Das Genie hinter der enorm erfolgreichen Manga -und Anime-Serie One Piece, Eiichirô Oda, war diesmal höchstselbst entscheidend an der Entwicklung des zehnten Kinofilms der Reihe beteiligt. Das treibt die Erwartungen natürlich ganz schön nach oben. Vor allem nach den letzten beiden Filmen, die eigentlich nur einen bereits aus Manga/Anime bekannten Story-Arc auf Spielfilmlänge zusammenquetschten und damit im Grunde eher überflüssig waren, wurde es nun dringend Zeit, den Fans der Serie mit Strong World wieder etwas (Neues) zu bieten.
Bevor ich zum eigentlichen Film komme noch ein paar Sätze zur "Episode 0" betitelten OVA, die in knapp 20 Minuten die Vorgeschichte zum Kinofilm erzählt. Diese OVA ist UNBEDINGT sehenswert, nicht nur weil sie unter anderem von Shikis Flucht aus Impel Down erzählt, sondern vor allem auch deswegen, weil unzählige liebgewonnene Figuren einen kurzen Auftritt haben (z.B. Ace und Okta als Kleinkinder!), und es einfach nur Spaß macht, diese ganzen Typen mal wieder zu sehen... Leider enthält die an sich brilliante OVA zu Beginn einen ganz fetten Spoiler, der einem das Ende von Strong World schon etwas madig machen könnte.
Die bisherigen Filme hatten im Grunde alle eines gemeinsam: Sie erzählten eher eigenständige Geschichten die nicht nennenswert in das One Piece Universum integriert werden konnten oder wollten. Ich kann mich nur an einzige Stelle erinnern, die eine kurze Anspielung auf die Hauptserie machte, und zwar beim Film Karakuri-jô no meka kyôhei. Ruffy entdeckt in einer bemerkenswerten Szene, dass er seine Beine wie Pumpen benutzen kann, um damit seine Blutzirkulation zu beschleunigen. Die Vorstufe zu seiner Gear-Technik, die innerhalb der Serie für etliche spektakuläre Fights gesorgt hat und inzwischen gar nicht mehr wegzudenken wäre. Strong World vermittelt zwar ebenfalls ohne jeden Zweifel den Eindruck eines eigenständigen Films aber diesmal eingebettet in das höhere Prinzip der Mutterserie und nicht irgendwie nebenher schwimmend. Die Anspielungen sind zahlreich: Shikis Flucht aus Impel Down, Namis Armreif, den sie in der Serie von ihrer Schwester Nojiko bekommen hat oder auch das Auftauchen eines Ton-Dials. Sanji sagt an dieser Stelle (sinngemäß): "Oh, ein Ton-Dial!? Das heißt, sie müssen auch auf Sky Island gewesen sein." Das sind alles klare Referenzen zur Hauptgeschichte und bei weitem nicht alle, die bei Strong World vorkommen. Diese neuartige Verschmelzung von Movie und Serie wäre sicherlich kaum vorstellbar, wenn nicht Eiichirô Oda selbst für die Story verantwortlich gewesen wäre. Wem könnte man es sonst zutrauen, in dieses komplexe Gefüge einzugreifen und damit die Serie um einige Aspekte reicher zu machen und den eigentlichen Film durch die ganzen Verknüpfungen noch ein Stück aufzuwerten?
Strong World ist mit fast 2 Stunden Laufzeit nicht nur der bisher längste Kinofilm der Reihe sondern auch der erste, in dem Crew-Frischling Brook auftaucht. Der Film ist also zeitlich nach dem Thriller Bark-Arc einzuordnen. Die Geschichte selbst verspricht einiges. Wenn der Gegner "Golden Lion Shiki" heißt, der bekanntermaßen noch bevor Ruffy geboren wurde, scheinbar auf dem gleichen hohen Level wie Gol D. Roger und Whitebeard agierte, dann wartet auf die Strohhüte mal ein ganz dicker Brocken. Schon der Anfang ist spektakulär: Shiki attackiert das Marinehauptquartier, dann plözlich Szenenwechsel zu Ruffy. Dieser wird von einem Monstrum nach dem anderen durch eine dschungelähnliche Welt gehetzt, während nebenher die Filmcredits ablaufen. Was Ruffy hier zu suchen hat und wieso er alleine unterwegs ist, wird kurze Zeit später in einer Rückblende erklärt. Zwischen jeder Menge Action ist auch immer wieder Zeit genug für gut platzierte Gags. So vergeht die Zeit bis zum ersten dramatischen Höhepunkt ohne Leerlauf und ab der 75. Minute ist dann sowieso nonstop Action angesagt.
