Nach seinen Dokumentarfilmen „Road to Guantanamo“ und „Die Schock-Strategie“ sowie Beiträgen zu TV-Serien drehte der britische Regisseur Mat Whitecross mit der Rock’n’Roll-Biographie „Sex & Drugs & Rock & Roll“ über den britischen Musiker Ian Dury im Jahre 2010 seinen ersten echten Spielfilm.
Ian Dury unternahm erste musikalische Gehversuche mit der Pubrock-Band „Kilburn and the High Roads“, bevor er Mitte der 1970er im Zuge der Punk-Explosion die Band „Ian Dury & The Blockheads“ gründete und mit ihr einige millionenfach verkaufte Hits wie das titelgebende „Sex and Drugs and Rock and Roll“ oder „Hit Me With Your Rhythm Stick“ verzeichnen konnte. Der durch die Folgen einer Kinderlähmung gehbehinderte Musiker inszenierte sich gern als augenzwinkernder Harlekin, der selbstironische Rock’n’Roll-Songs voller Wortwitz verfasste und mit seiner bluesig-dunklen Stimme inszenierte, aber auch sowohl wütende als auch sanfte Seiten seines Charakters zeigte und sich als Individualist im Musikgeschäft fernab gesellschaftlicher Normen und Koventionen zu behaupten versuchte. Whitecross‘ Film zeichnet die Zeit vom Ende seiner ersten Band bis zum Ende der „Blockheads“ nach, porträtiert Dury und sein Umfeld und bedient sich eines künstlerischen, entfesselten Stils.
Whitecross behandelt im Groben drei Themen: Durys Band, sein Verhältnis zu den Frauen (speziell zu seiner Ehefrau Betty (Olivia Williams, „The Sixth Sense“) und seiner Liebhaberin Denise (Naomie Harris, „Skyfall“)) sowie jenes zu seinem leiblichen Sohn. Er zeichnet das Bild eines leidenschaftlichen, umtriebigen Mannes, der den weltlichen Genüssen alles andere als abgeneigt ist, jedoch stets auch einen gewissen Weltschmerz wegzuspülen droht. Eines Mannes, der seine Ehe und Familie deutlich unterhalb der Musik priorisiert, seiner Vaterrolle nicht gerecht wird und letztlich dafür verantwortlich ist, dass seine Ehe zerbricht. Eines Mannes, der aber auch überaus liebesbedürftig ist zwischen Ehefrau und Geliebter hin und her pendelt, der seinen Sohn trotz allem aufrichtig liebt. Und eben eines Mannes, der aufgrund seiner Behinderung im Kindesalter traumatisiert wurde, der lernen musste, sich durchzubeißen – und dessen Sohn ein ähnliches Schicksal droht, bis er zumindest ein Stück weit Unterstützung seitens seines Vaters bzw. der Band erhält, jedoch vom verschüchterten Außenseiter ins andere Extrem umschlägt und zum „Too cool for school“-Schwänzer wird.
Um das unstete Leben dieses kreativen Kopfes zwischen Erfolgen und Misserfolgen zu visualisieren, greift Whitecross tief in die Trickkiste und erzeugt immer wieder surreale, originelle oder schlicht metaphorische Sequenzen, die vermutlich bewusst an Videoclip-Ästhetik erinnern. Dazu wird immer wieder die Musik Durys und seiner Band eingespielt, wird die häufig episodenhafte Handlung unterbrochen von musikalischen Ergüssen oder Monologen Durys. Dury selbst wird weder kritiklos als Opfer seiner Sozialisation, noch als von Gott und der Welt missverstandener Künstler, aber natürlich genauso wenig als verachtenswerter Soziopath dargestellt. Stattdessen entsteht ein differenziertes Bild, das zwar in gewissem Maße um Verständnis wirbt, meist aber lediglich quasi-dokumentarischen Charakter einnimmt, ohne dabei die Emotionalität des raubeinigen, kämpferischen, eigenbrötlerischen Durys aus den Augen zu verlieren – jedoch auch ohne, diese vorrangig beim Zuschauer zu schüren. Andy Serkis („Der Herr der Ringe“-Trilogie) geht überraschenderweise voll in seiner Rolle auf und vermittelt auf gefühlt täuschend authentische Weise einen Ian Dury, der theoretisch so oder ähnlich hätte sein können. Und das ist gleichzeitig auch der Punkt, der dazu führt, dass ich diesen Film zwar interessiert verfolgen konnte, inspiriert wurde und mich gut unterhalten wähnte, mir aber kein wirkliches Urteil erlauben kann: Ich weiß zu wenig über Dury und seine Biographie, als dass ich den tatsächlichen Wahrheitsgehalt dieses Films beurteilen, als dass ich die erfolgte Gewichtung des Films bewerten, als dass ich Serkis' schauspielerische Leistung am echten Ian Dury messen könnte. Möglicherweise ist es gar das Artifizielle, Interpretatorische und individuelle Kreative des Films, das zugunsten eines Drehbuchs an der Realität vorbeischießt und vielleicht dem echten Dury, der leider im Jahre 2000 verstarb, übel aufgestoßen hätte - in etwa so, als hätte man sich nicht primär für seine eigenen künstlerischen Visionen und Arbeiten interessiert, sondern sein Schicksal zum Anlass genommen, sich auf seinen Schultern selbst kreativ auszutoben und dabei biographischen Anspruch zu erheben. Gerade bei in ihren Ausdrucksformen radikalen und/oder eitlen Künstlern muss mit solchen Reaktionen andererseits immer gerechnet werden und Mr. Dury selbst dazu zu befragen ist leider nicht mehr möglich.
So bleibt als Option, sich angeregt durch diesen Film selbst näher mit seiner Person und seinem Schaffen auseinanderzusetzen. Um diesen Schritt zu erleichtern, wäre es indes hilfreich gewesen, hätte man eine Handvoll bedeutender Dury-Songs nicht nur an-, sondern inklusive Durys Bühnenperformance einmal komplett ausgespielt und gezeigt. Widmet man sich jedoch Durys Karriere, fällt schnell auf, dass er auch nach dem Ende der „Blockheads“ noch lange Zeit aktiv war, mit diversen Künstlern zusammenarbeite, weiter Songs aufnahm, Tourneen bestritt, sich gar als Schauspieler verdingte... Es gibt viel zu entdecken und unterm Strich halte ich „Sex & Drugs & Rock & Roll“ für einen weitestgehend respektvollen Umgang mit dem Gegenstand seines Interesses. Ruhe in Frieden, Ian.