die Liebe zur Kunst speist sich aus der Liebe zur Geliebten, die Beziehung zwischen den Figuren ist nicht die traditionelle Beziehung zwischen Mann und Frau, sondern konkreter die traditionelle Beziehung zwischen Künstler und Muse; das Ende der Beziehung - dessen Zustandekommen der Film an späterer Stelle genauer durchleuchtet, dessen späteren Wiederherstellungsversuche Poes jedoch unberücksichtigt bleiben - gerät dem Film auf der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen nur zur kleinen Enttäuschung, dramaturgisch allerdings zu jenem Dreh- & Angelpunkt, an dem Poe das Haus der Zieheltern verlässt. Die Beziehung zu Virginia, der der Film etwas größere Aufmerksamkeit zukommen lässt, läuft ähnlich ab: Ihr widmet Poe gleich beim ersten Treffen sein "Tamerlane" (1827), ihre Zuversicht und Anteilnahme gibt ihm Kraft und Stärke bei seiner schöpferischen Tätigkeit, ihre kostspielige Krankheit lässt seine Bemühungen anwachsen und im Rahmen ihres Dahinsiechens schreibt Poe "The Raven" und bezeichnet sie als Ursache seines Schreibens.
Zwar erhält das - im Film nur beiläufig und unauffällig hervorgehobene - Leitmotiv vom Tod der schönen Frau, das Poe in seiner komplexesten Form sicherlich in "The Oval Portrait" (1842) verarbeitet, am Ende eine oberflächliche biographische Erklärung; dieser häufig behauptete Zusammenhang bleibt jedoch allenfalls ein Randelement, während die hingebungsvolle Liebe zur Literatur und zum Schreiben im Vordergrund steht. Das verkannte Naturtalent und seine verkennenden Mitmenschen, die brotlose Kunst und das Gesetz des Geldes bilden das Kernthema des Films; die - allenfalls vage angedeutete - Qualität der Texte Poes, die nur selten jemals zitiert werden und über deren Inhalte nahezu kein Wort verloren wird, thematisiert der Film an keiner Stelle und auch Poes arg verkürzte Biographie, die an vielen Stellen auf äußerst unbefriedigende Weise einzig und allein von einem Off-Kommentar vermittelt wird, ist im Grunde nur beliebiges Beiwerk, um ein Loblied auf die Hohe Kunst und die Liebe zur Kunst wider allen Gesetzen (des Geldes und des Arbeitslebens) zusammenzuzimmern, das angesichts der Konventionen und der Klischees und inmitten des zwangsläufig auf sofortigen wirtschaftlichen Erfolg ausgerichteten Mainstream-Genrefilms reichlich abgeschmackt wirkt. Und weil der Film in seiner unerhört kurzen Laufzeit ein ganzes Leben auf ein paar verbale Zusammenfassungen und einige wenige Episoden, in denen die Hast und die Eindimensionalität aller Charaktere überwiegen, runterbricht und seine Nebenfiguren geradezu ausbeutet, um Poes Liebe zur Literatur stimmiger in Szene zu setzen, anstatt das Publikum emotional involvierend zur Anteilnahme an ihren Leben zu verleiten, gerinnt der Film zum etwas faden Drama und in der New York Times urteilte man damals wenig wohlwollend, der Film sei "as an adult drama about one of America's most complex men of letters [...] no more than a postured and lifeless tableau", während man die Figur Poes zurecht als "a conventional movie genius" entlarvte. Diese Aspekte springen heute sicherlich noch schneller ins Auge als 1942; reizvoll mag eventuell der altmodische Charme erscheinen - oder der Umstand, dass dieser Film über einen der frühen Schriftsteller, der mit seinem Werk seinen Lebensunterhalt zu bestreiten dachte, mit seiner Copyright-Thematik einen (nicht weiter vertieften, aber immerhin) aktuellen Kern in sich birgt.
Kann man sich mit der wenig einfühlsamen Schilderung und der Naivität der Kunstverehrung anfreunden, bleiben ein paar ansehnliche matte paintings, eine recht hübsche Ausstattung, gute Darsteller, eine sorgfältige Kameraarbeit und ein, zwei Szenen, in denen all das anklingt, was man von einem Film über oder nach Poe spätestens seit Roger Corman erwartet. Poe-Fanatiker und Liebhaber des klassischen Hollywood-Films kommen sicherlich noch auf ihre Kosten; davon abgesehen ist der vorletzte Film von Harry Lachman, der unter anderem den Laurel & Hardy-Klassiker "Our Relations" (1936) und einige Teile der "Charley Chan"-Reihe inszenierte und 1942 noch "Dr. Renault's Secret" folgen ließ, nicht ganz zu Unrecht untergegangen - auch wenn es (nach D. W. Griffiths Kurzfilm "Edgar Allan Poe" (1909) und Charles Brabins "The Raven" (1915)) das erste Poe-Tonfilm-Biopic für die große Kinoleinwand ist (und bis heute kaum Nachfolger gefunden hat, sieht man von einigen TV-Arbeiten und zwei, drei Low Budget Produktionen seit der Jahrtausendwende ab).