Von den Protagonisten der Strohhutcrew kann jeder in mindestens einer Szene glänzen, doch besonders hervorzuheben ist diesmal Nami, die den Drama-Anteil in Strong World fast allein schultern muss. Durch ausreichend Screen-Time kann sie einmal mehr mit Charaktereigenschaften wie Mut, Aufopferungsbereitschaft und Entschlossenheit überzeugen und ist damit wohl DIE Symphatieträgerin des Films. Was aber irgendwie gar nicht ging, waren die zwei dämlichen Sidekicks Shikis. Dr. Indigo mit seinen extrem nervigen Schuhen und der komische Gorilla-Typ sind einer Figur von Shikis Format eigentlich unwürdig. Und was war das eigentlich für ein idiotischer Tanz, ziemlich am Anfang des Films? Solche Entgleisungen, die ja auch hin und wieder in der Serie vorgekommen sind, können den Gesamteindruck aber deswegen kaum schmälern, zumal andere neue Charaktere, wie Elektro-Ente Biri und die kleine Xiao einen in diesem Sinne positiven Gegenpart bilden.
Wer am gewohnten One Piece -Zeichenstil grundsätzlich nichts auszusetzen hat, kann sich wie immer an den gelungenen Charakterdesigns erfreuen. Robin, ganz die Archäologin, wirkt durch eine Brille noch ein Stück seriöser und Nami stellt mal wieder ihre Vorliebe für äußerst knappe Klamotten unter Beweis. Absolutes Highlight: Das "Gruppen-Outfit" der Strohhüte zum Finalauftakt sorgt für einen dermaßen coolen Auftritt, dass man den Film schon allein wegen dieser Szene gesehen haben sollte. Auch die Animationsquälität ist auf hohem Niveau, was sich hauptsächlich in den zahlreichen und schnellen Actionsequenzen bemerkbar macht, aber besonders in Erinnerung werden wohl einige beeindruckende Attacken Shikis bleiben.
Der von mir erhoffte Überknaller ist Strong World am Ende nicht geworden. Die Fights waren einen Ticken zu kurz und hätten durchaus noch spektakulärer sein können. Dramatische Szenen hätten noch etwas mehr "Wucht" verdient, allerdings könnte der letzte Satz des Films, sofern man sich nochmal die Tragweite der vollständigen Botschaft des Ton-Dials vor Augen hält, durchaus für typisches One Piece Gänsehaut-Feeling sorgen. Auch hätte ich mir insgeheim eine echte Überraschung erhofft. Vielleicht etwas in der Art wie das Ende des sechsten Films, welches für OP-Verhältnisse extrem düster war und mir außerordentlich gut gefallen hat. Aber egal. Eiichirô Odas Handschrift ist Strong World trotzdem deutlich anzumerken. Dank Story-Verknüpfungen wird erstmalig erreicht, dass sich ein Film der Reihe mit eigenständiger Geschichte harmonisch in das Gesamtbild der Serie einfügt. Im Vergleich zu den anderen guten bis sehr guten One Piece Filmen, wirkt die ganze Geschichte etwas runder und ausgereifter, nicht nur durch die expliziten Verbindungen mit der Serie, sondern weil dem Ganzen einfach ein besseres Skript (wie von Oda zu erwarten) zugrunde liegt. So bleibt für mich immerhin festzuhalten: Strong World ist der bislang beste Film der Reihe, hohe Erwartungen hin oder her.