Während essentielle Universal-Klassiker wie "The Mummy" oder "Dracula" bereits zu Remake-Ehren gekommen waren, fehlte eine zeitgemäße Neuinterpretation des Lon Chaney-Klassikers "The Wolf Man" (1941) noch. Joe Johnston ("Jumanji", "Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft") wurde schließlich, nach Reibereien zwischen dem ursprünglich engagierten Regisseur Mark Romanek ("One Our Photo") und dem Studio, damit beauftragt, das Remake zu drehen. Unterstützung erfuhr er dabei durch hochkaratige Schauspieler und eine versierte Crew (u.a. "Sieben"-Autor Andrew Kevin Walker für das Drehbuch und Danny Elfman für den Score).
Nach einem "klassischen" Werwolfsfilm habe ich mich lange gesehnt. Allzu lange wurden die Lykanthropen als bloße Stichwortgeber und eindimensionale Nebenfiguren mißbraucht (z.B. in den flachen "Underworld"-Filmen), für Komödienplots eingespannt ("Teen Wolf") oder in zwar charmanten, aber dennoch reichlich ungruseligen Trash- und B-Movies (so in den Paul Naschy-Filme oder Drive-In-Klassikern wie "I was a Teenage Werewolf") verramscht. In Universal´s erbärmlichem Monster-Kintopp "Van Helsing", der mit einem Overkill an CGI und Hektik jede Narration und Spannung im Keim erstickte, war der Werwolf dann endgültig zum knuffligen Faschings-Schreck mutiert. Die allesamt 1981 entstandenen, postmodernen Werwolfs-Interpretationen "An American Werewolf in London", "The Howling" und der unterschätzte, naturalistische "Wolfen" fügten der Ikonographie zwar neue Facetten hinzu, waren aber keine straighten Gruselfilme im konservativen Sinne. "An American Werewolf in London" und "The Howling" versteckten ihr Gruselpotential noch dazu unter dem Komödiengenre, leisteten allerdings enorme Pionierarbeit im Bereich der Special Effects. Beide Filme sind Meilensteine des Genres, als Gruselfilme funktionieren sie aber nur bedingt. Der Werwolf war nur noch als Lacher gut, ernst nehmen konnte, ja wollte man ihn nicht mehr. Mike Nichols´ "Wolf" (1994) mit Jack Nicholson benutzte den Mythos dann nur noch als Metapher für eine erschlaffte Libido, die mithilfe eines Wolfsbisses gestärkt werden kann. Als Horrorfilm funktionierte "Wolf" leider nicht. Ich wage zu behaupten, dass Hammer´s "Der Fluch von Siniestro" (1961) von Terence Fisher der letzte "echte" Gruselfilm war, der den klassischen Werwolf zum Sujet hatte.
Somit war die Vorfreude auf "Wolfman" anno 2010 enorm und letztendlich wurde ich auch nicht enttäuscht:
Die gegen Ende des 19.Jahrhunderts in England spielende Story bedient sich lediglich des Handlungsgerüsts von "The Wolf Man" , interpretiert die Geschichte aber weitestgehend neu. Benicio del Toro spielt Lawrence Talbot, der sich durch den Biss eines Werwolfs selbst in eine monströse Kreatur verwandelt. Sein Vater wird von Anthony Hopkins gespielt. Daneben glänzen Hugo Weaving als Inspector aus London, der der Kreatur ständig dicht auf den Fersen ist, und Emily Blunt ("Der Teufel trägt Prada") als Gwen, die sich im Laufe des Films immer mehr zu Lawrence hingezogen fühlt.
Das Schauspiel von Hopkins und Del Toro ist im besten Sinne als routiniert zu bezeichnen, theatralisches Overacting bleibt dem Zuschauer Gott sei Dank erspart. Blunt bleibt, obwohl ihre Figur für den Erlösungscharakter des Films enorm wichtig ist, ein wenig blass. Hugo Weaving´s Spiel hat mich am meisten überzeugt, leider hat er etwas zu wenig Screentime.
