Neben seinen bekannten Werken in Spielfilmlänge drehte Lynch, gerade am Anfang seiner Karriere auch einige Kurzfilme, die zum Großteil unbekannt geblieben sind. Dazu gehört auch „Grandmother". Mit über einer halben Stunde Laufzeit fast schon kein Kurzfilm mehr präsentiert uns Lynch eine verworrene Welt. Es ist die Welt des David Lynch. Collagen aus Zeichentrick und Realszenen vermischt zu einem unheimlichen Gebräu, welches erst mal gedeutet werden möchte. Und da könnte es Schwierigkeiten geben.
Wir sehen eine Familie in einem düsteren Haus. Ein kleiner Junge, ängstlich in seinem Zimmer, vom Vater misshandelt, wenn er wieder mal ins Bett gepinkelt hat. Die Mutter, nur apathisch am Küchentisch sitzend. Eine bedrohliche Atmosphäre nicht nur durch das dunkle Farbenspiel und der verwackelten Bilder, auch das komplette Fehlen von Dialogen legt einen Schatten auf den Film. Der Junge wird nur angegrunzt oder wie man das sonst nennen mag, so als seien seine Eltern Tiere. Dass dem Junge Geborgenheit fehlt, ist nicht zu übersehen. Küsse von seiner Mutter verweigert er, so groß ist sein Abscheu. In seiner Verzweiflung pflanzt er einen Samen in die Erde, aus der eine Großmutter entsteht. Bei ihr findet er die vermisste Zuneigung. Doch seine Freude ist nur von kurzer Dauer...
Ich bin mir sicher, dass der Film großes Befremden auslösen wird, bei mir war es jedenfalls so. Auch wenn sich die Handlung nach zähem Beginn dem Betrachter erschließt und einen Hauch von Zugänglichkeit gewährt, bleiben genug Interpretationsmöglichkeiten. Wir erfahren, aufgrund der eingeschränkten Kommunikation, nichts über die beteiligten Personen und ihr Benehmen, warum die Eltern so heruntergekommen sind und der Junge dazu in einem seltsamen Kontrast sauber und vornehm gekleidet ist. Dabei überfordert Lynch den Zuschauer nicht nur mit der Geschichte an sich, sondern auch mit der visuellen Kraft seiner Bilder, die eigentümlich ins Stocken kommen, um dann auch wieder im Zeitraffer weiterzulaufen, dazu wechselt sich Farbe mit Schwarz-Weiß ab. Das alles ist eingebettet in einen allerdings schön klingenden avantgardistischen Elektrosound, der sich für das Entstehungsjahr 1970 erstaunlich anhört.
Fazit: David Lynch hat mit Sicherheit ein künstlerisch ambitioniertes Werk geschaffen. Doch es wirkt auf mich wie ein abstraktes Gemälde, zu dem ich keinen Zugang finden kann, im Gegensatz zu manchem Kunstkenner. Genau solche Leute könnten sich auch eventuell für „Grandmother" interessieren. Und alle, die auf einem Drogentrip sind, natürlich auch...