Alle Jahre sind sie mal wieder im Kino zu sehen, die klassischen Monster, mit „Wolfman“ soll anno 2010 gar der ganz klassische Werwolfhorror von Universal wiederbelebt werden.
Ben Talbot (Simon Merrels) stolpert nächstens durchs Unterholz, irgendwas ist hinter ihm her – ein Werwolf, was sonst? Der tatzt ihn dann über den Haufen, was seinen Bruder Lawrence (Benicio Del Toro) dazu veranlasst das Familienanwesen aufzusuchen, dem er als Schauspieler eines Shakespeare-Ensembles so lange fern blieb. Das sieht nicht nur aus wie das, was sich Gothic Fiction in der Literatur immer ausmalte, sondern hat mit dem Topos der krisengebeulten Familie mit dunklem Geheimnis auch genau dessen Thema im Visier.
Lawrence bekommt dort angekommen erstmal waschechte Seagalallüren und will die Bestie kriegen, die seinen Bruder getötet hat. Der Werwolfmythos kursiert, trotzdem zieht man lieber rationale Lösungen wie einen wilden Bären oder einen irren Mörder in Betracht. Doch bei einem Überfall des Werwolfs auf ein Zigeunerlager, bei dem auch Lawrence anwesend ist, kann niemand, auch nicht der Londoner Inspektor Abberline (Hugo Weaving) bezweifeln, was hier vor sicht geht. Auch hier ein klassischer Topos, der Einbruch des Phantastischen in die Welt rational denkender Menschen.
Der Wolf knuspert Lawrence ein wenig an, kann aber verjagt werden. Doch Lawrence hat bald das klassische Lykantropen-Problem: Er wird bei Vollmond zu reißenden Bestie und begeht Taten, die er nicht begehen will…
„Wolfman“ will alles sein, klassisch und trotzdem modern, Drama und derber Horror – und damit setzt sich der Film ein wenig in die Nesseln, denn so recht will der Mischmasch nicht funktionieren. Am schlechtesten hat es der Dramapart getroffen, denn die Liebesgeschichte zwischen Lawrence und Gwen (Emily Blunt), die der Film immer wieder als elementar anpreist, bekommt kaum Screentime zugebilligt, man muss halt akzeptieren, dass die beiden sich ganz doll liebhaben, weil es eben ein Standard des Genres ist und fertig.
Apropos Standard: Klassisch sein ist schön und gut, bedeutet aber nicht, dass man jedes Klischee ironiefrei wieder aufkochen muss und jede Plotwendung dann mit dem Holzhammer ankündigen muss. Nur die Person, die den Werwolf liebt, kann ihn töten – wie endet der Film wohl? Lawrence’ Vater, Sir John (Anthony Hopkins), bittet den Sohnemann nicht bei Vollmond nach dem Vieh zu suchen – wer könnte bloß der Werwolf sein? Ist sowieso ersichtlich, da die restlichen Figuren allesamt fast nur Stichwortgeber sind, selbst Abberline und Gwen bleiben chronisch unterentwickelte Charaktere. Da hätte man von Andrew Kevin Walker, immerhin Autor von „Sieben“, „Sleepy Hollow“ und „8 MM“ mehr erwarten dürfen.
Joe Johnston war auch nicht unbedingt die gelungenste Wahl für den Regieposten, da der Mann mit der groben Kelle austeilt und wenig Sinn für leise Töne hat. Doch eines muss man ihm lassen: Darf er an sein Spezialgebiet heran, dann läuft „Wolfman“ zu Form auf. Herrlich atmosphärisch wabert der Nebel übers Land, stark sind die nächtlichen Jagdszenen des Werwolfs und wunderbar die Ironie, wenn er ein Wissenschaftler beweisen will, dass Lawrence bloß Wahnvorstellungen hat und ihn bei Vollmond einem Auditorium voller Kollegen präsentiert.
Kommt es dann zum Gemetzel, dann ist „Wolfman“ dem Splatterfilm näher als dem klassischen Grusel, es gibt Eingeweide und Blut galore, weshalb man sich über die 16er Freigabe wundern darf. Durchwachsen sind allerdings die Trickeffekte, die mal gut sind, mal nach PC-Spiel aussehen, und für ein Prestigeprojekt wie „Wolfman“ dann etwas zu wenig auf der Höhe der Zeit. Sicher, schlecht sieht anders aus, aber in den Zeiten von „Transformers“ und „Avatar“ darf man auch mal höhere Ansprüche an ein Großprojekt stellen.
Anthony Hopkins’ Sir John ist ein Destillat früherer Rollen, die Mischung aus Gentleman und harten Kerl (hier: Großwildjäger), aber mit gewohnt überzeugender Süffisanz überzeugt Hopkins auch hier. Benicio Del Toro dagegen hat Schwierigkeiten: In die Rolle eines britischen Adelssohns passt er als Puertoricaner eh nur so halb, aber auch sein Spiel wirkt oft zu aufgesetzt, zu gewollt auf abgewrackt getrimmt, auch wenn er immerhin mit Niveau scheitert. Soliden Support gibt es von Emily Blunt und Art Malik, wirklich groß ist Hugo Weaving als Gesetzeshüter.
Toll besetzt, stimmig inszeniert, aber unausgegoren zusammengemischt: Zwischen derbem Gemetzel und verkümmerten Dramamomenten fehlt „Wolfman“ eine klare Linie, sodass der Film weder als Grusel noch als Schockhorror so recht funktioniert – auch wenn die Schockeffekte dank überlauter Tonspur echt sitzen. Doch diese Highlights sind Momente, der Rest dagegen vorhersehbar und ohne rechten Schwung. Schade drum.