Review

"Wolfman" (USA 2010) ist der mit Abstand teuerste Werwolf-Film aller Zeiten. Die Universal besann sich auf ihre beliebte Grusel-Vergangenheit und machte ein Remake des ersten Werwolffilms "The Wolfman" aus dem Jahre 1941. Zum Glück für den erfahrenen Zuschauer ist es jedoch ein so freies Remake voller neuer Ideen, daß man von einem quasi ganz neuen Film sprechen kann.
Man stellte liebevoll alles zusammen, was das Herz des Werwolf-Fans begehren könnte: Verwandlungen, die der große Rick Baker (ja, der von American Werewolf) getrickst hat. Victorianische Atmosphäre im England 1891 mit Kutschen, alten Waffen und Kostümen, sowie einer starken Alt-London-Kulisse. Sehr gute, bewährte Schauspieler wie Benicio del Toro, Anthony Hopkins, Hugo Weaving, Emily Blunt und Max von Sydow. Aufwendige Effekte und Masken. Eine gehörige Menge Blut und Gewalt, was ihn noch zehn Jahre zuvor mühsam um eine FSK 18 hätte kämpfen lassen (aber die Maßstäbe haben sich merkwürdig verschoben). Das Ganze in einer seriös, extrem ernsthaft (ohne störenden Humor) und mit guten Dialogen aufgebauten Geschichte, die wirklich fast jeden Faktor eines guten klassischen Gruselfilms berücksichtigt.
Man kann Regisseur Joe Johnston wirklich wenig Vorwürfe machen. Er macht fast alles richtig, was so ein teures und in bestimmten Bahnen gehaltenes Hollywood-Mainstream-Produkt machen darf. Er hat ja auch mit "Jumanji", "Jurassic Park 3", "Captain America" und "Hidalgo" gelungene Filme abgeliefert. "Wolfman" ist nicht sein Schlechtester.
Der Director's Cut ist 114 Minuten, die fast wirken als ob zwei verschiedene Leute die Hälften geschrieben und inszeniert hätten. Die erste Hälfte ist nämlich zäh und nur von wenigen Highlights durchzogen. Sie beginnt mit einer gruseligen Szene im Wald, wo ein Man von einem Werwolf (noch nicht zu sehen) angegriffen wird. Dann folgen 24 langatmige Minuten mit Gesprächen zwischen Lawrence Talbot und seinem Vater bzw. der Verlobten seines toten Bruders. Ich habe ja nichts gegen ruhige Szenen, wenn sie mit interessanten Dialogen ausgestattet sind oder wenigstens optisch einen Genuß bieten. Aber diese Szenen hier bieten keins von beidem. Die Dialoge sind mittelmäßig, die Optik eher schlecht als gut. Zwar sorgsame Kameraführung, aber das fast leere Landhaus ist zu dunkel, die Farben sind schwach und es wird (wie heute so fot üblich) mit Gegenlicht gearbeitet, d.h. die gefilmte Person steht im Raum, der düster ist, Licht fällt durch das Fenster direkt HINTER der Person ein und blendet die Zuschauer, wobei die Person im Halbschatten bleibt. Richtig miese Angewohnheit heute. Wenn man sich erinnert, wie wundervoll Hammer das gemacht hat: Perfekte Ausleuchtung, frische, satte Farben, deutlichste Bildqualiät - das wurde jede Dialogeszene zum Genuß, auch durch das lebendigere Spiel der Hammer-Darsteller. Bei "Wolfman" schauen alle Personen drein, wie sieben Tage Regenwetter. Bei Hugo Weaving ist man ja gewohnt, daß er stets ein unfreundliches Gesicht macht, aber hier scheint der ganzen Besetzung die Laune verhagelt zu sein.
Dann folgt eine großartige Szene des Überfalls auf das Zigeunerlager, erst durch die Dörfler, dann durch den Werwolf auf beide Seiten.
Dann wieder eine Viertelstunde langweilige Szenen, besonders die mit Emily Blunt sind schwach. Sie ist immer nur zart und fein, aber furchtbar langweilig. Nur am Ende des Films sind auch ihre Szenen gut.
Die zweite Hälfte ist vollkommen anders inszeniert. Schwung, Tempo, haufenweise gute Szenen und Einfälle. Es beginnt mit der Falle, welche die Bewaffneten, dem nun auch zum Werwolf gewordenen Benicio del Toro stellen. Das endet in einem blutigen Gemetzel. Von da an hat der Film keine Schwächen mehr. Man transportiert ihn nach London, dort sind die Szenen im Irrenhaus sehr gut und seine Verwandlung vor den Zuschauern im Studiensaal ist der Höhepunkt dieser Phase. Ein wilde Hatz durch London folgt und schließlich das sehr gute Finale im Herrenhaus auf dem Lande, zu dem er zurückkehrt, um den ursprünglichen Werwolf zu töten. Dieser Kampf der beiden Wölfe hätte dem alten Paul Naschy gefallen. Da wird gefetzt, gebissen und auch mal Sehnen herausgerissen. Brennend stürtzt sich der Werwolf dann nochmal auf seinen Widerpart.
Der komplette Film geht nicht zimperlich zu Werke. Abgerissene Köpfe, Arme, oder herausgerissen Bauchdecken, Blut, Kampf und blitzschnelle Werwölfe. Dafür bekam er in den USA das finanziell schwierige R aufgedrückt, was die Zuschauerzahl auf Erwachsene begrenzt. Schwer, die 150 Millionen Budget einzuspielen. Er ergatterte weltweit im Kino 143 Millionen, aber gottlob durch Scheibenverkäufe und TV-Ausstrahlungen noch weitere über 60 Millionen. Das Geld kam rein, aber jeder Film, der nicht deutlich mehr als das Budget bereits im Kino einspielt, gilt bei Produzenten als Flop.
Qualitativ ist er besser als sein Original von 1941, besser auch als "American Werewolf", weil "Wolfman" viel mehr Ideen, Kämpfe, Härte und Spannungsmomente hat. Zwar erreicht er nicht die Perfektion der Underworld-Reihe, aber diesen dynamischen Stil zu erreichen ist für einen klassischen Horrofilm auch sehr schwer.
Was etwas unverständlich ist: Beim Director's Cut hat man zwei der besten Passagen doch nicht eingearbeitet, sondern sie nur im Bonus-Material untergebracht. Sie gehören zu der London-Hatz. Zum einen wie er in ein Opernhaus eindringt und es aufmischt, zum anderen die Kasperle-Theater-Szene. Beide hätten dem Film gut getan. Dafür hätte man in der ersten Hälfte einige Dialoge mit Emily Blunt rausschneiden können.

Auf jeden Fall ist schade, daß heute doofe Superhelden-Comic-Filme zu Welterfolgen über 1 Milliarde Umsatz werden, und sich ein starker Gruselfilm schwer tut. Er ist nicht so viel schwächer als "From Hell" und "Sleepy Hollow", auch wenn er diese natürlich nicht im Entferntesten erreicht, da diese keine Sekunde Leerlauf und keine Schwächen haben.

(Auszug aus meinem Buch über Filmgenres)

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