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Jeder dürfte das Gefühl unstillbaren Hungers kennen, doch das ist im Grunde ein verbreiteter Trugschluss. Denn in unseren Breitengraden kann man höchstens freiwillig Fasten, was unter Umständen sogar einen erfreulichen Serotonin-Schub zufolge hat, bei nicht allzu hoher körperlicher Belastung jedoch auszuhalten ist.
Anders ist dies bei Nahrungsentzug, der über dreißig Tage andauert, wie dieser Psycho-Thriller eindringlich veranschaulicht.

Die Prämisse kennen wir: Fünf einander Fremde finden sich plötzlich in einem isolierten Raum wieder und fragen sich, wer sie mit welchem Motiv dort festhält.
In einer Art Höhle erwachen nacheinander Ärztin Jordan, der ehemalige Bauleiter Grant, der unberechenbare Kleinkriminelle Luke, die verängstigte Anna und der schüchterne Buchhalter Alex. In der kargen Umgebung finden sie Regentonnen und Blechtassen - und rund 50 Liter Wasser. Jemand will sie scheinbar zum Unfassbaren zwingen, denn kurz darauf findet die Gruppe ein Tranchiermesser…

Mal abgesehen von Pendants wie „Cube“ oder „Saw“ steht hier vor allem die Thematik im Vordergrund, die in „Überleben“ im Fokus stand: Um nicht zu verhungern, ist man gezwungen, rohes Menschenfleisch zu essen.
Zunächst weigern sich unsere fünf Probanten strikt, das Messer zum Einsatz zu bringen, - das geht rund drei Wochen so. Denn noch hatte jeder genügend Fettreserven im Körper, doch man kennt das: Bereits nach wenigen Tagen isst man Sachen, die man normalerweise rasch wieder erbrechen würde und nach einem Monat bilden Kakerlaken und andere Insekten noch das kleinste Übel.

Regisseur Steven Hentges konzentriert sich voll auf den Schauplatz und seine Protagonisten.
Vorgeschichten und Hintergründe werden lediglich mit kleinen Inserts visualisiert, doch ansonsten kann man der Dunkelheit, der klaustrophobischen Lage und dem stets anwachsendem Hungergefühl kaum entkommen.
Derweil verfolgt der Psychopath an seinen computergesteuerten Monitoren das Geschehen in der Höhle, während man versucht, eine Wand einzureißen und zwischendurch sogar mal Musik von oben wahrnimmt.
Der Druck wächst zusehends, denn das Hungergefühl löst Aggressionen und starke Stimmungsschwankungen auf, - mit dem anfänglichen Vertrauen und dem Zusammenhalt ist es rasch dahin.

Diese latente Beklemmung überträgt sich folgerichtig vermehrt auf den Zuschauer, der zwischen moralischen Bedenken und nachvollziehbaren Instinkten hin und her gerissen wird, als es zu kannibalistischen Aktionen kommt und sich lediglich eine Person widersetzt.
Der Stoff zermürbt, denn die Gefangenen können sich nicht sicher sein, ob die Uhr, welche dreißig Tage anzeigt, auch wirklich den Countdown für die Befreiung einläutet oder nur ein Ziel setzen soll, nicht gleich aufzugeben.
Dass der Initiator aufgrund eines einschneidenden Erlebnisses während der Kindheit komplett traumatisiert ist, leuchtet ein, ob das jedoch der Grund für seine fiese Aktion bilden kann, sei dahingestellt.

Der Streifen kommt aufgrund des kargen Schauplatzes mit geringem Budget aus, verlangt seinen Mimen jedoch einiges ab. Mal abgesehen von der hervorragenden Maske (lediglich Annas Möpse sind nach drei Wochen kein bisschen kleiner geworden) agieren die Darsteller durchweg glaubhaft und steuern einen hohen Anteil zur Authentizität bei, die besonders im letzten Drittel an den Nerven zerrt.
Denn fast gefährlicher als der lähmende Hunger ist das gegenseitige Misstrauen, welches Einzelne sogar fesseln lässt, um nicht böse überrascht zu werden.

Am Ende ist es fast schon eine Frage des guten Geschmacks, ob einem das Sujet zusagt, obgleich explizite Darstellungen außen vor bleiben.
Wer sich auf die prekäre Situation einstellt, wird währenddessen wahrscheinlich keine Chips anrühren, jedoch froh sein, es jederzeit zu können…
7 von 10

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