Es hätte eine Reise in die alte Zeit des Horrorfilms werden können, und in seinen besten Moment ist "Wolfman" wirklich ein Paradebeispiel für die Konvertierung klassischen Horrors in die Neuzeit - und doch verkommt die Neuverfilmung des 1941'er Originals oft zu einer überraschungslosen Fahrt durch alte Gefilde, unentschlossen, sein Potenzial konsequent zu nutzen und besonders gegen Ende zu sehr auf plakativen Gore-Horror aus. Da jubelt zwar der Freak, der mit "Saw" und "Hostel" aufgewachsen ist, doch ansonsten dürfte er in den dialoglastigen Passagen wiederum eifrig gelangweilt sein, während es beim Freund des subtilen Grauens genau andersrum aussieht.
Dabei übernimmt das Remake nur das Nötigste von seinem großen, schwarz-weißen Bruder. Die Charaktere werden merklich ausgebaut, angefangen von Larry Talbot als Theaterdarsteller bis hin zu dessen Vater Sir John, der im Original im Prinzip nur die erforderliche väterliche Nebenrolle inne hatte und hier vom ominösen alten Mann zum philosophierenden Gegenspieler mutiert. Die Liebe zu einem unschuldigen Mädchen wurde fast deckungsgleich übernommen, der Rolle der alten Zigeunerin wurde wieder (etwas übertrieben) viel Spielraum gelassen. Währendessen wird der Stock mit silbernem Wolfskopf hier penetrant ins Bild gehalten und bedeutungsschwanger auch in einer vormals geschnittenen Szene mit Max von Sydow eingeführt, ohne dass er jegliche Bedeutung wie im Original hätte, wo er als Mordinstrument gegen den Wolf diente.
Natürlich ist dann alles tricktechnisch auf relativ hohem Niveau gelöst, angefangen von der sehenswerten Verwandlung bis hin zum Wolf selbst, der hier über Dächer hüpft und in Nahaufnahme durch den Wald poltert. Schön ist es dann auch, dass der Wolf nicht nur mit dem Computer erstellt wurde, sondern auch mal wieder die Maskenbildner zum Einsatz kommen durften. Warum man allerdings einen stinknormalen Bären und einen Hirsch so überdeutlich und unrealistisch flüssig animieren musste bleibt die Frage des Abends. Leider verirrt sich das Werk auch sehr oft in wirklich sinnfreie Stilmittel, sei es nun die bescheuerte Traumsequenz von Larry im Irrenhaus oder die Geschichte vom unglaublich starken Wolfsjungen, der hier als Urheber herhalten muss und nicht viel mehr als ein billiger Gollum ist.
Benicio del Toro müht sich redlich ab, hier eine traurige Grimasse an den Tag zu legen, und erinnert unweigerlich an Lon Chaney Jr., dessen gequälter Gesichtsausdruck aber wesentlich glaubhafter rüberkam, eben weil man ihn auch im direkten Vergleich fröhlich und lachend erleben durfte. Del Toro schaut den ganzen Film über, als hätte er heftig Verstopfung. Generell spielt er den Larry nicht schlecht, aber andere Emotionen hätten der Figur wesentlich besser getan. Da ist es natürlich auch schade, dass Anthony Hopkins seinen Filmsohn penetrant an die Wand spielt. Hopkins tritt erstmal als harter, aber herzlicher Vater auf, wird dann zum gemeinen alten Mann und darf schlussendlich auch noch seine Lieblingsrolle karikatieren, so als hätte Regisseur Joe Johnston als Regieanweisung lediglich "Jetzt mach mal den Hannibal!" rausgehauen. Dementsprechend quatscht Hopkins plötzlich auf hohem Niveau, schlägt Sohnemann aus nicht wirklich plausiblen Gründen mit dem Stock und verkommt zur typisch bösen Figur ohne jede Lichtseite.
Zwischendurch gibts selbstredend ordentlich Metzelei. Da fliegen Arme und Köpfe ab, Blut klatscht gegen jede Wand, die braven Bürger werden regelrecht abgeschlachtet. Wie schon gesagt, der Gore-Fan schreit auf vor Freude, der normale Kinogänger fühlt sich aber wahrscheinlich verarscht von dieser übertrieben matschigen Gedärm-Party, die inmitten der schaurig-subtilen Szenen rüberkommt wie ein schreiendes, fröhliches Kind auf einem Friedhof. Da hilft dann auch der Endkampf zwischen Larry und seinem Vater nicht - ein Endgegner-Kampf, der wirklich nicht nötig gewesen wäre. Dadurch scheint sich der Film selbst als ziellos zu entlarven, wenn man den armen Hopkins hier zum Wolf macht und ihn binnen 5 Minuten sterben lässt, bevor es zum klassischen Ende kommt. Dass die Schlacht der animierten Bettvorleger im direkten Vergleich zu allen vorherigen Werwolfsszenen fast schon lächerlich-langweilig rüberkommt, gibt dem Film einen faden Beigeschmack von Jux und Dollerei.
Natürlich hat "Wolfman" seine sympathischen Höhepunkte, und generell ist der Film wesentlich angenehmer als 80% des sonstigen Horror-Outputs der letzten Jahre. Trotzdem kann sich der Film nach einem guten Start und schön atmosphärischen Landschaftsaufnahmen nicht entscheiden, ob er die subtile Bahn weiterfährt oder lieber zum Holzhammer greift und sämtlichen Schrecken allein durch Mord- und Todschlag präsentieren will.
Der Film macht Spaß, er hat solide Darsteller, er hat Anthony Hopkins - aber ihm fehlt Substanz. Lediglich einige schöne Gruselmomente und die dunkle, unheilvolle Szenerie retten den Film davor, unspektakuläre Durchschnittsware zu sein.
6/10