Review
von Pyri
Flanellhemden-Epos unter Meth-Chefs
Kaum ein Film der letzten Jahre hat mich einerseits so positiv überrascht und blendend unterhalten wie "Winter's Bone", empfand ich andererseits aber auch so unheimlich unfreiwillig komisch - nein regelrecht lächerlich und eigentlich auch ziemlich beängstigend, soll das Gezeigte wirklich ernst gemeint gewesen sein: Sundance hat sich in den letzten Jahren dabei den wohl zweifelhaften Ruhm erarbeitet nur überaus gemäßigte Independent-Filme mit naturalistischem Touch zu pushen, und genau das habe ich mit "Winter's Bone" auch erwartet.
Jedoch irgendwie das glatte Gegenteil davon bekommen: "Winter's Bone" könnte vom Sozialkitsch und Betroffenheitsschund in meinen Augen nämlich kaum weiter entfernt sein, und ich halte ihn so auch für einen lupenreinen Genrefilm. Einen Neowestern, bei dem die Pferde nur gleich zu Beginn eingesperrt werden.
Dieses erstaunliche Vehikel für Jennifer Lawrence und einen Stellar Cast an Hollywood-Nobodies von US-Schauspielkapazundern, wie ich ihn so versammelt seit HBO's "Tell Me You Love Me" nicht mehr gesehen habe, ist wie "True Grit" nur ohne Marshal, dafür mit Drogenköchen statt Buttermilch: und wie jeder klassische Western eigentlich auch ein Gangsterfilm, bei dem alle zumindest weitschichtig verwandt sind und anders als in der Stadt eine verstreute Familie von Kriminellen bilden die kaum abzuschätzen ist. Mit eigenen "Regeln", Konventionen und moralischen Verpflichtungen. Das Inbreed-Stereotyp diverser Massaker grüßt so ebenfalls.
Strukturell weist dieses Leben dabei jede Menge sexistischer, aber asexueller Gewalt auf, soviel dass Eli Roth's Osteuropabild gegen dieses Amerika noch verblassen mag: ein Amerika von dem tatsächlich aus erster Hand erzählt wird? Nun, die einzige Hoffnung auf Ausweg bietet eine Verpflichtung beim Militär an, wo die minderjährige Filmheldin aber scheinbar auch eher nur routinemäßig vorstellig wird - denn zwischen herumstehenden Quads, lieb muhenden Kühen, jeder Menge süßer streunender Hunde und geschossenen Eichhörnchen scheint es so irgendwo trotz allem doch ein Leben zu geben das auch sie als Mutter wider Willen, für ihre Geschwister, nicht als so schlecht empfindet. So ist "Winter's Bone" mit seiner zurückhaltenden Ausstattung auch ein unvergleichlicher Hingucker für mich, und in seinen Farben sogar ziemlich pittoresk - ein über weite Strecken unwahrscheinlich hübscher Film: dazu gibt es ebenfalls Hausmusik, doch niemand scheint ein Mobiltelefon, einen Computer oder Fernseher zu verwenden. Letzteres fiel mir am meisten auf und macht den Film noch seltsamer als er ohnehin schon ist. Das heißt bleibt mir nur mehr die Hoffnung übrig das alles für ein einziges Klischee zu halten -
Rating 8.5