Review
von Alex Kiensch
Die ländliche Einöde irgendwo in den USA: Die 17-jährige Ree kümmert sich um ihre beiden kleinen Geschwister. Die Mutter ist psychisch krank, der Vater kriminell und immer auf der Flucht vor dem Gesetz. Eines Tages dann die Hiobsbotschaft: Als Sicherheit vor Gericht hat der Vater das Haus bei einer Kautionsfirma belastet - wenn er beim nächsten Gerichtstermin nicht erscheint, verliert die Familie alles. Auf ihrer verzweifelten Suche nach dem Verschollenen taucht Ree viel tiefer ins örtliche Verbrechermilieu, als ihr lieb sein kann...
Mit der Rolle der durchsetzungsstarken Redneck-Tochter Ree machte Jennifer Lawrence erstmals international auf sich aufmerksam, bevor sie durch Blockbuster-Rollen wie „Die Tribute von Panem" oder „American Hustle" endgültig zum Star avancierte. Von diesem folgenden Hollywood-Glamour ist hier noch rein gar nichts zu sehen: Mit verwuschelten Haaren und dezentem Make-up schlägt sie sich durch den Film, verleiht ihrer erstaunlichen Figur ebenso viel Kraft und wenn nötig Härte wie eine tiefe Verletzlichkeit und Unsicherheit, die alle ihre Handlungen unterwandert. Die permanente Überforderung einer Teenagerin, die quasi alleinerziehende Mutter und Pflegerin in Personalunion ist und von Gesellschaft, Nachbarn und Familie weitestgehend im Stich gelassen wird, ist ihr in jeder Filmminute ins Gesicht geschrieben. Gerne wird bei solchen Rollen ja von starken Frauen geredet - hier ist das nicht so leicht möglich: Ree tut, was nötig ist, um zu überleben und ihre Familie zu beschützen, selbst wenn sie sich damit in Gefahr bringt, aber der emotionale Preis, den sie für diesen übermenschlichen Kraftakt zahlen muss, ist durchgehend zu spüren. Ein wirklich starkes Porträt einer gerade in ihrer Alltäglichkeit und in ihren Schwächen faszinierenden Figur.
Auch das finstere Stimmungsbild eines ländlichen Amerika, das von den Errungenschaften der modernen globalisierten Welt weitestgehend abgeschnitten ist, fällt enorm dicht und intensiv aus. Eindrückliche Bilder von heruntergekommenen Farmen, klapprigen Autos, Armut, Kälte und Hunger - und hinter all dem gut versteckt illegale Aktivitäten wie Drogenhandel - erzeugen schnell eine düstere Atmosphäre der Ausweglosigkeit. Hinzu kommt die permanent angedrohte männliche Gewalt, der sich die reifende Hauptfigur ausgesetzt sieht. Hier herrscht das Gesetz des Stärkeren, und selbst Familienbande sind nicht immer Garant für Schutz und Sicherheit. Ein so niederschmetterndes Porträt zivilisatorischer Verlassenheit hat man wirklich selten aus Hollywood gesehen - und das mit so viel formaler Ruhe und Zurückhaltung, dass es umso intensiver wirkt.
Tatsächlich tragen die ruhige Kamera mit ihren langen Einstellungen und der auf ein Mindestmaß zurückgefahrene Score deutlich dazu bei, der Geschichte um Not, Verzweiflung und die notwendige Kraft für den ewigen Kampf ums Weitermachen eine so starke, fesselnde Färbung zu verleihen. Auch die Ausstattung überzeugt durchgehend - manche Hinterhofbilder erinnern beinahe an Schauplätze von Streifen á la „The Texas chainsaw massacre". Dass sich die örtliche Bevölkerung bei den Dreharbeiten zur Unterstützung bereit fand, ist angesichts dieses enorm pessimistischen Bildes kaum zu glauben.
Zugegeben, in der zweiten Hälfte zieht sich die Story ein klein wenig - die Armut an Oberflächenhandlung sorgt dann doch für den einen oder anderen durchhängenden Moment. Aber das wird durch das so starke wie krasse Finale wieder ausgeglichen, und die Darstellerleistungen aller Beteiligten bleiben durchgehend überzeugend und mitreißend. Wer sich für US-Arthouse-Werke begeistert, die intensive Einblicke in Lebensrealitäten bieten, wird an diesem Werk keinesfalls vorbeikommen.