Review

"Aber unter ihrer Maske der Logik spüre ich Zerbrechlichkeit."

Nachdem Meisterdetektiv Sherlock Holmes (Robert Downey Jr.) und sein Partner Dr. Watson (Jude Law) den gefürchteten Lord Blackwood (Mark Strong) hinter Schloss und Riegel bringen, scheint die Serie um die Ermordung mehrerer Frauen beendet. Jedoch prophezeit der zum Tode verurteilte Serienkiller seine Widerauferstehung nach seinem Ende. Tatsächlich soll er recht behalten, denn schon nach kurzer Zeit ist Blackwood's Grabmal geöffnet und in seinem Sarg ein ganz anderer Toter. London droht in das Chaos zu versinken, falls diese Tatsache an die Öffentlichkeit gerät. Somit stellen Holmes und Watson neue Nachforschungen an. Parallel tritt Holmes' einstige Geliebte Irene Adler (Rachel McAdams) an den Detektiv heran, die mit dem Fall in Verbindung zu stehen scheint.

Die berühmte Figur des Sherlock Holmes hatte bereits mehrfach eine Präsenz auf der Leinwand. Kein Wunder, denn sie ist eine der bekanntesten literarischen Figuren überhaupt. Der Mythos des Detektivs aus der Baker Street ist gerade durch die Vorgehensweise bei Ermittlungen und der plausiblen Aufklärung von mysteriösen Fällen beim gemeinen Volk geliebt und gern gelesen. Diese Tatsache ist bis heute ungebrochen, allerdings hat es Hollywood für nötig gesehen dem Franchise eine Frischzellenkur zu unterziehen und Holmes agiler auftreten zu lassen.

Nicht nur beim Lösen von kniffligen Fällen macht Sherlock Holmes in gleichnamigem Film eine gute Figur, sondern auch im Kampf Mann gegen Mann. Scheinbar mühelos spielt Holmes mit seinen Gegnern im Faustkampfduell, umringt von einer aufgepeitschten Masse. Wer den Meisterdetektiv lediglich als überlegten Denker kennt, wird Sherlock Holmes in manchen Szenen überhaupt nicht mehr wiedererkennen. Dies ist zugegebenermaßen am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig.
Regisseur Guy Ritchie ("Snatch – Schweine und Diamanten") hält sich trotz einiger Anpassungen an ein modernes Gewand nah an der einstigen Figurenzeichnung des Autors Sir Arthur Conan Doyle, dem geistigen Erfinder der Sherlock Holmes Geschichten. In seinen Romanen zeichnet sich Holmes nicht nur durch ein logisch analytisches Denkvermögen aus, sondern auch als ein ausgezeichneter Boxer, wobei letzterer Fertigkeit in den Romanen weit weniger Aufmerksamkeit zuteil wird als es im Film der Fall ist.
Ebenso getreu der Buchvorlagen gestaltet sich seine fast schon leicht autistische Persönlichkeit, mitsamt sozial unangemessenem Verhalten und der Eigenheit, sich über Wochen in seinem dunklen Zimmer einzusperren.

So gesehen scheint sich die Modernisierung neben den erweiterten kämpferischen Fähigkeiten in Grenzen zu halten. Allerdings ist Guy Ritchie's Interpretation des Meisterdetektivs nahezu ein Superheld. In keiner Szene hat man das Gefühl, dass Sherlock Holmes wirklich in Bedrängnis kommt, bzw. ihm etwas zustoßen könnte. Dies gilt insbesondere in den Nahkämpfen, in denen die Figur erstmalig ihre Schläge und Tritte gedanklich (und in diesem Zuge in visueller Form) erstellt und in genau diesem Schema ausführt. Diese einleitenden Zusätze sind zwar ausgesprochen informativ, zerstören allerdings die Menschlichkeit des Charakters, da sämtliche Schläge so treffen wie geplant.
Auch der häufige verbale Schlagabtausch zwischen Holmes und seinem Freund Watson wirken eher überzeichnet als förderlich. So gipfeln diese öfters in einem Faustschlag von Watson in das Gesicht des Detektivs, der dies überraschend entspannt hinnimmt.

Allgemein ist "Sherlock Holmes" leichtfüßiger und harmloser als es von den Romanen wiedergegeben wird. Dafür sorgen der charmante Witz sowie pseudokomische Momente. Aber auch die Handlung nimmt dem Krimi einen Teil der Ernsthaftigkeit. Die Dramaturgie ist eine altbackene beinahe genretypische Erzählung eines einsamen Helden, der gegen die Mächte des Bösen eifert. Kaum eine nennbare Überraschung macht sich breit, wenn der Plot seine gängigen Wendepunkte abarbeitet.
Viele Rätsel werden in rascher Folge gelüftet und geraten in ihrer Auflösung ungemein simpel. Dadurch geht eine Menge der Magie um den Detektiv verloren, waren es doch häufig mysteriöse und unheimliche Vorgänge, die zwar einer logischen Auflösung unterlagen, in ihrer Ausführung aber clever gestaltet wurden. Ein Tribut des massentauglichen Mainstreamkinos.

Um ein paar erträgliche Längen kommt "Sherlock Holmes" nicht herum. Besonders im Mittelteil, wo Dialoge und Informationen Überhand nehmen. Für Abwechslung sorgen hier die eingestreuten Actionsequenzen. Besonders heraus sticht eine Sequenz, die in Zeitlupe mehrere Explosionen aneinanderreiht. Aber leider sind nicht alle actionreicheren Momente so detailliert und geradezu malerisch inszeniert. Besonders in Nahkampfszenen zerstört der schnelle, hektische Schnitt schon mal die Übersicht.
Zumindest optisch kann der Film meist von sich überzeugen. Das damalige London ist den Setdesignern und CGI-Animatoren ganz hervorragend gelungen, auch wenn es meist trist, dreckig und grau ist.

Robert Downey Jr. ("Iron Man") bietet in seiner exzentrischen Performance der titelgebenden Haupfigur eine unglaubliche Leinwandpräsenz und überschattet damit sämtliche anderen Darsteller, wobei das Duo, komplettiert durch Jude Law ("I Heart Huckabees", "A.I. - Künstliche Intelligenz"), unglaublich gut funktioniert.
Neben den beiden Hauptakteuren hat "Sherlock Holmes“ auch noch einiges an Frauenpower zu bieten. Rachel McAdams ("Red Eye") weist Downey Jr. als Meisterdiebin und Holmes‘ Ex mehr als nur einmal in seine Schranken. Eine kleine Enttäuschung auf Seiten der Schauspieler ist allein Mark Strong ("Der Sternwanderer"), der als Bösewicht zwar eine imposante Figur macht, aber nur selten in Erscheinung tritt und somit einzig eine Fußnote bleibt.

Das Reboot "Sherlock Holmes“ mag actionreich und witzig sein, für Sherlock Holmes Fans kann der Film aber zur Farce werden. Trotz der vielen Gemeinsamkeiten mit der Vorlage geht die Magie durch eine massentaugliche Inszenierung und zu einfach sowie zügig aufgelösten Rätseln schnell verloren. Letztlich fehlt es dem Krimi an Substanz und einer echten mysteriösen Note. Kurzweilig kann der Film aber durch seinen überzeugenden Hauptdarsteller unterhalten, auch wenn es den eingestreuten Actionszenen des Öfteren an Übersichtlichkeit mangelt. Knappe...

7 / 10

Details
Ähnliche Filme