5,5/10


1.) Zu nennen wären im Hinblick auf Schriftsteller-Biopics des klassischen Hollywood-Films der 30er & 40er Jahre sicherlich John Adolfis "Voltaire" (1933), Dieterles "The Life of Emile Zola" (1937) - die beide wegen der politischen Einflussnahme der porträtierten Persönlichkeiten nur begrenzt hinzugezählt werden sollten -, Sidney Franklins "The Barretts of Wimpole Street" (1934) über Elizabeth & Robert Browning, Alfred Santells "Jack London" (1943), Irving Rappers "The Adventures of Mark Twain" (1944) oder Curtis Bernharts "Devotion" (1946) über die Brontes. Mit Malern und Komponisten sieht das ganz ähnlich aus (wobei Komponisten bereits etwas häufiger Verwendung fanden), während die Filme über die Edisons, Curies, Pasteurs, Paul Ehrlichs, Oppenheimers, Alexander Graham Bells, Reuters, Rothschilds, Igor Gouzenkos, Edward Rickenbackers, Marco Polos, George Washington Carvers, Douglas Corrigans, Alexander Hamiltons, Robert Clives, Robert Lee Scotts, Al Schmids, Pancho Villas, G. A. Custers, Alvin C. Yorks, Lincolns, Woodrow Wilsons, Charles Louis Napoléon Bonapartes, Charles Stewart Parnells, Jeanne d'Arcs, Marie-Antoinettes, Caesars, Cleopatras, Dukes of Wellington, Kristinas von Schweden, Maria Stuarts, Elizabeth Tudors, Katharina, die Große und andere - selbst kleine! - Größen aus Politik oder Wissenschaft verbreiteter und meist prominenter besetzt auftraten. (Ganz zu schweigen natürlich von Wildwest-Legenden...)
2.) Das wird freilich an keiner Stelle thematisiert, dafür in schöner Regelmäßigkeit auf die Kunstbanausen des Figurenarsenals des Films projiziert: Da schulterzucken und stirnkräuseln ratlose Zuhörer, wenn Poe am Ende sein "The Raven" (1845) vorträgt (um dann doch etwas Geld für ihn zusammenzulegen), während einzig und allein ein kleiner Junge zutiefst bewegt ist - Klischees & Kitsch zuhauf.
3.) Später im Film wird Poe in einer nicht ganz unähnlichen Einstellung nach dem Tod Virginias am offenen Fenster zwischen im Wind wehenden Ästen stehen und in die Ferne starren, während Zeilen aus "Annabel Lee" (1849) zitiert werden: ein zweites und letztes Moment poescher Poesie im Film.

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