Der pompöse Score von Danny Elfman erinnert deutlich an "Bram Stoker´s Dracula" und kommt in manchen Szenen etwas übertrieben laut daher, kann aber insgesamt als, die wunderbar altmodische Atmosphäre unterstützend, gelungen bezeichnet werden. Das Setting (das kleine Dorf Talbot; der Landsitz der Familie; nebeldurchflutete Wälder) erinnert an die klassischen Hammer-Filme, aber auch ein wenig an Tim Burton´s "Sleepy Hollow" und schafft die perfekte Atmosphäre für einen Film, der sich so wunderbar altmodisch generieren will. Ein großes Lob an die Set-Designer, die, mit tatkräftiger Unterstützung von CGI-Bildern, auch ein zeitgenössisches London schufen, in welchem die größten Actionszenen des Films spielen. Die Kamera fängt wunderbar die wahrlich pittoresken und großen Bilder ein und verzichtet auf kopfschmerzverursachende Wackeleien, wie man sie in letzter Zeit leider nur allzu oft "erdulden" musste.
Für das Kreaturen-Make-Up verpflichtete man übrigens Rick Baker, also den Mann, der die Effektarbeit mit seiner Verwandlungsszene in "An American Werewolf in London" schlichtweg revolutionierte. Auf CGI-Effekte wollte man bei den Verwandlungsszenen zwar dennoch nicht verzichten, in Kombination mit Baker´s klassischer Effektarbeit geht das aber o.k. Überhaupt macht´s hier der Mix: Special und Visual Effects ergänzen sich hier weitestgehend überzeugend, nur manchmal gefallen die Ergebnisse der Computerspielereien nicht so recht: Der CGI-animierte Bär etwa weckt üble Erinnerungen an Stephen Sommer´s "Van Helsing"-Stumpfsinn. Aber sei´s drum, hätte schlimmer kommen können...
Die Narration ist ebenso wie die Dramaturgie sehr konventionell geraten. Die Spannung wird ganz klassisch aufgebaut, auf Plot-Mätzchen verzichtet der vollkommen stringent erzählte "Wolfman" gänzlich (dass dieses geradezu klassische Erzählkino in Zeiten von "Saw" und Konsorten schon fast eine Tugend darstellt, möchte ich dabei nicht unerwähnt lassen). Bis auf wenige Rückblenden, die das Trauma von Del Toro´s Charakter erklären, und eine leicht surreal inszenierte Vision, die Talbot´s innere Veränderungen nach dem Werwolfsbiss visualisieren, bleibt auch die Bildsprache stets verläßlich.
Der Plot modifiziert den Mythos des Originals nur rudimentär, so ist es hier ein Familienfluch, der nahezu alle Protagonisten letztendlich ins Verderben führt. Silberkugeln sind aber auch weiterhin die einzige tödliche Waffe, die einen Werwolf zur Strecke bringen kann und die Mutation erfolgt nur bei Vollmond. Letzteres sorgt dafür, dass der Film manchmal etwas sprunghaft wirkt, da sich die Erzählung nunmal v.a. auf die Szenen fokussiert, in denen Werwölfe in Aktion zu sehen sind.
Ganz grosses Kino bekommt man dann im Senatorium geboten, in das Talbot nach seinem ersten Massaker eingesperrt wird. Hier darf sich der Wolfsmann durch eine ganze Gruppe von Psychiatern metzeln und im Anschluss auf der Flucht über die Dächer von London hetzen, was Kino-Magie pur ist. Exzellent!
Dass der neue "Wolfman" im Gegensatz zu seinem Original ziemlich rabiat zur Sache geht, war ja schon im Vorfeld bekannt geworden. Und in der Tat: Splatterfans bekommen einiges geboten, seien es herausgerissene Extremitäten, auf dem Boden verstreute Eingeweide, blutige Bisse in diverse Hälser oder abgeschlagene Köpfe. Die FSK:16 ist da schon fast ein bißchen grenzwertig.
Wer also all diese (post-)modernen Horrorfilme Leid hat, macht mit "Wolfman" nichts verkehrt: Klassisches, wenn auch handwerklich mit modernen Mitteln inszeniertes, Erzählkino, im besten Sinne altmodischer Grusel, zwar wenig originell, dafür aber mit Liebe zum Sujet gemacht. Nicht perfekt, aber dennoch angenehm, so etwas mal wieder auf der grossen Leinwand gesehen haben zu dürfen!